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Von links: Monika Zeller besucht Jalal Fakhrou, Tochter Iman (10), Mutter Alaa Alghadban und Tochter Nour (2) aus Syrien.

Bürger lernen Flüchtlingsunterkünfte kennen

Wie es ist, zu viert in einem Raum zu leben

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Beim Tag der offenen Tür in zwei Bad Vilbeler Flüchtlingsunterkünften nutzten Bürger die Gelegenheit, die Bewohner näher kennenzulernen. Und sich ein Bild von deren Wohnsituation zu machen.

Mit einem „Welcome“-Aufkleber an den Türen signalisieren viele der 60 Bewohner in den Containern am Sportplatz in der Huizener Straße und 70 Bewohner in der Flüchtlingsunterkunft Riedweg, dass Besucher ihre Zimmer betreten dürfen. Mit dieser Geste bekräftigen sie die Einladung der 184 Vereinsmitglieder der örtlichen Flüchtlingshilfe, von denen 120 aktiv sind.

Während die Bewohner in der Huizener Straße Tee, viele Kuchen und süße Nachspeisen für die Besucher vorbereitet haben, gibt es im Riedweg Deftiges in Form von gegrillten Hähnchenschenkeln und Pizza. Durch die Container in der Huizener Straße führt der Afghane Najibullah Alizay die Gäste. Er spricht gut Deutsch und macht eine Ausbildung zum Büromanager. „Er hat uns die Unterkunft gezeigt, die Küche, die sanitären Anlagen und Zimmer einer Familie und von jungen Männern aus Afrika“, berichten die Massenheimer Gertraud und Karlheinz Huhn.

Es sind Menschen aus insgesamt sechs Nationen, die hier gemeinsam leben. Zu ihnen gehört auch der Syrer Jalal Fakhrou. Er bietet den Besuchern eine süße Nachspeise an, die seine Frau Alaa Alghadban zubereitet hat. Derweil begrüßt Vereinsmitglied Lea Thurm gemeinsam mit dem gelernten Maler Nawar Taher aus dem Irak das Ehepaar Hildegard und Leander Wschetezka aus der Nachbarschaft.

„Wir finden es toll. Die Container sind schön eingerichtet, und die Bewohner nett.“ Nawar Taher teilt sich ein kleines Zimmer mit seinem Landsmann Hamad Shahab Dako. Etwas mehr Platz haben Jalal Fakhrou und seine schwangere Frau Alaa Alghadban mit ihren Töchtern Iman (10) und Nour (2). Fast alle suchen eine Wohnung, Arbeit oder einen Ausbildungsplatz.

„Es gibt auch Wunder“

, sagt Sabine von Trotha. Ein solches erlebten der Syrer Fahed Karbouj, der in Okarben eine Wohnung fand und einen Ausbildungsplatz in seinem bereits erlernten Beruf Elektriker, und der Afghane Sayed Fawad Hakimzad, der schnell Deutsch lernte und bei einem internationalen Unternehmen einen Ausbildungsplatz als Industriekaufmann erhielt. Er hat vor seiner Flucht zwei Semester Architektur studiert. „Ich bekomme meine Aufträge in Englisch, habe den C1-Kurs in Deutsch. Ich habe 60 Bewerbungen verschickt und zwei Vorstellungsgespräche geführt.“

Mehr Infos zur Situation der Flüchtlinge in der Region gibt es im Internet.

Im Gegensatz zu diesen beiden sind andere noch auf der Suche nach einer beruflichen Basis für ihr Leben in Deutschland. Zu ihnen gehört die ehemalige Schulleiterin Wafaa Fakhao aus Aleppo. Ihr Mann, ein Bauingenieur, hat Arbeit gefunden. Sohn Hussein Khashroom (13) besucht die achte Hauptschulklasse an der Kennedyschule. Die 21-jährige Tochter studiert Ingenieurwesen im Ausland und die 19-jährige Tochter hat gerade ein Einserabitur gemacht.

Im Riedweg leben sie zu viert in einem kleinen Zimmer mit zwei Etagenbetten. „In Aleppo hatten wir ein Sechszimmerhaus, ich war berufstätig und hatte einen eigenen Wagen.“ In beiden Unterkünften ist die prekäre Wohnsituation neben der Arbeitssuche das größte Problem.

Die zweite Vorsitzende Myriam Gellner und Beisitzer Hartmuth Schröder berichten von der großen Belastung vieler Vereinsmitglieder. „Wir sind auch an der Grenze“, sagt Flüchtlingskoordinatorin Susanne Förster. In den 19 Unterkünften sind derzeit 437 Flüchtlinge aus 17 Nationen untergebracht. Die meisten kommen aus Afghanistan, gefolgt von Eritrea und Syrien. Bei den Neubürgern handelt es sich um 70 Kinder sowie 50 Familien. „Jetzt geht es nicht mehr um die reine Unterbringung der Menschen, sondern um ihre Integration“, sagt Förster.

Dazu müssten Stadt und Flüchtlingshilfeverein gut zusammenarbeiten, Ämter nicht nur verwalten und alle Vilbeler Bürger aktiv mithelfen. Kein Flüchtling habe seine Heimat freiwillig verlassen, alle hofften auf eine Chance für einen Neuanfang.

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