Flüchtlinge in der Wetterau

Flüchtling aus Indien steckt in der Wetterau fest

  • VonDieter Deul
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Es ist die Chance für den Bad Vilbeler Flüchtling Jaspreet Singh, auf eigenen Füßen zu stehen. Doch die Behörden stellen sich quer.

Jaspreet Singh (20) hat es eigentlich geschafft. Der Flüchtling aus dem indischen Punjab hat seinen Realschulabschluss gemacht und jetzt die Ausbildung zum Sozialassistenten. Doch Jobs gibt es nicht, weil er alle drei Monate seine Aufenthaltserlaubnis verlängern muss. Da er von der Wetterauer Ausländerbehörde keinerlei Unterstützung erhalte, will er in Hannover eine Hotel-Ausbildung beginnen. „Ich will mein eigenes Geld verdienen“, betont Singh. Doch es könnte daran scheitern, dass der Kreis die Genehmigung für den Umzug nicht erteilt.

Schlimmere Zeiten hat Jaspreet Singh schon erlebt., denn er gehört der Religionsgemeinschaft der Sikhs aus dem indischen Punjab an. Er erinnert sich an seine Schulzeit unter vielen Hindus. Er solle seine Religion wechseln, hätten die Mitschüler gesagt, „da gab’s richtig Stress. Die hatten Macht, die wollten mich weghaben.“ Als der Druck zu groß wurde, hätten seine Eltern ein Grundstück verkauft, um seine Flucht zu finanzieren.

Daran könne er sich nicht genau erinnern: „Wir sind mit dem Auto durch Indien gereist, dann auf der dunklen Ladefläche eines Lastwagens, vielleicht durch Afghanistan und die Türkei.“ Weiter mit dem Schiff nach Deutschland: „Es könnte Hamburg gewesen sein.“ Dann ging es direkt nach Frankfurt, so Jaspreet. Dort habe ihn die Polizei ohne Pass aufgegriffen. Er sei später vom Jugendamt in die Jugendhilfe-Wohngemeinschaft Möwe Jonathan nach Bad Vilbel gekommen.

Inzwischen hat er fließend Deutsch gelernt, an der John-F.-Kennedy-Schule seinen Realschulabschluss gemacht. In Bad Nauheim hat er von 2013 bis jetzt an der Beruflichen Schule am Gradierwerk seine Ausbildung zum Sozialassistenten abgeschlossen und könnte damit in der Jugendhilfe arbeiten. Doch es gab nur Absagen: Jaspreet ist nur ein „Geduldeter“, seinen Aufenthaltsstatus muss er alle drei Monate erneuern lassen. Theoretisch könnte er jederzeit in den Punjab zurückgeschickt werden – ins Nichts.

Kein Kontakt zu den Eltern

Bislang hat Jaspreet vergeblich versucht, zu seinen Eltern in einem kleinen Dorf Kontakt aufzunehmen. Briefe waren nicht zustellbar, auch das DRK und der dortige Bürgermeister der Gemeinde konnten keine Verbindung herstellen. Vielleicht sind sie weggezogen, denkt Jaspreet – hat aber Angst, sie könnten nicht mehr am Leben sein.

Auch zu der Sikh-Gemeinde in Frankfurt, deren Gottesdienst er regelmäßig besucht, hat er noch keine Kontakte knüpfen können. „Das ist eine sehr schwierige Situation“, sagt er. Derzeit lebt er mit einem anderen Flüchtling aus dem Punjab in einer eigenen Wohnung auf dem Heilsberg. Die Miete wird vom Steuerzahler bezahlt.

Doch das ist für Jaspreet nicht die Zukunft. „Ich möchte eine Chance bekommen, kein Geld vom Staat, sondern mein eigenes erarbeiten“, betont er. „Ich habe in drei Jahren alle Ausbildungen gemacht, um bessere Perspektiven zu haben.“ Deswegen hat er sich in Hannover für eine Ausbildung als Hotelfachmann beworben – und eine Zusage bekommen. Am 1. August könnte es losgehen, doch es gibt eine Hürde. Da er als geduldeter Flüchtling nur im Wetteraukreis wohnen darf, müsste ihn die Friedberger Ausländerbehörde „entlassen“. Es gebe sogar die Zusage der Gifhorner Ausländerbehörde, dort registriert zu werden, sagt Jaspreet. Das würde den Wetteraukreis sogar finanziell entlasten. Doch Jaspreets Bitte, seine Unterlagen an die Ausländerbehörde in Gifhorn weiterzuleiten, bleibt in Friedberg seit eineinhalb Monaten unbeantwortet.

Jaspreet ist enttäuscht. Einem Freund sei in Hanau eine betriebliche Ausbildung genehmigt worden. Ihm werde das verwehrt. Der Grund sind Ermessensspielräume und Kann-Bestimmungen, die ihm in Friedberg zuungunsten ausgelegt würden, klagt Jaspreet.

Sowieso abgeschoben

Einmal habe ihm ein Mitarbeiter gesagt, es lohne sich nicht, weil er sowieso abgeschoben werde. Doch schriftlich hat er die Ablehnung, trotz Anfrage vor Monaten, nicht bekommen. Bei den Verlängerungen der Duldung habe es nur Vorwürfe gegeben.

Aber Jaspreet hat einen Plan B. Aufbauend auf den Sozialassistenten könnte er in Frankfurt noch eine Ausbildung zum Fachabitur Sozialwesen machen. Immerhin: In die Metropole darf er seit März reisen. Zuvor war sein Aufenthalt offiziell auf die Wetterau beschränkt. Landrat Joachim Arnold (SPD) versprach dort bereits im September 2013, dass die Ausländerbehörde eine „Willkommensbehörde“ werden solle. „Das ist nicht so“, meint Jaspreet dazu nüchtern – und: „Es geht dabei um meine Zukunft.“

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