Das Foto: Josef Knipf als Knirps in der Bildmitte.
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Das Foto: Josef Knipf als Knirps in der Bildmitte.

Vertriebene in Massenheim

14 Quadratmeter müssen für eine Familie reichen

  • vonDieter Deul
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Wer sich heute über die Probleme mit den Flüchtlingen wundert, sollte sich erinnern an die Zeit, als nach dem Krieg Millionen Vertriebene untergebracht und integriert werden mussten. Wie das damals in der noch unabhängigen Gemeinde Massenheim ablief, daran erinnert sich Josef Knipf, der selbst aus Ungarn stammt. Seierzeit gab es Kreiskommissare für Flüchtlingswesen, Zwangseinweisungen in Häuser, Lehrerinnen, die auf Deutsch Wert legten – und eine Tagesration von fünf Gramm Fett.

Josef Knipf (79) hat alles aufgehoben. Aus Aktenordnern holt er vergilbte Blätter hervor. Offizielle Dokumente aus dem alten Massenheimer Rathaus, in dem sich jetzt das von ihm mit betreute Heimatmuseum befindet. 1949 zählte das Dorf 489 Ortsansässige.

Darunter waren 72 schon in den letzten Kriegsjahren aus Frankfurt, Offenbach oder Hanau Evakuierte sowie 142 Flüchtlinge und Vertriebene. Sie alle brauchten Platz zum Leben. Und der wurde konsequent gesucht. Schon 1945 kam das Wohnungslenkungsgesetz, mit dem Wohnraum beschlagnahmt wurde. Die Bewohner mussten zusammenrücken mit den Neuankömmlingen aus den ehemaligen Ostgebieten.

Das lief nicht immer nach Plan. Am 23. Mai 1946 drängte der Kreiskommissar für Flüchtlingswesen, der Friedberger Landrat, zur Eile. Es werde „nicht so zugearbeitet, wie es unter den jetzigen Verhältnissen zu erwarten sein dürfte“. Es gab rigorose Vorgaben: 14 Quadratmeter hatten einer Familie zu genügen. Knipf legt akkurat geführte Verzeichnisse vor, wie das vor Ort aussah. Ein Haus in der Homburger Straße: 20 Quadratmeter im Erdgeschoss – vier Personen; ein anderes in der Nachbarschaft: erster Stock acht Quadratmeter – zwei Personen. Es müsse „allergrößte Anstrengung bei der Freimachung von Unterkunftsraum der Flüchtlinge walten“, forderte im Juli 1946 Oberregierungsrat Elsässer in Friedberg – Sätze, die heutigen Kommunalpolitikern bekannt sein dürften.

Auch die Bewirtschaftung in den ersten Nachkriegsjahren war schwierig. Damals, erinnert sich Knipf, gab es in Massenheim noch zwei Läden – aber kein Geld. Bezugsscheine waren die Währung. Und die folgten rigiden Ernährungsplänen. Im November 1945 teilte der Landrat der Bürgermeisterversammlung die Tagesrationen für Flüchtlinge mit: morgens 150 Gramm Brot, fünf Gramm Kaffeeersatz, 25 Gramm Marmelade, ein Achtelliter entrahmte Frischmilch. Mittags gab es 250 Gramm Kartoffeln oder 100 Gramm Teig, 25 Gramm Nährmittel und 15 Gramm kochfertige Suppe, 25 Gramm Fleisch und exakt fünf Gramm Fett.

Die Wohnungsnot führte dazu, dass selbst Spätheimkehrer keinen Platz mehr in ihrem eigenen Haus fanden, berichtet Knipf. Deshalb seien rasch neue Baugebiete ausgewiesen worden – ein Umstand, den auch viele ältere Massenheimer so nicht in Erinnerung hätten. Bereits 1951 wurde Am Weinberg gebaut, ab 1955 Am Weißen Stein.

Anfang der 1950er-Jahre kam auch Josef Knipf nach Massenheim, war nach einer langen Odyssee schon gut integriert. Doch davon ahnte er im August 1947 noch nichts, als er mit Mutter und Schwester aus Gara im ungarischen Grenzgebiet zu Jugoslawien, vertrieben wurde. Der Vater war noch in russischer Kriegsgefangenschaft.

Morgens um sieben Uhr hieß es auch für den damals Zwölfjährigen plötzlich, das Haus zu verlassen. Zwei Stunden blieben, um alle Habseligkeiten zusammenzupacken – maximal 50 Kilo pro Person. Im Militär-Lastwagen, später im Viehwaggon ging es nach Pirna in Sachsen in eine ehemalige Kaserne.

An große Gefühle damals kann sich Knipf nicht erinnern: „Ich bin im Krieg aufgewachsen, das Durcheinander war überall.“ Und: „Wir haben hingenommen, wie’s kommt.“ Widerstand zu leisten, hätte Gefängnis oder Schlimmeres bedeutet. Auch im deutschen Osten habe es wenige Probleme gegeben. Dann erinnert sich der mit Ungarisch aufgewachsene Knipf an etwas, das auch heute in der Flüchtlingsbetreuung eine zentrale Rolle spielt: die deutsche Sprache. „Wir hatten im sächsischen Neustadt eine Lehrerin, die hat uns angenommen.“ Und fürs Lesen motiviert: „Ich habe als Junge die Karl-May-Bücher von A bis Z gelesen.“ Der Lehrerin sei er noch heute dankbar.

Integration: Das bedeutete in der sowjetischen Zone auch den Beitritt zur staatlich gelenkten Jugendorganisation FDJ. Das sei ein bisschen so, wie jetzt die Flüchtlinge, die in Sportvereine gehen, sagt er – nicht wegen der Politik, sondern wegen der Gemeinschaft und des Sports. Später machte Knipf in Bad Kissingen eine Metzgerlehre, kam dann nach Massenheim, wo sein Vater mittlerweile eine Werkswohnung durch die Ziegelei erhalten hatte. „Da war ich schon integriert“, sagt er. Doch die doppelte, deutsche Staatsangehörigkeit, nahm er erst 1994 an.

Heute hat Knipf Bedenken, dass die Situation wieder kippen könnte. „Keiner ist bereit, Wohnungen zur Verfügung zu stellen“, und die Ansprüche seien heute viel höher. Auch in der Zusammensetzung gebe es einen großen Unterschied: Damals waren sehr viele Männer in Gefangenschaft, nur die Angehörigen kamen. Heute ist es umgekehrt.

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