Dottenfelderhof

Pflanzen im Klimastress

Milde und feuchtwarme Winter in den vergangenen Jahren und langanhaltende Trockenperioden in den Sommermonaten sind auch für die Wetterau Zeichen des globalen Klimawandels. Für die heimischen Landwirte eine weitere Herausforderung, neben Flächenverlusten und sinkenden Erzeugerpreisen neue Anbaumethoden umzusetzen. Doch kann die Wetterau vom Klimawandel auch profitieren.

Von KURT SÄNGER

Günter Leithold, Professor am Institut für organischen Pflanzenanbau und Züchtung an der Justus-Liebig-Universität Gießen, lehnt „Schwarzweiß-Szenarien“ ab. Im Gegensatz zu vielen bedrohten Anbaugebieten weltweit könne „die Wetterau unter Umständen auch vom Klimawandel begünstigt sein“, sagt Leithold, „wenn veränderte Anbaumethoden dem Klimawandel entsprechend berücksichtigt werden“. Doch „die Sorge bleibt“, räumt er ein, weil es „keine hundertprozentigen Prognosen gibt“.

Der Agrarprofessor geht von einer „Verlängerung der Vegetationsperioden“ aus, die neben dem Anbau von wärmebegünstigten Pflanzen eine vielfältigere Fruchtfolge als bisher erforderlich machten. Perspektivisch müsse man hier auch an den Anbau von geeigneten Soja-Sorten denken. Die winterliche Frostgare, eine Bodenstruktur, werde sich drastisch verringern, was eine veränderte Bodenbearbeitung einschließlich des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln zur Folge habe. „Wir müssen das Spektrum des bisherigen Pflanzenschutzes neu überdenken.“

Entscheidend sei der Erhalt der Böden und des Wasserhaushaltes bei langanhaltenden Trockenperioden. Gefordert sei die „drastische Minderung von Nitrateinträgen“ sowie der vermehrte Anbau zusätzlicher Kulturpflanzen, um die Artendiversität zu erhöhen als „Puffer gegenüber Risiken“ im Pflanzenschutz. So werden Zwischensaaten und erweiterte Fruchtfolgen statt der bisherigen Monokulturen von Weizen, Zuckerrüben, Gerste und Raps notwendig sein.

Nicht nur eine ökologische Herausforderung. Denn es „fehlen hierzu die EU-agrarpolitischen Rahmenbedingungen“, kritisiert Leithold. „Die konventionellen Landwirte stehen unter wirtschaftlichem Druck, ihre Betriebe allein im konventionellen Landbau heute noch aufrecht zu erhalten.“ Doch auch im Futtermittelanbau und in der Weide- und Milchviehhaltung werde „ein Umdenken erforderlich“, sagt Ansgar Vortmann vom Dottenfelderhof. Verkümmerte Maisfelder und ausgetrocknete Weiden in den vergangenen Sommermonaten „waren auch in der Wetterau keine Seltenheit mehr“. Dagegen zeichnen sich gleichzeitig paradoxe Wetterverläufe ab, drohen vermehrt Starkregen und Unwetter, die Ernten zu vernichten.

Die Kulturpflanzen befinden sich „im Stress“, erläutert Hartmut Spieß, promovierter Agraringenieur und Leiter der Forschungs- und Züchtungsabteilung der Landbauschule im Dottenfelderhof. Die vergangenen Winter „waren überdurchschnittlich zu warm“ mit der Folge, dass sich „die Kulturen zu stark vor dem Winter entwickelten“. Was bei späten Nachtfrösten im Frühjahr ohne Schneedecken wiederum zu Auswinterungsschäden und Ernteverlusten führe, wie zuletzt im März des Jahres 2012.

Weiter bereiteten vermehrter Schädlingsbefall und Pilzkrankheiten sowie die Unkrautbildung auch dem biologisch-dynamischen Landbau Probleme. Spieß: „Es muss konstatiert werden, dass hinsichtlich der Schädlingsfrage der Öko-Landbau noch keine hinreichenden Antworten parat hat. Aber wir arbeiten daran.“ So sei beispielsweise der vermehrte Befall im Gemüseanbau durch die Kohlfliege und die Lauchmotte nur noch unter Vlies abwendbar.

Seitens der Züchtung und Forschung – insbesondere der Getreidesorten – seien resistente Sorten gefragt sowie die Pflege der Bodenkultur und die Biodiversität, betont Spieß. Die „chemische Keule“ wirke hingegen kontraproduktiv. Dadurch gerate das ökologische Gleichgewicht „noch mehr aus den Fugen“, wie am aktuellen Beispiel des Bienensterbens und des Rückgangs der Schmetterlinge als Bestäuber erkennbar sei. Entscheidend für den Agraringenieur ist der Erhalt der Sortenvielfalt, um klimatischen Änderungen entgegenzuwirken.

Etwa 75 Prozent der Sorten sind laut Spieß in den „letzten einhundert Jahren verlorengegangen“. Sorten, deren genetische Vielfalt und Anpassungsfähigkeit an veränderte Anbau- und Klimabedingungen in Zukunft die Ernährungssicherheit mit garantieren können.

Doch der Anbau und die Züchtung sei nur die eine Seite der Medaille, betont Spieß. Es liege auch am Verbraucher, die künftigen Veränderungen in der Landwirtschaft bewusst mitzutragen.

Es zeigen sich jedoch auch Erfolge in der biologisch-dynamischen Saatgutzüchtung der Landbauschule am Dottenfelderhof ab. „Unsere Winterweizen-Sorten gehören derzeit zu den resistenten Sorten“, unterstreicht Spieß. Mehr noch: Der Dottenfelderhof ist zwischenzeitlich zu einem Standort für die Öko-Wertprüfung im Rahmen der Sortenanerkennung für Sommerweizen und Hafer des Bundessortenamtes in Hannover geworden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare