Landratswahl

Kinderbetreuung, Wohnraum und S-Bahn-Ausbau sind wichtige Themen für Jan Weckler

Auch wenn es insgesamt vier Kandidaten sind, dürfte sich der Kampf um den Chefsessel im Wetterauer Kreishaus auf Jan Weckler (CDU) und Stephanie Becker-Bösch (SPD) konzentrieren. Heute im Interview mit Redakteur Thomas Kopp: Jan Weckler.

Seit Anfang Januar sind Sie ja faktisch Landrat. Joachim Arnold ist nun bei der Ovag tätig. Wie schmeckt der Job?

JAN WECKLER: Im Moment teilen wir uns das ein wenig auf. Stephanie Becker-Bösch und ich haben die Vereinbarung, keine größeren Veränderungen in die Wege zu leiten. Aber nach der Wahl geht es dann los!

Wie sehen Sie Ihre Chancen, die Wahl zu gewinnen? Immerhin war Sigurd Bayer 1985 der letzte CDU-Mann auf diesem Posten.

WECKLER: Ich glaube schon, dass wir eine Chance haben. Ich trete an, um zu gewinnen und nicht um Zählkandidat zu sein. Das ist anders als 2013, als die CDU einen Kandidaten gegen einen amtieren Landrat gestellt hat. Jetzt haben wir gleiche Ausgangspositionen.

Die B 3 um Wöllstadt ist so gut wie fertig. Trotzdem gibt es noch Lücken, so zwischen Wöllstadt und Karben. Wie kann der Landrat hier unterstützen?

WECKLER: Ich bin glücklich, miterleben zu dürfen, wie das Teilstück freigegeben wurde und hoffe, dass es in Karben bald losgehen kann. Alles, was wir als Kreis dazu beitragen können, werden wir auch tun. Aber wir wissen, dass es in Wöllstadt fast 50 Jahre gedauert hat.

Die Bahn baut die Strecke von Frankfurt nach Friedberg aus. Wann fährt die S6 bis nach Bad Nauheim?

WECKLER: Bei der S6 bin ich froh, dass wir den ersten Spatenstich gemacht haben. Trotz der Klagen, die eingereicht wurden, hoffe ich, dass es sehr schnell weitergeht. In den nächsten zehn Jahren erwarten wir 30 000 mehr Menschen im Wetteraukreis. Wenn sie zur Arbeit fahren wollen, brauchen wir ausreichend öffentliche Verkehrsmittel. Ich bin sehr für den Ausbau nach Bad Nauheim und glaube, dass es perspektivisch so weit kommen wird. Aber im Moment bin ich erst einmal dankbar, in der Wetterau gelandet zu sein.

Die Wetterau ist die Kornkammer Hessens: Der umstrittene Bau einer Rewe-Zentrale auf bestem Ackerland bei Wölfersheim hat für heftige Diskussionen gesorgt. Welche Position nehmen Sie hier ein?

WECKLER: Der Siedlungsdruck ist Fluch und Segen zugleich. Dadurch, dass Menschen hierher wollen, erzeugen wir eine Wirtschaftskraft und können Arbeitsplätze anbieten. Das führt aber auch dazu, dass wir immer mehr Bodenversiegelung bekommen. Wir brauchen Ausgewogenheit und müssen auf jeden Einzelfall schauen, um fruchtbare Böden nicht mit Beton zuzugießen. Deswegen müssen wir mehr in die Innenstädte schauen und Verdichtung in den Vordergrund stellen. Neubaugebiete können wir so nicht verhindern, aber es ist ein Schritt, was den Blickwinkel auf die Dinge angeht. Bei Rewe kann ich die Haltung des Bürgermeisters von Wölfersheim nachvollziehen. Auch ich wünsche mir, dass Rewe in der Wetterau erhalten bleibt. Aus Wetterauer Sicht hätte ich mir aber eine andere Lösung vorstellen können: Interkommunale Gewerbegebiete sind vor allem im östlichen Landkreis wichtig, auch für Städte und Gemeinden, die weiter weg von den Autobahnen liegen. Die können sich an diesen Gebieten finanziell beteiligen und generieren daraus Gewerbesteuer.

Historie und Natur gehen in der Wetterau Hand in Hand. Wie lockt man mehr Touristen in die Region?

WECKLER: Der Wetteraukreis muss sichtbar werden, das geht nicht alleine. Das Zentrum ist natürlich das Rhein-Main-Gebiet, mit Frankfurt muss ich eine Schnittstelle bilden. Man kann aber auch mit dem Vogelsbergkreis und dem Landkreis Gießen zusammen eine größere Destination entwickeln. Bad Vilbel mit den Burgfestspielen und dem Kombibad ist eine Chance für den gesamten Kreis. Besucher kann man auf den Jugendstil in Bad Nauheim oder die Landschaft im Vogelsberg-Bereich hinweisen. Wenn Leute dann hier zwei Nächte bleiben, überlegen sie sich, ob sie vielleicht einen Ausflug machen. Von den Leuchttürmen, die wir haben, profitieren zum Schluss alle. Das Kombibad in Bad Vilbel und die geplante Therme in Bad Nauheim sehe ich übrigens nicht als Konkurrenz zueinander, sondern als wunderbare Ergänzung.

Erst kürzlich gab es Misstöne im Gesundheitszentrum Wetterau, weil der Kreis die Stadt Bad Nauheim hinausdrängt. Wie halten Sie nicht nur Spitzenmedizin, sondern auch regionale Versorgung auf hohem Niveau?

WECKLER: Das Gesundheitszentrum Wetterau wollen wir in kommunaler Hand behalten. Das ist eine Absage an Privatisierung. Und wir wollen Bad Nauheim als Gesundheitsstandort erhalten. Dafür braucht es Investitionen. Doch da ist mancher Flurschaden entstanden. Aber wir werden die Verhandlungen mit Bad Nauheim auf Augenhöhe weiterführen. Die Zukunft kommunaler Krankenhäuser liegt in größeren Verbünden. Deswegen gibt es Verhandlungen mit den Hochtaunuskliniken.

Wir haben aber einen Fachkräftemangel in allen Bereichen, das betrifft auch die Ärzte. Da muss ich attraktiv im ländlichen Raum werden. In Dortelweil bekomme ich ein kleines Reihenhäuschen für einen beträchtlichen Preis. Im östlichen Wetteraukreis bekomme ich ein freistehendes Einfamilienhaus deutlich günstiger. Das ist ein Faktor. Gleichzeitig kann ich heute meinen Laptop überall aufstellen und arbeiten, die Notwendigkeit, an den Arbeitsplatz fahren zu müssen, wird immer geringer. Wir spüren jetzt schon, dass die Bevölkerung auch in den ländlichen Teilen wieder zunimmt. Das merken wir bei der Beschäftigung ganz extrem. In den vergangenen fünf Jahren hat sie sich im Wetteraukreis um elf Prozent erhöht, im Land Hessen um neun Prozent. Im Altkreis Büdingen aber um 15 Prozent. So bekomme ich auch wieder junge Ärzte aufs Land.

Menschen aller Berufssparten brauchen Wohnungen. Was kann der Kreis tun, um den Bau von Sozialwohnungen und Wohnungen für Mittelverdiener anzukurbeln?

WECKLER: Der Kreis darf selbst keine eigene Wohnungsbaugesellschaft gründen. Man kann aber interkommunal tätig werden. Es liegt ein Konzept vor, das derzeit diskutiert wird. So sollen vor allem kleinere Kommunen mit einsteigen. Die größeren werden wenig Interesse daran entwickeln, weil sie eigene Wohnungsbaugesellschaften haben. Wir wollen denen helfen, die diese Möglichkeiten nicht haben. Es wird aber keiner gezwungen.

Eltern brauchen verlässliche Betreuungs- und Unterrichtszeiten in Kindergärten und Schulen. Was kann ein Landrat, der dazu noch Lehrer und Leitender Schulamtsdirektor war, tun, um ihnen dabei zu helfen?

WECKLER: In den Kindergärten sind die Kommunen vor Ort zuständig. Dort haben wir das Problem, dass es zu wenig Plätze gibt. Das betrifft aber auch die Schulen. Wir haben in der Vergangenheit viel zu spät erfahren, wo Neubaugebiete geplant sind und die Bürgermeister nun darum gebeten, uns früher Bescheid zu geben. Das hat dazu geführt, dass wir über 11 000 Wohneinheiten gemeldet bekamen, die in den nächsten drei bis fünf Jahren gebaut werden. Das bedeutet etwa 700 Schüler pro Jahrgangsstufe mehr. Das gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Im Quellenpark in Bad Vilbel etwa sind wir in enger Abstimmung mit der Stadt. Hier soll eine dreizügige Grundschule entstehen. Wir haben Container in der Saalburgschule gestellt. In Gronau stehen schon Container, aber die Schule wird sich von der Größe her verdoppeln. 24 Maßnahmen sind in den vergangenen zwölf Monaten hinzugekommen, wo wir neu bauen, erweitern, Container stellen müssen. Das kostet über 100 Millionen Euro in den nächsten vier Jahren. Wir können im Moment nicht alles schaffen. Aber wir müssen es Stück für Stück angehen und Prioritäten setzen.

Das alles kostet Geld. Der Wetteraukreis hat den Schutzschirm des Landes verlassen. Da will er doch sicherlich auch bleiben.

WECKLER: Da wir keine neuen Schulden aufnehmen wollen, kommt Pflicht vor Kür. Pflicht ist es, Schulraum zu schaffen. Alle freiwilligen Leistungen sind Küraufgaben. Die sind wünschenswert, aber erst müssen wir die Pflichtaufgaben in den Griff bekommen.

Als Erster Kreisbeigeordneter haben Sie die Abrissverfügung für die Siedlung auf dem Bottenberg bei Ober-Mörlen unterzeichnet. Wie hat sich das auf Sie in Ihrer Heimatgemeinde Ober-Mörlen ausgewirkt?

WECKLER: Ich hätte das gerne für den Bottenberg gelöst. Die ganze Entwicklung war nicht stringent, ich habe nur ein Hick-Hack ohne Gleichen gesehen. Da hätte ich den Glauben an die Behörden ein bisschen verloren. Es wurde zehn Jahre lang diskutiert. Ich selbst habe parteiübergreifend einen Antrag gestellt, das ist im Parlament mit einem Patt gescheitert. Ober-Mörlen hat sich nun aber entschieden. Danach war ich als nachgeordnete Behörde des Landes an Recht und Gesetz gebunden, hatte keinen Spielraum. Das tut mir aber auch ein bisschen leid.

Welche Schlagzeile möchten Sie in sechs Jahren über die Wetterau lesen?

WECKLER: Der Wetteraukreis ist auf allen Ebenen attraktiv: landschaftlich, wirtschaftlich, schulisch touristisch, sozial!

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