Stadtführer Peter Schöttner erzählt

Heilsberg: Wo einst der Lehm-Adel wohnte

Vom einstigen Truppenübungsplatz zur Siedlung: Der Heilsberg hat sich stark entwickelt. Unter dem Titel „Die Bad Vilbeler Höhe“ erklärt Stadtführer Peter Schöttner, wie das Gebiet nach und nach besiedelt wurde – und woher der Name Heilsberg eigentlich kommt.

„Bis 1748 stand hier ein Tannenwald, aber dann nutzten die Franzosen das Holz für Frankfurt“, sagt Peter Schöttner. Er ist vom Verein für Geschichte und Heimatpflege und führt die kleine Gruppe nun seit eineinhalb Stunden über den Heilsberg. „Ab 1897 gab es hier oben nur das Kurhaus von Herrn Brod“, bemerkt Schöttner. Brod habe seine Kurgäste immer für Anwendungen zum alten Rathaus gefahren. Denn auf dem heutigen Heilsberg sei es schöner gewesen: „Hier oben war ein besseres Klima, unten war ein Bauerndorf. Es stank, war eng und laut, auch durch das Befüllen der Glaswasserflaschen.“

Später hätten die Amerikaner den Ort als Truppenübungsplatz genutzt. Nach dem Krieg seien dann vor allem kirchliche Einrichtungen für die Versorgung der Flüchtlinge zuständig gewesen. Der Pfarrer habe deshalb angefragt, ob man das Gebiet zur Bebauung nutzen könne. „Geplant war eine Bebauung für 6000 Menschen“, erzählt der Stadtführer, „die heutige Kernstadt Bad Vilbels hatte da gerade mal 3500 Einwohner.“ Eine beachtliche Summe, bedenke man, dass der Heilsberg heute 6000 Bewohner hat.

Dann fing man an zu bauen, denn Lehm war im Boden genug vorhanden und konnte als Material verwendet werden. 1946 standen die erste drei Häuserreihen. „Man nannte die Bewohner auch Lehmadel“, scherzt Schöttner. Denn die Häuser bestanden aus Lehm und abgetragenen Resten von vom Krieg zerstörten Häusern. Sie verfügten weder über Wasser noch über Strom oder Kanalisation.

Gekostet habe ein solcher Lehmbau mit Grundstück 10 000 bis 15 000 D-Mark. Nach und nach fing man an, andere Bauweisen und Materialien zu verwenden. „Wer ein Haus haben wollte, der musste gewisse Arbeitsstunden aufbringen.“ Das sei dann bei der Abbezahlung berücksichtigt worden. Kriegsflüchtlinge hätten es außerdem einfacher gehabt, eine Arbeitsstelle zu bekommen, weil sie bevorzugt wurden. Schöttner deutet auf einige alte Reihenhäuser, die eine Wohnfläche von nur 46 Quadratmetern haben: „Diese Häuser waren für eine ganze Familie, vier bis sechs Personen, gedacht.“

Schon 1946 habe es einen Bebauungsplan für den Heilsberg gegeben, auf dem bereits eine Schule und ein Altersheim angedacht waren. „Wenn man den damaligen Plan mit dem heutigen Stadtplan vergleicht, erkennt man kaum Unterschiede“, sagt er und zeigt zur Veranschaulichung die zwei Bilder.

Man habe früh angefangen, die Ernst-Reuter-Schule zu bauen: Ab 1957 seien die ersten Schulklassen eingezogen – darunter auch seine eigene. „Man hatte alles Nötige vor Ort und musste eigentlich nicht in die Kernstadt“, sagt Schöttner.

Eine Besonderheit sind die zwei Grundstücksgrenzen in der Straße am Hang. Einige Zäune sind zurückgesetzt, wodurch zwei Grenzen zur Straße hin entstehen. Denn der vordere Streifen zur Straße hin gehöre eigentlich der Stadt. „Man wollte es sich hier vorbehalten, die Straße später mal zu verbreitern“, erklärt Peter Schöttner, „aber ab der Adolf-Freudenberg-Anlage hat man die Grundstücke ab der Straße verkauft.“ Damit hatte sich die Straßenerweiterung erledigt. Da die Stadt nun keine Verwendung mehr dafür habe, könnten die Anwohner den Streifen kostenlos, zum Beispiel als Parkfläche, nutzen.

Im Juni 1948 sei schließlich ein Name für das Gebiet gesucht worden. An der Namensfindung habe sich jeder beteiligen dürfen. Schließlich habe die Wahl zwischen „Gottesberg“ und „Heilsberg“ gestanden. Die Mehrheit entschied sich für „Heilsberg“: „Man wollte damit an die gleichnamige Stadt im Ermland erinnern.“

Schöttner verrät: Der Heilsberg ist eigentlich gar kein eigener Stadtteil – denn er hat kein Wappen. Er zähle deshalb zur Kernstadt. Der Experte führt seine Gäste durch kleine, enge Wege, die laut ihm so angelegt worden sind, dass ein Bollerwagen durchpasst. Dann bleibt er an der Stelle stehen, wo früher ein Schwarzwald-Fertighaus mit dem ersten Kindergarten des Heilsbergs stand und zeigt den Standort der ersten evangelischen Kirche aus Holz, die heute in Altenstadt steht.

In der Sudetenlandsiedlung, erklärt er, habe es dann bereits eine professionellere Bauweise gegeben. Es gab richtige Straßen, einen Abfluss, Strom, Wasser. Über 165 Häuser würden dort mittlerweile stehen. 145 seien ursprünglich geplant gewesen. Bis heute sei an den meisten Häusern jedoch nicht viel verändert worden. Er beendet seinen Rundgang mit Blick auf die Ami-Siedlung: Diese wurde 1955 nach amerikanischem Stil erbaut, ist aber mittlerweile in der Hand neuer Hausbesitzer.

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