Zum Schutz der Flüsse

Freie Bahn bis Köppern

  • Thomas Kopp
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Um die Bad Vilbeler Fließgewässer ist es immer besser bestellt. Nach zahlreichen Projekten an der Nidda ist nun der Erlenbach bei Massenheim wieder näher an sein ursprüngliches Erscheinungsbild herangebracht worden. Der Gewässerökologe Gottfried Lehr freut sich darüber verständlicherweise. Trotzdem bleibt noch einiges zu tun.

Vor 50 Jahren waren fast alle deutschen Bäche und Flüsse in einem erbärmlichen Zustand. Mit viel Mühe und Engagement werden sie nun wieder in ihre natürliche Form gebracht, um alten und neuen Tierarten Heimat bieten zu können. „Bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Flüsse und Bäche kanalisiert, das natürliche Gefälle wurde durch Wehre aufgefangen“, skizziert der Bad Vilbeler Flussexperte Gottfried Lehr.

So auch im Erlenbach in Massenheim im verlängerten Mühlengrund in Richtung Berufsförderungswerk. „Das Wehr hier hat den Fließbereich oberhalb komplett zerstört und einen langen Rückstau verursacht“, schildert der „Niddapapst“ Lehr. Er akzeptiert zwar, dass manche Wehre auch sauberen Strom produzierten, doch so ökologisch sei die Sache in ihrer Gesamtheit betrachtet dann eben doch nicht. Das Wehr im Erlenbach war massiv. Da reichte es nicht, dass bereits Anfang des Jahrtausends zwei Mal mit Dynamit gesprengt wurde. Denn der Unterbau des Wehres blieb, Fische konnten die Stufe nicht überwinden. „Das hat Lebensräume zerstört.“

Deswegen hat die Gerty-Strohm-Stiftung, neben etwa der Hassia eine Triebfeder bei der Renaturierung der Flüsse in der Region, erneut in den Geldbeutel gegriffen. Mittels Bagger wurde die Staustufe nun entfernt. Über die Kosten für die Aktion wurde Stillschweigen vereinbart. „Wir haben es zuerst mit einem Kompressor versucht, das ging aber nicht. Also mussten wir eine kleine Schneise schlagen, um den Bagger an den Fluss zu bringen“, erklärt Lehr.

Doch selbst die dabei gefällte Erle hat einen weiteren Verwendungszweck. „Der Baum war ohnehin krank, das Totholz haben wir hier abgelegt. Es dient nun Igeln und Käfern als natürlicher Lebensraum“, schildert Lehr weiter. Von der Schneise sei in wenigen Jahren nichts mehr zu sehen. Einen Teil des Ufers erobere sich der Erlenbach nun zurück, er bilde Ausbuchtungen.

Und dann kämen die Erlen, die den Rest des Ufers absicherten. „Der Auenwald hier wurde vor 15 Jahren gepflanzt, auch, um Schadstoffe durch Dünger wie Methan zu binden.“ Methan gilt als Klimakiller, riesige Mengen schlummern unter dem Polareis. Würde dies freigesetzt, befürchten Klimaexperten eine rapide Verschlechterung des globalen Zustands.

Auch im Bach selbst passiert einiges: „Wir haben hier jetzt über 100 Meter Stromschnellen. Das Wasser hat den Schlamm weggespült und eine Kiesrausche entstehen lassen“, freut sich Lehr. Nicht nur die Forelle und die Meerforelle fühlten sich hier wohl und könnten die Staustufe passieren. „Der Erlenbach ist nun lückenlos durchgängig bis nach Köppern“, sagt der Gewässerexperte. Sogar für den Lachs wäre das Gebiet gut geeignet. „Ich hoffe ja immer noch auf die Rückkehr der Lachse“, gibt sich Lehr optimistisch. Vielleicht nicht einmal zu Unrecht, denn immerhin seien ja schon Vögel wie der Reiher und der Eisvogel an die Nidda und den Erlenbach zurückgekehrt. Aber zurück zu den Fischen: Die von Hassia angetriebene Wiederansiedlung der Nasen zeige großen Erfolg. „Der Bestand ist bis in den Main hinein viel größer geworden.“

In Richtung Main stehen die nächsten Aufgaben an. Da die Nasen in den kommenden Wochen flussaufwärts kommen, müssen bestehende Wehre abgesenkt werden. Das sei für die kommenden sechs Wochen zu erwarten.

An der Nidda selbst gehe es planmäßig weiter, auch wenn nicht jeder Bereich – vor allem in den Ortskernen – vollkommen renaturierbar sei. So etwa im Bereich rund um die Bad Vilbeler Volksbank.

Der Verlauf bei Dortelweil gelte hingegen als Musterbeispiel für einen renaturierten Fluss, es biete sich für viele umweltpädagogische Zwecke an. „Wir müssen die Menschen an den Fluss heranbringen“, ist Lehrs Überzeugung. Er steht deswegen auch voll hinter dem Projekt, Teile der Nidda mit dem Stocherkahn zu befahren (die FNP berichtete) und bei Touren über die Natur zu sprechen.

40 bis 50 Jahre werde die Renaturierung der gesamten Nidda wohl noch in Anspruch nehmen. „Die Natur hat ihr Recht. Was wir ihr nicht geben, nimmt sie sich dann einfach“, ist Lehr überzeugt.

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