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Das kleine Herz – und die große Liebe

Ein kleines Herz, das von der großen Liebe verlassen wird. Können die Wunden von der großen Liebe wieder geheilt werden? Wie geht das kleine Herz damit um? Eine ungewöhnliche Geschichte um Gefühle, die zu Personen werden.

Von Faranak Danai

„Was hast du denn, kleines Herz?“, fragte der Verstand besorgt und kannte doch schon die Antwort. Wie oft hatte er in den letzten Tagen den mahnenden Finger gehoben und um Vorsicht gebeten. „Hat die Große Liebe dich verlassen? Hattest du schon wieder ihren Worten geglaubt? Hattest du wieder begonnen, mit der Hoffnung zu spielen?“

Das kleine Herz nickte beschämt, es fühlte sich verletzt und von der Hoffnung betrogen. „Ach armes, armes, armes kleines Herz. Du bleibst erst einmal ein paar Tage bei mir, bis es dir besser geht.“ Und so umhüllte der Verstand das schluchzende kleine Ding mit seinem Mantel und nahm es mit nach Hause.

Die Erfahrung wartete schon auf die beiden. Und als sie das kleine Herz so zerschunden von alten Narben und neuen Rissen und einem noch frischen langen Bruch quer über den ganzen Körper sah, schüttelte sie den Kopf und begann wortlos die tiefen Wunden zu versorgen.

Nächte vergehen schleppend

Die nächsten Tage waren ruhig, die Sehnsucht schaute oft vorbei, obwohl die Erfahrung und der Verstand das nicht so gerne sahen. „Aber sie gehört zur Heilung der Wunden“, sagte die Erfahrung besänftigend zum Verstand, „sie sind schließlich durch die Liebe fest miteinander verbunden.“ Sie würden nur aufpassen müssen, dass sie das kleine Herz nicht zu sehr anstrengt.

Oft setzten sie das kleine Herz in die Sonne, musizierten für es und luden die Trauer und das Vermissen zum Tee ein. Die Tage vergingen schnell, aber die Wunden, die am Abend schon begonnen hatten zu heilen, waren am Morgen oft wieder offen.

Ratlos sah die Erfahrung den Verstand an und zuckte hilflos mit den Schultern. Die Nächte vergingen schleppend, und das kleine Herz fand nur selten in den Schlaf. Der Verstand ließ Wachposten vor dem Zimmer des kleinen Herzens aufstellen, weil er nicht wollte, dass die kleinen neugierigen Mitleide es nachts störten.

Aber die Mitleide waren gar nicht das Problem. Was die Wachen in dem Gewusel nicht beachteten, war die Hoffnung, die sich vorbeischlich. Und sie kam nicht allein, sie brachte mal die Wut, mal die Eifersucht und gestern erst sogar die Reue mit.

Risse unter dickem Mantel

Alle hatten sie Neuigkeiten und Gerüchte über die Große Liebe. Das kleine Herz weinte sehr bei den Worten, doch die Eifersucht nahm es in den Arm und tröstete es. Von all dem bekam der Verstand nichts mit, vielleicht hätte er etwas dagegen tun können.

Und so begann die Zeit der Zeit. Das kleine Herz wurde wieder stärker, und manchmal konnte es auch wieder lachen. Und so oft hörte es nun die aufmunternden Worte der Verschleierung, wie tapfer es doch sei und stark. Und nur wer sehr genau hinsah, konnte unter dem dicken Mantel, den es von der Erfahrung geschenkt bekommen hatte, die Enttäuschung blinzeln sehen und wissen, dass die Wunden noch nicht verheilt, dass die Brüche frisch und die Risse offen sind.

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