Vortrag über Lachkultur

Lachen, diese teuflische Sünde

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Die Lachkultur seit dem Mittelalter – darüber sprach der Volkskundler Alois Döring in der Stadtbibliothek. Der Vortrag sollte auf die Burgfestspiel-Inszenierung „Der Name der Rose“ vorbereiten. In den Klöstern galt damals ein strenges Lachverbot: „Jesus hat nicht gelacht!“ Doch die Mönche fanden viele Anlässe, sich darüber hinwegzusetzen.

Nein, lustig war dieser Vortrag über die Lachkultur in Mittelalter und früher Neuzeit nicht – aber aufschlussreich. Alois Döring, der lange als wissenschaftlicher Referent für Volkskunde in Bonn arbeitete, eröffnete eine Vortragsreihe im Vorfeld der Bad Vilbeler Burgfestspiel-Inszenierung von Umberto Ecos „Der Name der Rose“.

Dazu hatte der Bad Vilbeler Geschichtsverein eingeladen. In dem im Jahr 1327 spielenden Werk gibt es einen Ideen-Streit, der mehrere Jahrhunderte der Theologie prägte.

So taucht in dem Eco-Buch der gestrenge Mönch Jorge de Burgos auf. Er findet in der Klosterbibliothek Aristoteles Schrift über das Lachen so gefährlich, dass er den Band selbst mit Gift versieht. Dem Franziskanermönch William de Baskerville erklärt er, Lachen sei ein Zeichen der Beschränktheit und Sünde. Erstrebenswert seien nur spirituelle Wahrheit und Schönheit – „und darüber lacht man nicht“.

In den gebildeten, klerikalen Kreisen galt das Lachen über Jahrhunderte hinweg nicht nur als unschicklich, die entgleisten Gesichtszüge sah man als Manifestation tierischer Instinkte wie beim Affen bei Johann von Salsbury (1120 – 1180) oder gar als Manifestation des Teufels. Von der Spätantike bis zum 10. Jahrhundert galten in Klöstern strenge Lachverbote. Das Lachen störte Demut und Askese. Erst die Heiligen im Paradies könnten glücklich lachen.

Döring zeigte ein Bild vom Fürstentor des Bamberger Doms, das den Zwiespalt deutlich machte. Auf der linken Seite erscheint eine Gruppe selig lachender Geistlicher, rechts davon offenbar Ungläubige, deren Lachen ihre Gesichtszüge ins Fratzenhafte verzerrt.

Doch ab dem 12. Jahrhundert lockerte sich die Einstellung, es wurde zwischen moralisch gutem und verwerflichem Lachen unterschieden. Eine Sicht, die der Referent als ziemlich aktuell ansieht. Das Lachen halte Aristoteles, wenn es artig und gewandt auftrete, für eine Art geistige Fitness, eine „Bewegung des Charakters“. Doch solle man sich von verletzendem Spott fernhalten, zitiert Döring. Er verweist auf den Fall des Satirikers Jan Böhmermann, der den philosophischen Rat bei seiner Erdogan-Satire offenbar nicht berücksichtigte.

Doch auch im Mittelalter gab es keine Regel ohne Ausnahmen. Was die „ungebildeten Stände“, das gemeine Volk, machte, taucht in Dörings Vortrag nur kurz auf, bei den Karnevalsbräuchen, die mit Zoten und Komik vor allem die eheliche Sexualität karikierten. Der Karneval galt als geduldet, weil er eine verkehrte Welt aus Spott, Sünde und Selbstdarstellung zeige, die die Notwendigkeit des Fastens bezeuge.

Im 14. Jahrhundert, so Döring, kam in Bayern der Brauch des Ostergelächters, des Risus paschalis, auf. Der Umstand, dass Jesus mit seiner Auferstehung über den Tod triumphierte, bot den Dorfpfarrern Gelegenheit zu immer volkstümlicheren, derberen Spässen auf der Kanzel. Und schon waren die Kritiker nicht fern, vor allem Protestanten.

Nur an wenigen Stellen reizte Döring die etwa 30 Zuhörer zu spontanem Lachen. Etwa mit seinem Hinweis auf die humoristische Wirkung übersteigerter Heiligengeschichten wie der des Laurentius von Rom, der den Märtyrertod auf einem Grillrost erlitten und noch gerufen habe: „Umdrehen!“ Dass er auch der Schutzheilige der Köche sei, amüsierte das Publikum.

Bei Eco habe das Lachen etwas Befreiendes, als „Humor zur Vernichtung von Angst“, stellte Döring fest. Ob Jesus tatsächlich nie gelacht habe, wollte Gastgeber Claus-Günther Kunzmann als Festspielintendant und Vorsitzender des Geschichtsvereins wissen: „Darauf“, so Döring, „gibt es keine eindeutige Antwort.“

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