Goethe-Universität stellt schlechten Zustand fest

Pilotprojekt soll Nidda retten

  • VonDieter Deul
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Bis 2015, so verlangt es die EU, sollen alle Gewässer in gutem Zustand sein – auch die Nidda. Forscher der Goethe-Universität diagnostizierten aber einen zu 97 Prozent schlechten Zustand. Das ärgert Umweltschützer wie den Gewässerökologen Gottfried Lehr, der seit 30 Jahren für die Renaturierung des Flusses kämpft und Bad Vilbel für seine Vorreiterrolle lobt. Auch beim Regierungspräsidium Darmstadt teilt man die Kritik nicht, sieht aber Handlungsbedarf. Die größte Hürde sei, dass Landwirte keine Flächen hergeben wollen und verschuldeten Kommunen das Geld für Öko-Projekte fehle.

Der Beitrag in der „Hessenschau“ sah idyllisch aus, war aber alarmierend. Zwei junge Doktorandinnen nahmen Wasserproben auf dem Frankfurter Teil der Nidda für ein Forschungsprojekt der Goethe-Universität namens „NiddaMan“. Unter Federführung des Biologie-Professors Jörg Oehlmann, dem Leiter der Abteilung Aquatische Ökotoxikologie der Goethe-Universität, soll erforscht werden, wie Gewässer nachhaltig verbessert werden können (siehe Bericht unten).

Dann fällt eine schlimme Zahl: Zu 97 Prozent sei auch die Nidda nicht in gutem Zustand. Wenn Ende 2015 die Frist der EU-Wasserrahmenrichtlinie abläuft, werden 70 Prozent der Gewässerabschnitte in Deutschland nicht den geforderten guten bis sehr guten ökologischen Zustand erreicht haben. Ein Grund, weshalb das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMF) das „NiddaMan“-Forschungsprojekt mit 2,4 Millionen Euro fördert.

Der Bad Vilbeler Gewässerökologie Gottfried Lehr sitzt auf dem Brückencafé über dem Fluss und ärgert sich über die Zahl 97: „Das ist schon dreist.“ Die Erfolge der Nidda-Renaturierung seien nicht berücksichtigt worden, auch wenn die saubere Nidda noch ein langer Prozess sei. Bei seiner Begradigung in den 1960er-Jahren habe der Fluss 30 Prozent seiner Lauflänge verloren – und biete deutlich weniger Hochwasserrückhalt.

Neue Filter fehlen

Noch vor 30 Jahren sei eine Renaturierung undenkbar gewesen. Inzwischen fließt die knapp 100 Kilometer lange Nidda jedoch auf etwa 23 Kilometern wieder in natürlichen Bahnen, davon allein in Bad Vilbel auf sechs Kilometern. Dort sei der Fluss zu 80 Prozent renaturiert – mit sichtbaren Erfolgen für die natürliche Vielfalt mit Forellen, Barben, Groppen. Bei der Renaturierung sei nicht einmal Geld das Hauptproblem, es gebe „einen Haufen Geld“ im Landesprogramm für naturnahe Gewässer – der Flächenerwerb sei das Hauptproblem. Landwirte wollten nicht verkaufen.

„Und auch die Kommunen müssen wollen“, sagt Lehr. Doch auch Lehr sieht noch Probleme: vor allem bei den stofflichen Einleitungen in die Flüsse. Ackerboden erodiere, gelange ins Wasser mit Düngemitteln, aber auch feinen Ablagerungen, die Kiesbänke zusetzen, welche die Fische fürs Laichen benötigten.

Bad Vilbel habe eine hochmoderne Kläranlage, grobe Belastungen wie Stickstoffe seien kein Problem mehr. Doch es gibt neue Stoffe, für die noch die Filtertechniken fehlten. Östrogene, Schmerzmittel, Antibiotika. „Unterhalb von Frankfurt hat man sogar eine höhere Kokain-Belastung im Main festgestellt“, merkt Lehr an. Der Anstieg der Belastung hat auch mit in den vergangenen Jahren verfeinerten Messmethoden zu tun.

Es gebe zwar deutliche Fortschritte, „aber da ist noch viel zu machen – ich habe da eher einen Grundoptimismus“, betont Lehr. Der Grund: Es gebe viele, die mit an der Schraube drehten. Bei der Renaturierung sei Bad Vilbel Vorbild, da Bürger, Stiftungen und Parteien sich gemeinsam engagierten. Demnächst werde auf dem Main die letzte Barriere für die Durchlässigkeit für Fischschwärme beseitigt: das Wehr in Eddersheim. Lehr blickt zurück und erinnert sich an frühere Zeiten, wo etwa die damalige Zuckerrübenfabrik in Friedberg ihre Melasse einfach in die Nidda gekippt habe – und die klebrige Masse ein Fischsterben auslöste

Konferenz im Herbst

Kritik an der Behauptung der zu 97 Prozent schlechten Nidda übt auch Harald Lütkenhaus-Kopp vom Fachbereich Gewässerökologie des Regierungspräsidiums Frankfurt. „Da hat man sich den schlechtesten Abschnitt herausgesucht.“ Der Mann von der Aufsichtsbehörde moniert auch, dass die Uni-Forscher noch nicht mit jenen gesprochen hätten, die sich seit 30 Jahren für die Nidda engagierten, „aber das ist in guten Bahnen“, deutet er an: Im Herbst soll es eine erste Nidda-Konferenz geben.

Dazu gebe die EU Zeit. „Uns ist bewusst, dass wir hinterherhinken“, sagt Lütkenhaus-Kopp, aber es gebe drei Zeitfenster, das dritte schließt sich erst 2027. Das Regierungspräsidium erarbeite gerade einen neuen Bewirtschaftungsplan für die Nidda und wolle die Wasserrichtlinie nicht forcieren: „Wir setzen weiter auf Freiwilligkeit.“ Schließlich gebe es Kommunen in der Wetterau, die wüssten wegen steigender Kosten für Kitas und Flüchtlinge nicht, „wo ihnen der Kopf steht“.

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