Doppelmord in Ilbenstadt

Freund des zerstückelten Mannes belastet Angeklagten schwer

Ist das Motiv Habgier, aus dem der Bad Vilbeler Angeklagte im vergangenen April erst seinen jüngeren Bruder Rainer und anschließend seinen bettlägrigen Vater Rüdiger im elterlichen Haus in Ilenstadt umgebracht hat? Oder geschah die grausame Tat im Affekt? Das Bild, das sich für das Gießener Schwurgericht aufgrund der Zeugenaussagen abzeichnet, scheint klarer zu werden.

Am siebten Verhandlungstag vor der Ersten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts kommen die Freunde des mutmaßlich in Ilbenstadt von seinem Bruder auf grausame Art Getöteten zu Wort. Vor allem die Aussage eines langjährigen engen Freundes scheint die Hintergründe des Familiendramas ein wenig tiefer auszuleuchten.

Bis zum Jahr 2009 in etwa soll die Ilbenstädter Familie eine ganz normale gewesen sein. Der Vater streng und unnahbar, die Mutter liebevoll und stets besorgt um den Zusammenhalt der Familie und die fünf Kinder ohne engere Bindung zueinander, aber auch ohne größere Streitigkeiten.

Weil der Vater bereits über 80 Jahre alt war, haben die Eltern ein Testament gemacht, demnach zunächst der überlebende Ehegatte allein erbt und danach der älteste Sohn – gegen ihn wird verhandelt – als hauptbegünstigter Erbe eingesetzt wird. Er sollte anschließend seine Geschwister auszahlen.

Als die Mutter 2011 einen Schlaganfall erleidet und körperlich und geistig nur noch eingeschränkt Handlungs- und geschäftsfähig ist, ändert dies das gesamte Familienleben. Da auch der Vater immer gebrechlicher wird und außerdem an Knochenkrebs erkrankt, kündigt der nun getötete Sohn seine Arbeitsstelle und zieht zu den Eltern, um von da an die Pflege seiner Eltern zu übernehmen.

Der Vater ändert daraufhin sein Testament. Von diesem Zeitpunkt war nicht mehr der älteste Sohn Alleinerbe, sondern das spätere Mordopfer. Der erhält dann auch Handlungsvollmacht über das elterliche Vermögen. Immer wieder sollen danach, laut der Zeugenaussage des Freundes, die beiden älteren Geschwister versucht haben, den Vater umzustimmen. Dies bleibt zwar erfolglos, doch muss es die Eltern stets sehr aufgewühlt und zu großen Zerwürfnissen zwischen den Geschwistern geführt haben.

Als nach einem weiteren Schlaganfall der Mutter der Angeklagte und seine Schwester die Mutter nach einer Ausfahrt im Rollstuhl nicht wieder zu Hause abliefern, sondern ins Altenheim bringen, ändert der Vater ohne das Wissen der übrigen Geschwister die Handlungsvollmacht des jüngeren Bruders in eine General-Vorsorgevollmacht. Nur der jüngere Bruder kann fortan über den Aufenthaltsort der Eltern, über deren medizinische Versorgung und deren Vermögen verfügen.

Als die Mutter am 30. März 2016 stirbt, kommt es zum offenen Eklat. Der Angeklagte und seine Schwester lassen zuerst die Konten der Eltern sperren und verlangen dann Zutritt ins elterliche Heim. Die Sperre der Konten kann der jüngere Bruder zwar mit Hilfe eines Rechtsanwaltes und Vorlage des neuen Testaments zwar sehr schnell aufheben, doch der Streit zwischen den Geschwistern eskaliert dadurch immer stärker.

Am Freitag, 15. April 2016, erscheinen der Angeklagte und seine Schwester an der Tür des Elternhauses in Ilbenstadt. Doch der jüngere Bruder verwehrt ihnen mit dem Hinweis, dass sie seit wenigen Tagen Hausverbot hätten, den Eintritt. Daraufhin soll der Angeklagte gedroht haben: Das wirst du noch bereuen.“ „Außer dem jüngeren Bruder hat sich keiner der Geschwister in all den Jahren auch nur einen Hauch um das Wohlergehen der Eltern gekümmert. Denen ging es am Ende doch nur um das Erbe“, fasst der Zeuge seine Eindrücke zusammen. Er bestätigt auch, dass sein Freund seine Eltern sehr aufopferungsvoll gepflegt habe und er sein ganzes Leben danach ausgerichtet habe.

In der Nacht zum 16. April ist es dann zu den Tötungen gekommen. Die beiden Rettungssanitäter, die in der Nacht als erste am Tatort waren, sagen am gestrigen Verhandlungstag aus, dass sie den Angeklagte schwer verletzt auf der Kellertreppe vorgefunden hätten. Auf die Frage, was passiert sei, soll er geantwortet haben: „Ich habe das Feuer gelegt.“ Dann soll er nur noch seinen Namen und sein Alter genannt haben. Ansonsten habe er geschwiegen, so die beiden Sanitäter übereinstimmend, „was in Anbetracht seiner schweren Verletzung auch kein Wunder gewesen ist“.

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