Bad Vilbeler Burgfestspiele

Nervenkitzel im Burgkeller

Eine Premiere im Winter: Bei einer Januar-Auflage der Bad Vilbeler Burgfestspiele leiten Fackeln die Gäste vom Burgtor zum Eingang des Kellergewölbes. In diesem schirmen schwarze Wände den Ort des Geschehens ab, bevor die Gäste an der Tafel des mittelalterlichen Schwaben Platz nehmen dürfen. Heinrich von Kleists „Die Familie Schroffenstein“ hat bereits zur Uraufführung 1804 für Entsetzen gesorgt, in Bad Vilbel kommt zu dem ohnehin spannenden Stoff noch die besondere Inszenierung hinzu.

„Ich dürste nach sein und seines Kindes Blute“, sagt Rupert, Graf von Schroffenstein (Hans-Christian Hegewald). Am Kopfende der sehr langen Tafel steht er, neben ihm seine Familie. Sphärische, düstere Klänge haben die Besucher auf die Plätze geleitet, diese stehen rund um die Tafel, eine Aussparung gibt es in der Mitte auf beiden Seiten der Tischlänge, in der Ecke steht eine Frau, unbekleidet. Das ist das erste Szenario, das die Besucher der Winterauflage der Bad Vilbeler Burgfestspiele vermittelt bekommen.

Die vermeintliche Kinderleiche auf dem Tisch springt auf, krabbelt in bester „Exorzismusmanier“ über den Tisch und berichtet von Mord. Zwei Männer mit blutigem Messer habe man neben der Leiche im Wald entdeckt. Auf der Folter hatte der Eine „Sylvester“ hervorgehaucht. Dieser sitzt mit seiner Familie am gegenüberliegenden Kopfende. Auch zwischen den Plätzen befinden sich zeitweise die Schauspieler.

Die Kostüme von Ausstatterin Dorothea Mines verwirren auf den ersten Blick etwas, halten sie sich doch sehr gemischt zwischen Traditionellem und Modernem. Auf den zweiten Blick fällt auf, das vor allem Familie Schroffenstein die dunklen altertümlichen Kleider trägt. Auch die Inszenierung von Ulrich Cyan balanciert auf dem schwierigen Grat zwischen der Darstellung eines historischen Dramas und eher modernen symbolischen Szenen. So tanzen Agnes und Ottokar, die sich im Wald begegnen, plötzlich zu französischem Rock’n’Roll auf dem Tisch, immer wieder schlagen zwischen den klassischen Dialogszenen moderne, etwas abgedrehte Szenen ein.

Im Laufe der Inszenierung verlagert sich das Geschehen immer mehr von der großen gemeinsamen Tafel zur zentralen Bühne, was zwar keinesfalls die Spannung nimmt. Doch das Gefühl, in die Handlung integriert zu sein, schwindet so schnell. Gerade in der ersten Hälfte des Stücks fehlt es doch sehr an Dynamik, was vermutlich aber genauso gedacht ist, schließlich verdächtigen sich die Familien gegenseitig, schmieden Pläne.

Erst wenn sich die Ereignisse zuspitzen, wechseln die Schauspieler schneller die Position, das erzeugt für die am Tisch sitzenden Besucher Spannung, aber auch Unbehagen.

So tut die Atmosphäre des düsteren und kalten Kellers ihr Übriges zur schauspielerischen Leistung der Darsteller. Diese, allesamt Studenten des dritten Semesters an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, ist solide.

Kleists schwere Texte sitzen gut, auch die schwierigen Umstände des Spielens ohne vierte Wand können die Schauspieler ausblenden. Dennoch ist zu spüren, dass Studenten auf der Bühne stehen. Mit Sicherheit haben alle acht mit dieser Inszenierung bei den Burgfestspielen Bad Vilbel Werbung für sich gemacht. Besonders hervorzuheben sind allerdings Altine Emini als Agnes sowie Hans-Christian Hegewald, der Rupert spielt. Wie schwierig die Situation der 360-Grad-Bühne für die jungen Schauspieler sein muss, ist nur zu erahnen, kleinere und unvermeidbare Dinge, wie ein Treffer an die Deckenlampe oder ein auftauchender Schmetterling werden geschickt und professionell überspielt.

Der Kleidertausch zwischen Ottokar (Burak Hoffmann) und Agnes – der in vollem Umfang stattfindet – lässt Kleists Drama schließlich eskalieren. Denn durch die vertauschten Klamotten töten die verfeindeten Väter die eigenen Kinder. Die Animalität des Menschen, den Kleist mit seinem Stück als instinktgesteuert und als nicht fähig den Verstand zu nutzen, abstempelt, kommt nur stellenweise durch. Der Fokus der Aufführung in Bad Vilbel liegt nunmal bei der doch sehr experimentellen Inszenierung.

Sicher sind Kleists Stücke keine Garanten für Spaß, eher zu vergleichen sind die „Schroffensteins“ mit dem Nervenkitzel eines Horrorfilms. So ist die dichte Amtosphäre an der langen Tafel im Burgkeller Garant für einen spannenden Theaterabend. Gut beraten ist man allerdings, sich vor dem Besuch des Stückes mit Kleists Text kurz auseinanderzusetzen.

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