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Friedlich liegt sie da, die Nidda in Gronau. Aber: Sie fließt. Anders als heute vor 400 Jahren.

Geschichte

Vor 400 Jahren: Der Tag, an dem die Nidda stillstand

Bad Vilbel/Hessen: Die Nidda ist für viele Wetterauer ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens – heute wie auch im Jahr 1619. Was aber, wenn der Fluss plötzlich aufhört zu fließen? Klar, ein Fall für die Geschichtsbücher. Vor allem wenn gleichzeitig die Erde bebt.

Bad Vilbel/Wetteraukreis - Es ist früher Morgen an diesem historischen 19. Januar 1619, als es geschieht: Gegen 6 Uhr reißt ein Erdbeben die Menschen in den Dörfern des Taunus aus ihrem Schlaf. Das Beben ist so stark wie wohl nur wenige in der Geschichte der Region. Auch 400 Jahre später finden sich noch Notizen erschrockener Zeitgenossen.

Ein Chronist schreibt beispielsweise: Etwa "zwo Meylen von Franckfurt am Mayn West-Nord" habe sich ein großen Erdbeben ereignet, welches "sonderlich die Inwohner zu Königstein/ Cronenberg/ Reiffenberg und der Rester mit Schrecken empfanden." Die Auswirkungen des Bebens sind bis in die Wetterau zu spüren.

Gleichzeitig tritt dort ein zweites Naturphänomen auf: Die Nidda steht plötzlich still. In anderen Aufzeichnungen heißt es dazu: "Selbiger Zeit hat auch der Fluß Nieda so nahe darbey unversehens das Wasser verloren/ also daß die Mühlen/ so von demselbigen getrieben worden/ bey etlich Stunden ganz stillgestanden." Der Schreck über die damals schier unerklärlichen Geschehnisse muss groß gewesen sein. So groß, "dass die Menschen haben gemeint der Jüngste tag Sey vorhanden und in großen Kommen", wie ein weiterer historischer Schreiber vermerkt.

Das "Wehrheimer Beben"

Was heute unfassbar klingt, ist zumindest im Falle des Erdbebens gut belegt. Denn im europäischen Erdbebenkatalog (EMEC) ist für den 19, Januar 1619 ein Beben bei Neu-Anspach aufgeführt. Das sogenannte "Wehrheimer Beben" mit der Stärke von 3,6 Magnitude und der Herdtiefe von 3 Kilometer. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass durch die Erschütterungen weithin Gegenstände umfielen und kleine Schäden an den Häusern und Stallungen auftraten.

Einschränkend bemerkt der Geologe Benjamin Homuth vom hessischen Erdbebendienst aber, dass diese Daten nicht mit den heutigen wissenschaftlichen Aufzeichnungen zu vergleichen seien, sondern abgeleitet würden aus den Aufzeichnungen der damaligen Chronisten. Ob das vorübergehende Versiegen der Nidda tatsächlich in Zusammenhang mit dem Erdbeben steht – oder ob das Beben gar Ursache des Stillstands war – lässt sich nicht zuverlässig beweisen.

Homuth hält es für möglich, dass, ausgelöst durch das Erbeben und die damit verbundenen Bewegungen, Wasserströme im Untergrund einen anderen Verlauf nehmen, sich neue Wasserwege ausbilden und alte eventuell versiegen. Es könne also sein, dass es zu den beschriebenen kurzfristigen Änderungen von Wasserzuflüssen in die Nidda kam. In einer der historischen Aufzeichnung ist die Rede davon, dass der Fluss drei Stunden stillstand.

Aber ob die Stärke des Erdbebens dafür wirklich ausreichte, bezweifelt Homuth. Er vermutet ein Zusammenspiel mit anderen Effekten. Welche das sind, sei aber auch 400 Jahre später unklar.

Auch wenn viele Fragen offen bleiben, ist eines sicher: Den Menschen jagte das Erdbeben eine Höllenangst ein und das vorübergehende Ausbleiben des Niddawassers wird von mehreren Chronisten bestätigt.

Doch müssen sich die Nidda-Anrainer in Bad Vilbel oder Karben auch im Jahr 2019 vor einem deutlich spürbaren Beben und seinen Auswirkungen fürchten? Eher nicht, zieht man die aktuelle Erdbebenkarte des hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie zurate.

Derzeit kaum noch Gefahr

Denn die Wetterau gehört nicht zur Erdbebenzone 1 mit schwachen, fühlbaren Beben bis zur Magnitude 3 bis 4. Stärker betroffen ist der Oberrheingraben zwischen Basel und Frankfurt.

In Südhessen kommt es immer wieder zu kleineren Erdbeben, die Bewohner nachts aus dem Schlaf wecken und leichte Schäden verursachen können.Sie erinnern daran, dass der Untergrund im Oberrheingraben und seinem nördlicheren Rand, dem Taunus, tektonisch nicht zu Ruhe kommt.

von Anne-Rose Dostalek

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