Förderschüler auf Regelschule

Weg der Inklusion weiter gehen

  • VonDieter Deul
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Seit vier Jahren können Förderschüler auch Regelschulen besuchen. Welche Herausforderungen damit verbunden sind, bilanzieren die Verantwortlichen an der John-F.-Kennedy-Schule (JFK). Denn das Ganze steht und fällt mit der Fähigkeit der Lehrer, zusätzliche Aufgaben zu schultern – und neue Wege der Förderung zu gehen.

„Wir können Inklusion“, betont JFK-Rektor Peter Mayböhm selbstbewusst – aber dazu gehören jede Menge Kooperation, Engagement und Fantasie, denn nicht nur die Haupt- und Realschüler haben neue Mitschüler mit Handicaps – auch das Lehrerkollegium muss sich mit ihnen und den neu abgeordneten Sonderpädagogen arrangieren.

An der Haupt- und Realschule werden derzeit ein Rollstuhl-Kind, eins mit Seh- und eines mit Hörbehinderung sowie 20 Kinder mit Förderschwerpunkt Lernen und weitere 25 mit Förderbedarf an emotional-sozialer Entwicklung (sogenannte Ese-Kinder) unterrichtet. Bis vor vier Jahren besuchten sie die Brunnenschule, doch die ist ein Auslaufmodell. Jetzt gibt es dort noch drei Gruppen, die sich auf ihren Abschluss vorbereiten, nächstes Jahr noch eine – und danach ist die Einrichtung nur noch Beratungs- und Förderzentrum (BFZ), erläutert Pierre Busold, der als Lehrer für 20 Wochenstunden an die JFK abgeordnet ist.

„Eine Eins-zu-eins-Förderung ist da nicht mehr drin“, schildert die JFK-Inklusionsbeauftragte Gudrun Hillenbrand die erste Hürde. Bei nur 80 zusätzlichen Wochenstunden für die Förderschüler blieben kaum zwei pro Kind. Dennoch habe man sich dafür entschieden, keine reinen Förderklassen zu bilden, damit die Kinder in den Regelklassen „mitschwimmen“ können. Extra Klassen wären eine Mogelpackung und „Exklusion“.

Souverän umgehen

Die ehemaligen Förderschüler sind unterschiedlich verteilt: In manchen Klassen gibt es sieben, in anderen nur einen Mitschüler. Auch das Lehrerkollegium erhält Unterstützung von vier neuen Kollegen aus dem BFZ. Und sie müssen dazu lernen. Denn Lehrer seien klassischerweise eher Einzelkämpfer, nun müssten sie im Tandem unterrichten, erläutert Mayböhm. Manchmal ist als Dritter noch ein sogenannter Teilhabe-Assistent dabei, der zu fördernde Kinder während des gesamten Schulbesuchs unterstützen soll.

Oder sie sind allein mit ganz neuen Herausforderungen: „Dass drei Kinder plötzlich durch die Klasse laufen und nicht auf die Ansprache der Lehrkraft reagieren – damit muss ich souverän umgehen können“, sagt Mayböhm. Ein Junge aus der siebten Klasse, ein „Ese-Kind“, habe gesagt, eine große Klasse mache ihn ängstlich und traurig, erzählt Busold. Dann werde er kribbelig, versuche sich im wortwörtlichen Sinn durch Bewegung einen Freiraum zu verschaffen.

Denn an der Brunnenschule wurden Klassen ab 17 Schülern geteilt, bei Kindern mit Bedarf an emotional-sozialer Entwicklung, was früher „verhaltensgestört“ genannt wurde, wurde ab neun Schülern geteilt. An der Hauptschule gelten Klassenstärken bis 25, hinzu kommt ein weiteres Handicap, über das sich Mayböhm wundert.

Die Schüler selbst gingen mit ihren neuen Mitschülern unbefangen um, zeigten sich äußerst solidarisch, hat Busold beobachtet. Hillenbrand ergänzt, es seien vor allem Mädchen, die Hilfssysteme entwickelten. Diese bräuchte auch die Schulgemeinschaft – und nicht nur die Handicap-Schüler – in Form von Schulsozialarbeit.

Schüler fördern

Die JFK hat dafür eine Fachkraft, aber die Stelle ist wegen der Elternzeit der Sozialpädagogin verwaist. Einfach eine Vertretung einzustellen sei nicht möglich, weil der Schulsozialarbeiter erst das Vertrauen der Schüler gewinnen müsse. „Ohne Beziehungsebene kann man wenig erreichen“, sagt auch Busold und betont, er könne nicht „30 Kindern ein sozialer Vater sein“. Und bei allen Handicaps gelte es schließlich, „auch die leistungsorientierten Schüler zu fördern“, wirft Hillenbrand ein.

Mayböhm gefällt das Bild eines geschotterten Weges, der die bisherige Erfahrung mit der Inklusion symbolisiert – ein geordnetes Provisorium, das noch einige Jahre der Entwicklung bedürfe. Und der Unterstützung durch das Land, das sagen müsse, wie viel ihm die Bildung wert sei. „Wir machen die Basisarbeit mit Vergnügen“, sagt er – aber es bedürfe zusätzlicher Lehrerstunden. Mit Fortbildung allein sei es nicht getan, denn hier träfen sich zwei verschiedene Berufsfelder, die Förderschule und weiterführende Schule. Das böse Vorurteil vom „Halbtagsjob“ für Lehrer sei schon lange unzutreffend.

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