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Schreckliche Erinnerungen: Edith Erbrich mit Uwe Hartwig, Vorsitzender der Lagergemeinschadft Auschwitz.

Edith Erbrich in der Stadtbibliothek

KZ-Überlebende berichtet: Als Kind in den Abgrund geblickt

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„Hass ist ein schlechter Begleiter, aber vergeben und vergessen kann ich nicht“, sagt Zeitzeugin Edith Erbrich bei der Lesung mit an-schließendem Gespräch zum Holocaustgedenktag in der Vilbeler Mediathek. Denn dafür sind ihre Erinnerungen zu grauenvoll.

Die Täter, sie nahmen weder Rücksicht auf Kinder noch Senioren, sie quälten und schlugen tagsüber Menschen tot, um dann abends ausgelassen zu schlemmen und zu feiern oder sich an klassischer Musik zu erfreuen. So wie eine Aufseherin in ihrer Baracke im KZ Theresienstadt, die die kleine Edith zur Strafe einen Tag lang ohne Trinken und Essen den Holzfußboden schrubben ließ.

„Man nahm uns jede Würde. Wir durften noch nicht einmal die Tür vom WC schließen. Ich werde nie verstehen, welche Menschen diese Aufseher waren. Die meisten von ihnen sind tot. Alle, die noch leben, sollten in jedem Alter zur Rechenschaft gezogen werden“, sagt Edith Erbrich bei einer Lesung mit anschließendem Gespräch in der Stadtbibliothek Bad Vilbel.

Mit ihrem Engagement als Zeitzeugin will sie die Perspektiven der Opfer und ihrer Nachkommen in den Mittelpunkt stellen und nicht die der Täter. Das Anliegen von Edith Erbrich ist es, dass sich Kinder und Jugendliche mit ihrer Hilfe ein Bild von diesem menschenverachtenden Teil der deutschen Geschichte machen können. Deshalb begann 2001 nach ihrer Erwerbstätigkeit als Industriekauffrau bei der Frankfurter Rundschau ihr zweites Leben als Zeitzeugin.

Geboren wurde sie 1937 in Frankfurt. Aufgewachsen ist Edith Bär, so ihr Mädchenname, mit ihrer vier Jahre älteren Schwester Hella in der Ostendstraße als Tochter einer katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters. Da Mutter Susanna sich trotz Beugehaft weigerte, ihren Mann zu verlassen, wurde den Töchtern das „J“ für „Jude“ in den Kinderausweis gestempelt, und sie durften nicht zur Schule gehen.

Der schlimmste Tag ihres Lebens ereignete sich am 14. Februar 1945. Da begann für Vater Norbert Bär und seine Töchter die Deportation in Viehwaggons ins Lager Theresienstadt. Die Mutter blieb zurück, da sie „Arierin“ war. Vielleicht öffneten sich aus diesem Grund noch einmal die Türen, und es erklang der Befehl, die Mädchen noch einmal hochzuheben, ihre Mutter wolle sie noch einmal sehen. „Da sah ich meine Mutter weinen.“

In den kommenden Monaten bis zur Befreiung der Familie Bär in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai 1945, einen Tag bevor sie ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau geschickt werden sollten, bestimmten Angst, großes Heimweh, stundenlanges strapaziöses Stehen in der Kälte, das Einteilen der Essensrationen und vor allem der „Hunger, der immer da war“ das Leben der Mädchen und ihres Vaters. „Es haben sich Dinge ereignet, die nimmt einem niemand ab.“

Und dies nicht nur in Theresienstadt, sondern bereits zuvor in Frankfurt, wo Nachbarn als schadenfrohe Gaffer den Abtransport der Familie beobachten. Edith Erbrich gibt den vielen Kindern unter den Opfern eine Stimme. Sie vermittelt Schülern wie auch ihrem Publikum in Bad Vilbel einen neuen Zugang und Wissen aus erster Hand über einige Facetten des Nationalsozialismus und Holocaust am Beispiel ihrer Familie. Sie schildert nicht nur die unvorstellbaren Schrecken, die sie durchlitt, sondern berichtet auch von „stillen Helfern und Helden“, die dem Terror unter Gefahr ihres eigenen Lebens Menschlichkeit und Wärme entgegensetzten.

„Vor Heimweh, Hunger und Angst waren wir wie gelähmt. Wir hatten kein Spielzeug, waren nie allein.“ Kinder über zehn Jahre wie ihre Schwester mussten arbeiten, die kleineren wurden eingesperrt.

Die Bärs kehrten wie auch die Oma väterlicherseits nach Frankfurt zurück. Der Opa gehörte zu den vielen Opfern ohne Grab.

Die Schwestern reisten 1998 erstmals wieder nach Theresienstadt, besuchten die Gedenkstätte. „Am Geburtstag meines Papas“, am 4. Oktober 2007 erhielt Edith Erbrich das Bundesverdienstkreuz. „Ich nehme solche Auszeichnungen für alle an, die nicht mehr nach Hause kamen und die nicht vergessen werden dürfen.“ Musikalisch umrahmt wird die Lesung von Vassily Dück auf dem Bajan mit Werken von Lagerinsassen.

Edith Erbrich hat ihre Lebensgeschichte mit dem Journalisten Peter Holle aufgezeichnet. Nachzulesen in ihrem Erinnerungsbuch „Ich hab’ das Lachen nicht verlernt“, edition monos.

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