Vorsitzender vor zwei Jahren gestorben

Jüdische Gemeinde: Rafael Zurs Erbe bewahren

  • VonDieter Deul
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Morgen vor zwei Jahren starb Rafael Zur, der die jüdische Gemeinde in Bad Vilbel wiederbegründet hat. Am morgigen Donnerstag gibt es eine Gedenkzeremonie am Friedhof in Frankfurt. Zurs Tochter Vered Zur-Panzer erinnert sich an das Vermächtnis ihres Vaters – und etliche noch unerfüllte Aufgaben. In Bad Vilbel, klagt sie, gebe es jedoch ein Desinteresse an der jüdischen Geschichte.

„Rafi war ein sehr starker Mann, ein Familienmensch“, erinnert sich Vered Zur-Panzer an ihren vor zwei Jahren verstorbenen Vater, mit dem sie 1979 als Achtjährige aus Israel nach Bad Vilbel kam. Er hatte den Zweiten Weltkrieg überlebt, wuchs ohne Großvater auf und war 1949 nach Israel ausgewandert. Das Erinnern und Mahnen, das Zur zuletzt sehr verbittert machte, hat schon 1979 begonnen.

Als Zur damals nach Bad Vilbel kam, war er erstaunt über das Buch des Lokalchronisten Willi Giegerich. „Darin gab es gar keine Juden“, berichtet Zur-Panzer, auch der Geschichtsverein sei an diesem Thema nicht interessiert gewesen. In der Stadt gab es keinen Ort mehr, der an die 75 jüdischen Mitbürger erinnerte, die 1933 in Bad Vilbel lebten.

Auch an die jüdische Synagoge erinnert bis heute nichts, dabei steht das Gebäude noch in der Frankfurter Straße 97. Es wurde 1938 für damals eine Reichsmark verkauft. Bei den Pogromen sei es damals nur deswegen nicht in Brand gesetzt worden, weil es zwischen zwei anderen Wohnhäusern stand, sagt Zur-Panzer. Noch Ende 1997 habe die Chance bestanden, dass die Stadt das Gebäude mit ihrem Vorkaufsrecht erwirbt und zu einem Ort des Erinnerns und Begegnens macht. Der Wetteraukreis hätte ein Drittel der Kosten getragen, die jüdische Gemeinde auch – allerdings habe sich die Stadt geweigert. Nun geht es der jüdischen Gemeinde darum, wenigstens eine Tafel zur Erinnerung auf den Gehweg vor dem Gebäude anzubringen.

Tief verletzt

1984 habe ihr Vater dann die jüdische Gemeinde neu gegründet, mit damals 40 Mitgliedern. Heute ist sie selbst die Vorsitzende der Gemeinde mit knapp 70 Mitgliedern. Ihr Vater ist immer wieder die Vergangenheit gestolpert, in den Achtzigern stieß er auf Steine eines Wasserschutzwalls. Es waren Grabsteine des alten jüdischen Friedhofs, die er dorthin zurückbrachte. Dabei hat für Juden der Friedhof eine besondere Bedeutung, weil er ein Ort der ewigen Totenruhe ist. Die letzten beiden Beerdigungen waren vermutlich die des Ehepaares Julis und Flora Grünebaum, die am 13. Februar 1936 und 24. September 1937 begraben wurden.

Rafael Zur trat in den 1980ern in die SPD ein, so wie später seine Tochter, war im Stadtparlament. Ihm ist es zu verdanken, dass im November 1999 der Gedenkstein an die ermordeten Juden gegenüber des Alten Rathauses aufgestellt wurde. Dort findet alljährlich auch das Gedenken an die Pogrome von 1938 statt. Zur-Panzer sagt, ihr Vater habe immer Unterstützung von dem verstorbenen Ehrenbürgermeister Günther Biwer und dessen Nachfolger Thomas Stöhr (beide CDU) erfahren. Dennoch habe es Dinge gegeben, die ihn verletzten, allen voran, dass die CDU-Mehrheitsfraktion im November 2007 den Grünen-Antrag ablehnte, Zur zum Ehrenbürger zu ernennen.

Wütend und enttäuscht sei er auch gewesen, dass das städtische Kulturamt jahrelang mit Desinteresse auf seine Anregung reagierte, die Ausstellung „Legalisierter Raub“ über die formaljuristisch begangene Ausplünderung jüdischer Bürger nach Bad Vilbel zu holen. Dafür habe es keinen Platz gegeben, habe Kulturamtsleiter Claus-Günther Kunzmann ihm gesagt. Im April 2014 kam die Ausstellung dann doch noch ins Kurhaus. Zur saß damals, schon sehr gebrechlich und verbittert, mit auf dem Podium. Im selben Jahr, dem letzten vor seinem Tod, ist er mit seiner Frau nach Bad Orb gezogen. Er sei schwer krank gewesen, konnte kaum atmen und laufen, habe tägliche Spaziergänger an der Bad Orber Saline gemacht. Dort wurde Ende 2016 für ihn eine Parkbank gestiftet.

Das Leben geht vor

In Bad Vilbel aber fehlt noch immer eine Gedenktafel am Haus Frankfurter Straße 48/Ecke Wasserweg, wo Anfang der 1940er-Jahre die letzten Vilbeler Juden Zuflucht fanden. Bereits vor drei Jahren habe das das Stadtparlament beschlossen, doch das Kulturamt setze das nicht um, klagt Zur-Panzer. In dem Haus sollte, damals unterstützt von Stadtrat Klaus Minkel (CDU), eine jüdische Gedenkstube entstehen.

Aber dann kamen die Flüchtlinge. Dafür hat Zur-Panzer Verständnis: „Das Leben geht vor.“ Doch nach deren Auszug sollte das städtische Anwesen als Ort der Erinnerung genutzt werden.

Die Gedenkfeier für Rafael Zur findet am morgigen Donnerstag ab 16 Uhr auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt statt. Informationen zur Geschichte der Vilbeler Juden im Internet: bad_vilbel_synagoge

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