Putzen am Morgen danach

  • VonJürgen Niehoff
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Das bunte Spektakel am mitternächtlichen Silvesterhimmel hinterlässt eindrucksvolle Spuren auf den Straßen. Um den zurückgelassenen Müll zu beseitigen und der Gesellschaft einen Dienst zu erweisen, haben sich Bad Vilbeler Muslime mit Besen und Müllsäcken durch die Stadt begeben.

Sonntagmorgen 8 Uhr, Außentemperatur 4 Grad Minus und dann für andere Saubermachen? Für die rund 50 Männer und Jugendliche aus der Bad Vilbeler Ahmadyya-Gemeinde kein Problem. Sie wollen mit der Beseitigung der Reste des Neujahrfeuerwerks ihren Dank gegenüber Deutschland zeigen.

In der islamischen Religion findet der Jahreswechsel nicht am 31.Dezember, sondern am 16.Juli statt. Denn an diesem Tage wanderte der Prophet Mohammed von Mekka nach Medina, um dort das erste islamische Staatswesen aufzubauen.

Hilfe ohne Gegenleistung

Das islamische Neujahr ist deshalb auch kein Feiertag, sondern ein Gedenktag. Daher wollen die Mitglieder der Ahmadyya-Gemeinde bundesweit mit ihrer Aktion, die vom Koran geforderte Nächstenliebe zu zeigen ausgerufen. Sie wollen damit ihre Hilfsbereitschaft unter Beweis stellen und anderen ohne Gegenleistung mit eigener Hand helfen. „Es macht Spaß, gemeinsam etwas für die Allgemeinheit zu tun. Denn der Islam lehrt, dass der Mensch geboren wurde, um Gott und seinen Menschen zu dienen“, erklärt Anees Ahmad, der Sprecher der rund 135 Mitglieder zählende Bad Vilbeler Ahmadiyya-Gemeinde.

Seit 1997startete die Aktion traditionell mit dem Gebet am frühen Morgen gegen sechs Uhr. „Nach der Stärkung des Geistes folgte die Stärkung des Körpers mit einem gemeinsamen Frühstück“, berichtet Anees Ahmad. Danach greifen sich die Teilnehmer Besen, Schippen und Greifarme und begeben sich an die von der Stadt zugeteilten Orte, in diesem Jahr die Frankfurter Straße.

Mit ihrem Neujahrsputz wollten sie sich auch Gottes Wohlgefallen verdienen, erklärt Ahmad Anees. Knapp zwei Stunden beseitigen sie mit Besen, Schaufeln und Müllsäcken die Müllresten der vergangenen Nacht auf den Platz vor dem Alten Rathaus und anschließend in der Frankfurter Straße. Böllerfetzen, Plastikverpackungen, ausgebrannte Raketen und Glasscherben: die Männer haben alle Hände voll zu tun, um die Silvester-Hinterlassenschaften aufzuräumen.

Unterdrückt und verfolgt

„Wir wollen damit aber auch unsere Dankbarkeit gegenüber der deutschen Gesellschaft zum Ausdruck bringen, die uns aufgenommen hat“, berichtet Ahmad Anees. In Pakistan würden die Ahmadiyya-Mitglieder unterdrückt, verfolgt und zur Flucht gezwungen.

Deshalb seien sie in Deutschland. Und zum Dank für diese Freiheit räume man seit Jahren an jedem 1. Januar die Reste der Silvesterfeierlichkeiten weg. Das sei für sie bereits zur Selbstverständlichkeit geworden.

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