Auszüge aus den Kirchenbüchern von Dortelweil, die Philipp Schneider betreffen. Im Vordergrund das historische Textdokument zu seiner Trauung mit Elisabetha Kaiser am 9. Februar 1840.

Der Wiedergänger von Dortelweil

Die Geschichte von Philipp Schneider zeigt: Glückliche Witwen sollten sich nicht zu früh freuen

Philipp Schneider lebte im 19. Jahrhundert in Dortelweil. Seine Geschichte handelt von Abenteuern in Zeiten, in denen zischen Dortelweil und Gronau noch eine Grenze verlief und von einer überraschenden Auferstehung von den Toten, sehr zum Ärger der vermeintlichen Witwe.

Der Sieg über Napoleon und die Beschlüsse des Wiener Kongresses hatten im Großherzogtum Hessen nichts verändert: Die Grenzen des ehemaligen Rheinbundstaates blieben im Prinzip die gleichen, und die einfache Bevölkerung fristete weiterhin ein entbehrungsreiches Leben. Sozialer Aufstieg war ein Fremdwort. Es galt der Stand als unüberwindbar, in den man hineingeboren wurde. Dazu kamen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hohe Steuerabgaben, Hungersnöte und Missernten. Bis zur Märzrevolution 1848/49 setzten bereits viele Leute alles auf eine Karte und suchten ihr Glück in der Neuen Welt. Andere blieben dem Dasein ihrer Vorväter in der Heimat treu. Und dann gab es noch Typen wie Philipp Schneider.

Auf den ersten Blick führte der gebürtige Klein-Karbener ein ganz normales Familienleben, sieht man einmal davon ab, dass er seine ersten beiden Kinder außerehelich gezeugt hatte. Durch die Eheschließung am 9. Februar 1840 wurden sein Sohn Johann Philipp und seine Tochter Maria Catharina kirchlich legitimiert. Die Familie ließ sich in Dortelweil nieder, woher auch seine Frau Elisabetha, eine geborene Kaiser, kam. Vier weitere Kinder sollten bis 1850 noch das Licht der Welt erblicken.

Eine völlig andere Seite offenbarte Schneider allerdings bei seinen Streifzügen durch die hiesige Gegend. Dortelweil gehörte seinerzeit zum Gebiet der Freien Stadt Frankfurt am Main, Gronau auf der anderen Seite der Nidda war kurfürstlich-hessisch. Dort kannte Schneider einen Mann, mit dem er höchstwahrscheinlich sogar verwandt war: den Gewohnheitstrinker Johannes Deibel. Dessen Vater, ein ehemaliger preußischer Soldat, war mit einer geborenen Schneider aus Klein-Karben verheiratet. Blutend im Unterholz

Vielleicht war es ja jene Vetternschaft, die Schneider und Deibel 1844 in den Klein-Kärber Hissigwald führte, um widerrechtlich Holz zu schlagen. Als sie von dem Forstschützen Fauerbach aus Klein-Karben erwischt wurden, griffen sie diesen gemeinsam an. Schneider attackierte den Mann dabei von hinten. Vermutlich kannten sie sich. Im Verlauf des Kampfes wurde Deibel ins Bein geschossen. Blutend blieb er im Unterholz liegen, wo er dann die ganze Nacht verbringen musste. Sein Vetter aber flüchtete über die Grenze nach Dortelweil, ohne sich weiter um den Angeschossenen zu kümmern.

Ein weiteres Mal wurde Philipp Schneider auf kuriose Weise im Beerdigungsregister des Okärber Kirchenbuches aktenkundig. Unter dem 30. März 1847 hielt Pfarrer Adolf Becker folgenden Sterbeeintrag fest: "(…) gegen Abend ward dahier in der Nidda ertrunken gefunden Philipp Schneider, Einwohner und geweßener Küfer zu Dortelweil (...) und wurde die Leiche (…) an das anatomische Theater zu Gießen abgeliefert."

Verrückt wird es allerdings in der nachträglich beigefügten Randbemerkung: "Nebenbenannter Philipp Schneider war mit einer anderen Leiche, die in der Nidda bei Okarben gefunden, verwechselt worden, da er am ersten Ostertage Morgens, zum großen Schrecken seiner Frau, die ihn gerne los war, lebend nach Dortelweil zurückkehrte." Warum man glaubte, es handele sich bei der Wasserleiche um Schneider, lässt sich nicht rekonstruieren. Einige Zeitgenossen hofften wohl nur, dass er es sei. Seine Frau hätte ihm vermutlich kaum eine Träne hinterher geweint. Ein Jahr Zwangsarbeit

Lange Zeit war der "Wiedergänger" straflos davon gekommen. Doch das sollte sich im Jahr 1855 ändern: Am 5. Mai wurde Schneider vom Landgericht Vilbel wegen Widersetzung zu einem Jahr Korrektionshaus (Arbeitshaus) verurteilt. Ob er nach der Zwangsarbeit geläutert war, lässt sich nicht sagen. Sicher scheint hingegen, dass er seine letzten Jahre einsam verbrachte.

Trotz turbulenten Lebenswandels überlebte er fast alle seine Söhne und Töchter. Seine Frau Elisabetha war irgendwann fortgegangen, denn ihr Name ist nicht unter den Beerdigten in Dortelweil zu finden. Philipp Schneider selbst starb am 11. Januar 1872 "seines Alters 64 Jahre, 10 Monate, 23 Tage" und wurde zwei Tage später auf dem Dortelweiler Friedhof beigesetzt.

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