Flüchtlinge in Vilbel angekommen

Hürden für die Integration

  • schließen

Trotz sinkender Flüchtlingszahlen gibt es in Bad Vilbel noch keine Entspannung. Bürokratische Hürden und fehlende Beratung machen es Helfern und Neuankömmlingen weiter schwer, den Schritt vom Ankommen zum Hineinkommen in ein selbstständiges Leben zu gehen.

Mazhar (33) ist vor sieben Monaten aus dem syrischen Latakia nach Bad Vilbel gekommen. Seine Familie lebt noch in Syrien. Der Nachzug seiner Angehörigen ist nur ein Problem, das ihn beschäftigt. Daran ist erst zu denken, wenn er eine Aufenthaltsgenehmigung hat. Aber das dauert. Die Dinge könnten schneller gehen und besser organisiert, findet Mazhar. Der Syrer ist Elektroingenieur. Seine Zertifikate hat er mitgebracht. Dass er sie zur Prüfung zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schicken muss, hat er erst jetzt erfahren.

Was er damit anfangen kann, wo er sich weiterqualifizieren muss, das alles ist offen. Angelika Ungerer, die Vorsitzende des Bad Vilbeler Flüchtlingshilfevereins, ergänzt, auch Sprachzertifikate müssten von der Handwerkskammer anerkannt werden. Das koste die Leute 295 Euro. Die übernehme das Jobcenter, wirft Ausländerbeirat Semaan Semaan ein. Mazhar ist verwirrt: „Wir müssen lernen, was wir tun sollen. Was ist erlaubt? Was ist verboten?“

Bei dem Gespräch in der Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen Halle des Hessischen Turnverbandes in der Huizener Straße wird schnell klar: Trotz der aktuell stark rückläufigen Flüchtlingszahlen nach der Schließung der griechischen Grenze kann von Entlastung keine Rede sein.

Es kommen jetzt nicht jede Woche 15 neue Flüchtlinge, erklärt die städtische Koordinatorin Susanne Förster. Doch weise Bad Vilbel kreisweit die höchste Negativquote bei Zuteilungen auf, aktuell minus hundert. Das bedeute, dass alle Zuweisungen nach Bad Vilbel kommen. „Unsere Planungen sind weiter auf Zuwachs angelegt.“

„Es kommen nicht mehr zehn bis 20 Leute pro Woche“, sagt Ungerer. Die ersten Hilfen, wo es was in Bad Vilbel gebe, die Vermittlung zu Ärzten, in Schulen und Kindergärten seien inzwischen eingespielt. 139 Mitglieder hat der Flüchtlingshilfeverein, dazu kommen 50 bis 60 weitere Unterstützer.

Viel werde getan, um die Neuankömmlinge einzugliedern: Von Bienenzucht bis Basketball, von Musik- und Tanzgruppen, Auftritten beim Quellenfest, einem Fahrradbasar. Doch es geht längst nicht mehr nur ums Ankommen, sondern um das Hineinkommen, um den Weg zur Selbstständigkeit und Hilfe zur Selbsthilfe.

Ein Flüchtling, erzählt Förster, habe es nach zwei Jahren geschafft: Arbeit, eigene Wohnung, keine Asylleistungen mehr und das mit viel Eigeninitiative – „aber das ist nur eine Person“. Dass es nicht mehr sind, liegt nach Ansicht von Ungerer und Förster auch an vielfältigen bürokratischen Hürden. Das fange schon mit der Illusion an, schon nach drei Monaten dürften die Neuankömmlinge arbeiten. Das gehe erst, wenn die Aufenthaltsgenehmigung vorliege. Aber es gebe viele, die warteten schon bis zu acht Monate auf ihr „Interview“, in dem erst einmal die Fluchtmotive aufgenommen werden.

Viele der Neuankömmlinge werden hier bleiben. Sie habe gerade erst einen halben Tag lang einen Mann wegen eines Praktikums zum Arbeitgeber begleitet. „Eigentlich ist der Kreis zuständig für die Sozialarbeit“, wirft Förster ein. Aber es gebe kaum Personal, auch bei den im Sozialbereich tätigen Anbietern sei das Qualifikationsniveau so hoch, dass es zur Hürde werde.

Zugleich aber würden diese Aufgaben ohne weitere Unterstützung den Ehrenamtlichen angetragen, sagt Ungerer. „Das geht mir auf den Sender, wenn Politiker stets das Ehrenamt loben, lieber wären uns tatsächlich machbare Vorschläge.“ Jobs, Gelder, weniger Bürokratie.

Problematisch sind auch die verpflichtenden Integrationskurse, mit denen Flüchtlinge Deutsch lernen sollen – aber erst nach der Anerkennung. Was bedeutet, dass sie lange untätig bleiben müssen und dann wegen der Kurszeiten auch nicht arbeiten können. Hingegen besuchen Flüchtlinge in Bad Vilbel „zu 90 Prozent“ privat organisierte Deutschkurse, so Ungerer. Schon wegen der Aktenberge werde die Wetterauer Ausländerbehörde noch lange Zeit aufzuarbeiten haben, sagt Kreissprecher Michael Elsaß, trotz sinkender Zahlen: Nach 4133 Flüchtlingen in 2015 kamen erst 168 im zweiten Quartal 2016. „Aber wir wissen nicht, was passiert“, die Unterkünfte, etwa in der Bad Vilbeler Brunnenschule, seien derzeit ungenutzt, aber im Stand-by-Modus weiter verfügbar.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare