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Im nördlichen Qullenpark, im Wohngebiet "im Schleid", baut Dietmar Bücher Wohnungen. käufer bechweren sich nun nachträglich Änderungen im Bebauungsplan. Es geht ihnen vor allem um den aus ihrer Sicht ungenügenden Lärmschutz.

"Im Schleid"-Wohngebiet

Fehlender Lärmschutzwall lässt Bewohner nicht schlafen

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Mit einem Patt endete die über zwei Stunden andauernde Diskussion über eine Änderung des Bebauungsplans "Im Schleid", wo Investor Dietmar Bücher bereits Häuser stehen hat und weitere sich im Bau befinden. Hoffnung schöpfen können die bereits dort wohnenden Menschen indes nur wenig.

Von ihren politischen Vertretern und der Stadt im Stich gelassen fühlen sich die Bewohner der Bücher-Häuser nördlich der Nordumgehung im Quellenpark. Im Ortsbeirat der Kernstadt am Dienstagabend schildern sie ihre Situation, fürchten, dass sich die Investition ihres Lebens in ihre neuen Wohnungen als Fehlschlag herausstellen könnte.

Weil bereits aufgrund der 218 Seiten an Einwendungen von Behörden, aber auch zahlreiche der Bewohner, ein hoher Diskussionsbedarf abzusehen war, hebt das Gremium nicht nur die Zeitbegrenzung der Sitzung auf, sondern lässt die Bürger auch direkt zu diesem Tagesordnungspunkt zu Wort kommen. Das nutzen diese, um die zuvor geführten sachlichen Gespräche mit Vertretern der Stadt wie dem Ersten Stadtrat Sebastian Wysocki (CDU) und verschiedenen Fraktionen konstruktiv fortzusetzen.

Es sind Menschen wie Eike Sippel und Saskia Strasser, die ihre Wohnungen zwischen 2015 und 2017 gekauft haben. Immer sei ihnen von den Verkäufern versprochen worden, dass zwischen ihren Wohnungen und der Bahn noch eine sieben Meter hohe Schallschutzwand errichtet werden soll. Die war auch in der zweiten Änderung des Bebauungsplanes mit Rechtskraft im April 2015 klar festgelegt.

Bahn muss bauen

Allerdings liegt hier wie so oft die Tücke im Detail. Denn auf der gleichen Seite heißt es, dass der erforderliche Schallschutz abweichend von übrigen Festsetzungen auch durch andere aktive und passive Bauten des Investors erfolgen kann.

Die Bahn wird noch eine Lärmschutzwand errichten, aber nur mit einer Höhe von 3,50 Metern. Von Bücher soll es nun stattdessen einen Querriegelbau geben, der zur Bahn hin nur Funktionsräume aufweisen darf. Wohn- und Schlafräume sind nach Westen hin anzusiedeln. Zudem hat er weitere Auflagen nach Auskunft von Stefanie Horn von der Planungsgruppe ROB durch passiven Schallschutz an den Gebäuden selbst erfüllt.

"Das Gebiet wird durch den Riegelbau mehr Schallschutz erhalten, auch wenn Teile des Wohngebiets nicht drin sein werden", sagt Wysocki. Das sei bedauerlich, doch jetzt gegen den neuen Plan zu stimmen, bringe den Anwohnern gar nichts.

Denn der Querbau geht nicht über die gesamte Länge des Baugebiets, wie dies für die Schallschutzwand vorgesehen war. Im Norden gibt es bereits Parkplätze, die an Anwohner verkauft wurden. Im südlichen Bereich liegen zahlreiche Leitungen verschiedener Versorger, die nicht überbaut werden dürfen.

Das Ergebnis: Bahnlärm dringt durch diese Lücken weit in das Baugebiet hinein, zumal es dort Wohnungen gibt, die nicht nur Funktionsräume an der Bahnseite haben. Ein Anwohner hat 71 Dezibel A einer S-Bahn bei gekipptem Fenster gemessen.

Die nächtlichen Güterzüge indes sind noch viel lauter. Das etwa führe dazu, dass die Kinder von Anwohnerin Saskia Strasser nun schon um weitere Nachbarschaftstreffen zur Formierung des Protests bitten, in der Hoffnung, nachts nicht mehr von den Zügen geweckt zu werden.

Nicht nur der Umweltbericht zur dritten Änderung weist durch den Wegfall der Sieben-Meter-Wand erhebliche Auswirkungen für die Anwohner durch Lärm und Erschütterungen aus. Auch Schallgutachter Reinhard Ziegelmeyer räumt ein, dass die Wahrnehmung des Lärmpegels deutlich höher liege, als dies seine Berechnungen ergäben. Grund dafür seien kumulierte Schallpegel, etwa auch durch die benachbarten Gewerbeansiedlungen, die durch die gesetzlichen Vorgaben aber nicht aufaddiert, sondern jeweils separat betrachtet werden müssten.

Stadtrat Wysocki zeigt Verständnis für die Sorgen der Bürger. In gemeinsamen Gesprächen sei auch schon so manches erreicht worden. Doch liege es nicht mehr an der Stadt, eine durchgehende Lärmschutzwand zu verlangen, da Investor Bücher seinen Verpflichtungen nachgekommen sei.

Stadt soll eingreifen

"Wir müssen davon ausgehen, dass die Stadt für ihre Bürger kämpft", sagt ein Anwohner. Bücher verdiene gutes Geld, zumal er durch die jetzige Planänderung 30 Wohnungen mehr verkaufen könne und die Verkaufspreise auch erheblich angezogen habe.

Das schließlich greift Ralph Mallmann von den Grünen auf und beantragt, dass der Beschluss im Stadtparlament vertagt werden soll. Solange, bis die Stadt in Gesprächen mit Bücher eine verträgliche Lösung gefunden hat. Sowohl zum ursprünglichen Antrag wie auch zu dem von Mallmann gibt es vier Ja- und vier Neinstimmen. Damit gibt der Ortsbeirat der Kernstadt keine weitere Empfehlung an die folgenden Gremien ab. Die tagen nun noch einmal vor der Weihnachtspause.

Kommentar von Thomas Kopp: Im Interesse der Bürger handeln

Wer an der Bahnlinie kauft, muss wissen, was er tut, könnte man argumentieren. Doch steckt der Teufel einmal mehr im Detail, genauer in der zweiten Änderung des Bebauungsplans.

Laien lesen hier, dass eine sieben Meter hohe Lärmschutzwand errichtet wird. Doch hätte man sich den Satz auch sparen können.

Denn zuvor ist ja – in reichlich komplizierterer Ausdrucksweise – zu lesen, dass Bücher auch Alternativen zur Wand hat.

Tatsachen wurden durch den Bau und Verkauf von Parkflächen im Norden der einmal vorgesehenen Wand geschaffen. Doch im Süden des Areals war es nie möglich, eine Wand zu errichten. Denn die Fernwasserleitung der Ovag in Richtung Frankfurt verläuft hier schon seit Jahrzehnten. Die durfte nie überbaut werden.

Wer hat nun die Käufer der Wohnungen hinters Licht geführt? Sicher kann man anführen, dass für die Käufer alles schwarz auf weiß zu finden war. Auch für die ehrenamtlichen Stadtverordneten, die der Änderung im März 2015 ohne größere Diskussion zugestimmt haben. Doch liegt es doch eher an den Profis, solch einschneidende Änderungen zu besprechen.

Hier ist die Stadtverwaltung zu nennen, die bei allen Verdienstmöglichkeiten durch den Verkauf der Grundstücke auch das Wohl der künftigen Bewohner im Auge haben muss.

Aber auch der Investor selbst, der seine Verkaufsvertreter nach Aussagen der Käufer auch dann noch von der Lärmschutzwand sprechen ließ, als diese schon längst passé war.

Will man Rechtsstreitigkeiten vermeiden, sollten sich Käufer, Verkäufer und Stadt noch einmal zusammensetzen, um zu eruieren, was man mit einem vertretbaren Kostenaufwand noch realisieren kann.

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