Auf gesundem Weg zu neuen Jobs

  • VonDieter Deul
    schließen

40 Jahre alt wird das Berufsförderungswerk Frankfurt (BFW) in Bad Vilbel. Aus dem einstigen Umschulungsbetrieb für Rehabilitanden ist ein praxisnah aufgestellter Dienstleister geworden. 850 Teilnehmer, darunter immer mehr Ältere, werden dort unter realen Bedingungen für neue Tätigkeiten qualifiziert. Vier Fünftel finden danach wieder eine feste Beschäftigung.

Aufmerksam hört Claus Morgenstern (50) seinem Gegenüber zu. Martin Hug spielt einen aufgeregten Kunden, der sehr genaue Vorstellungen vom Bodenbelag seines neuen Hauses hat. Hug ist Ausbilder für den Fachassistent Baumarkt, Morgenstern sein Auszubildender. Fachkundig empfiehlt er Korkbelag, „der klackert nicht so“ – und auch den Einwand, es könne Schatten im Material geben, wenn was drauf steht, pariert der Azubi: „Dann legen Sie einfach einen Teppich drunter.“ Morgenstern ist ein mittlerweile typischer Rehabilitant im Berufsförderungswerk. Mit 50 gehört er der immer größer werdenden Gruppe älterer Arbeitnehmer an, die im BFW mit kurzen Qualifikationen zurück in den Job gebracht werden sollen.

Neuer Arbeitsplatz sicher

Der Weg zum Baumarkt-Fachassistenten dauert elf Monate und endet mit einem IHK-Zertifikat. Morgenstern ist nicht ganz fachfremd. Er war zuvor als Maler und Lackierer tätig. „Das hier ist oberes Niveau“, lobt er die Ausbildungsbedingungen in der Huizener Straße. Auch, dass es noch weitere über 50-Jährige dort gibt, motiviert ihn. Und „die Ausbilder nehmen sich viel Zeit.“ Auch für Morgenstern hat sich der Einsatz gelohnt. Im März beginnt seine betriebliche Phase als Verkäufer für Farben und Tapeten. Fünf Monate Einarbeitung – wenn er sie bestanden hat, sei ihm ein neuer Job sicher, erzählt er.

Für die Bad Vilbeler ist der riesige Gebäudekomplex an den Tennisplätzen seit der Inbetriebnahme des BFW am 14. Oktober 1974 schlicht das „Reha-Zentrum“. Doch mit diesem Begriff kann Geschäftsführer Hartmut Fuchs heute nur noch wenig anfangen, denn das Haus hat seither mehrere Umbrüche gemeistert. Am Anfang war es noch ein Ort, wohin Rehabilitanten in großen Gruppen zur Umschulung geschickt wurden. Inzwischen werden dort passgenaue Lösungen gestrickt, man sieht sich als „Dienstleister für Arbeit und Gesundheit“, so Fuchs.

Drei Zielgruppen hat er im Blick: Menschen mit Behinderungen, Unternehmen und Rententräger, die Hauptfinanziers.

Die Zeit der großen Veränderungen kam nach der Jahrtausendwende: mit Hartz IV fielen massiv Kunden weg, in den Jahren 2004/05 musste das BFW selbst abspecken, suchte nach neuen Aufgaben. Die fanden sich in Kooperationen mit Betrieben und Unternehmen beim Fördern neuer Potenziale von Mitarbeitern, die Probleme in ihrer bisherigen Tätigkeit bekommen hatten.

Ein Partner des BFW ist der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport. Dieser gibt in Bad Vilbel „Potenzialanalysen“ in Auftrag. Dabei geht es um Mitarbeiter, die gesundheitliche Probleme bekommen haben, was sich in vermehrten Krankheitstagen ausdrückt. In diesem Fall kommt der Mitarbeiter ins BFW, wo getestet wird, ob er von der strapaziösen Tätigkeit auf dem Rollfeld ins Büro gelangen kann, etwa mit einer technischen oder kaufmännischen Ausbildung.

Die dauert im BFW maximal zwei Jahre. Das liege daran, dass die Ausbildung kompakt ganztags im eigenen Lernunternehmen im Haus stattfinde. Auch für die Unternehmen ist diese Lösung von Vorteil. Denn angesichts des Fachkräftemangels wird das Halten erfahrener älterer Mitarbeiter für Firmen immer wichtiger, so Fuchs. Gleiches gilt für die Qualifikation des Nachwuchses.

Im Gegensatz zu vielen Maßnahmen der Jobcenter, die ihre Teilnehmer oft nur in Weiterbildungsangebote des „zweiten Arbeitsmarktes“ schicken, habe das BFW die reale Wirtschaft im Blick. „Wir haben tausend Unternehmen in unserer Datenbank, gerade der Mittelstand steht für erfolgreiche Wiedereingliederung“, so Fuchs.

Unter den 30 deutschen Berufsförderungswerken hat das Bad Vilbeler BFW einen guten Stand. So haben im Durchschnitt bundesweit 67 Prozent der Teilnehmer eine feste Beschäftigung, bei den BFW-Absolventen sind es dagegen stolze 74 Prozent. Auch eine weitere Zahl findet Fuchs erstaunlich:selbst ohne Quote habe das BFW inzwischen einen Frauenanteil von über 50 Prozent.

Auslaufmodell Gartenbau

Im BFW gibt es seit 2005 einen Sauna-Bereich und ein Fitnessstudio. Die Rehabilitanten werden zudem von drei Medizinern betreut: einer Psychiaterin, einem Orthopäden, einem Internisten. Termine können bei der hauseigenen Physiotherapeutin vereinbart werden.

Veränderungen in der Wirtschaftswelt finden über kurz oder lang auch ihren Niederschlag im BFW. So wurde nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes 2003 auch der bis dato boomende IT-Bereich heruntergefahren. Jetzt läuft der Bereich Gartenbau aus, es gibt kaum Nachfrage nach Zierpflanzengärtnern.

Erfolgreich läuft dagegen das Ausbildungshotel „Zu den Quellen“, das 2009 in einem ehemaligen Internatstrakt eröffnet wurde. Zunächst gab es Proteste der örtlichen Hoteliers, aber der legte sich rasch. Denn das in eine GmbH ausgegliederte Hotel soll keine Kunden wegschnappen, auch keine Frankfurter Messegäste. Dort werden Teilnehmer von Seminaren aus dem Reha-Bereich untergebracht. Zudem gibt es einen Bereich für das beruflich bedingte „Wohnen auf Zeit“.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare