Nicht erkennbare Hausnummern

Rettungskräfte verlieren bei Einsätzen oft Zeit

  • VonDieter Deul
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Meist sind sie nur ein Ärgernis, das aber im Notfall wertvolle Zeit kostet: Hausnummern, die schlecht oder gar nicht erkennbar sind. Rettungsdienste, Feuerwehr und Apothekenboten können ein Lied davon singen.

Doris Kleisch ist schon seit fünf Jahren für den Botendienst der Apotheke im Brunnen-Center unterwegs und kennt die meisten Straßen aus dem Effeff. Doch manchmal muss sie vor Ort erst einmal anfangen zu suchen. „Schwierig wird es, wenn man Kreuzungsbereiche hat, in denen der Zugang zu einer Adresse in der anderen Straße liegt“, sagt sie. Mühsam wird es auch, wenn Büsche und Bäume die Sicht auf die Ziffern verdecken – und es auch noch dunkel ist.

Zu Unannehmlichkeiten kann auch das Bedürfnis von Anwohnern nach Anonymität führen, hat sie beobachtet: „Da finden Sie nicht mal einen Briefkasten oder Namen.“ Die Leute hätten wohl Angst vor Einbrechern, wollten ihre Namen nicht nennen, damit Täter sie nicht ausspionieren könnten, vermutet Kleisch. Doch im Ernstfall, wenn es schnell gehen muss, etwa bei Rettungseinsätzen, kann das ein Nachteil sein. Bei Kleisch verlängert es oftmals die Arbeitszeit.

Ganz schlecht ist es, wenn, wie an der Willy-Brandt-Straße hinter dem Brunnencenter, Mehrfamilienhäuser auf den ersten Blick gar keine Hausnummern haben. Erst als Doris Kleisch aussteigt und zum Hauseingang geht, sieht sie eine Miniatur von Ziffer neben dem Eingang. Natürlich hat auch die Botin ein Navigationsgerät dabei, doch wenn sie an der angegebenen Stelle ist, muss sie trotzdem oft noch weitersuchen.

Es geht um jede Minute

Besonders schwierig wird das im Dunkeln und in kleinen Stichstraßen. „Da fange ich am Anfang der Straße an, zu zählen.“ Aber es gibt auch noch Hausnummern mit Buchstaben. Da kann Kleisch oft erst einmal nur vermuten, wo diese ihren Zugang haben. Ganz zu schweigen von den Aussiedlerhöfen, die gar keine Hausnummer haben.

„Im Ernstfall kann eine Minute Leben retten“, wirbt Kleisch für eine bessere Ausschilderung. Oft müssten die Hauseigentümer schon beim Blick von der gegenüberliegenden Straßenseite merken, wo es im Argen liegt. „Sie müssen sich in die Lage eines Ortsfremden versetzen, der die Straße entlang fährt“, rät sie.

„Das ist ein altes Problem“, weiß der Bad Vilbeler Stadtbrandinspektor Karl-Heinz Moll. „Hausnummern sind für uns oft schlecht zu erkennen.“ Auf Navigationsgeräte verzichtet die Wehr dennoch, die freiwilligen Helfer seien mit guten Ortskenntnissen in ihren Stadtteilen unterwegs, und „oft weist uns jemand vor Ort ein“. Doch auch, wenn die Adresse gefunden ist, kann es Probleme geben. Steht eine Hilfeleistung an, etwa ein Anwohner, der in seiner Wohnung Probleme bekommen hat, seien oft die Namen nur ganz klein oder gar nicht erkennbar. Wenig Sorgen macht sich die Bad Vilbeler Polizei. Revierleiter Jürgen Werner sagt, die Hausnummernsuche „war bei uns noch nie Thema“. Die Beamten seien schließlich mit Navis unterwegs.

Ganz anders sehen das die Helfer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). „Nicht erkennbare Hausnummern sind immer wieder ein Problem des Rettungsdienstes“, betont DRK-Kreisgeschäftsführer Andreas Fieweger. „Geht man von Extremfall des Herz-Kreislauf-Stillstands aus, so treten bereits nach drei Minuten Schaden am Gehirn auf, wenn die Sauerstoffversorgung nicht wieder aufgenommen wird. Hieraus erkennt man, die absolute Notwendigkeit von erkennbaren und lesbaren Hausnummern. Jeder unnötige Suchvorgang kostet kostbare Zeit. Dies gilt natürlich auch für andere schwere Erkrankungen.“

Straßenschilder, beklagt Fieweger, seien häufig nicht durchgängig in einer Straße vorhanden. „Bei längeren Straßen vermissen wir einen Hinweis, in welche Richtung die Nummerierung verläuft. Nicht immer fährt der Rettungsdienst am Anfang einer Straße hinein. Häufig kommt man aus einer kreuzenden Nebenstraße.“

Mit dem Suchscheinwerfer

In Einkaufsstraßen seien häufig keine Hausnummern an den Geschäften angebracht. „Dies ist besonders dann fatal, wenn im Geschäftshaus Wohnungen integriert sind. Aus Designgründen werden da häufig keine Hausnummern angebracht. Gerne werden die Hausnummern auch verdeckt, unauffällig und unbeleuchtet angebracht“, kritisiert Fieweger.

Auch in den klassischen Wohngebieten werde die Hausnummernanzeige sehr stiefmütterlich behandelt. „Die Hausnummer ist zwar am Haus angebracht, allerdings verdeckt die inzwischen hochgewachsene Thuja oder die an der Grundstücksgrenze gewachsene Buchsbaumhecke die nicht reflektierende, unbeleuchtete, minimalistische Hausnummer“, schildert der DRK-Mann.

„Vor allem nachts verliert der Rettungsdienst wertvolle Zeit mit der Suche nach Hausnummern. Besonders schwierig wird es, wenn es keine fortlaufende Hausnummerierung gibt und man sich mit Suchscheinwerfer von Haus zu Haus tasten muss.“

Der Rettungsdienst würde sich wünschen, bekäme jedes Gebäude an der Grundstücksgrenze zur Straße hin eine gut lesbare Hausnummer. Fiewegers Rat: „Sollte eine Beleuchtung nicht möglich sein, sollte die Hausnummer zumindest reflektierend sein, damit nachts die Hausnummer schneller gefunden werden kann. Wir haben in Hessen eine rettungsdienstliche Hilfsfrist von zehn Minuten bis zum Eintreffen am Einsatzort. Die Zeit bis zum Eintreffen sollte deshalb dazu genutzt werden, die Eingangsbeleuchtung am Haus einzuschalten, die Haustür aufzuschließen, zu öffnen und gegebenenfalls eine Person an die Haustür zu stellen, um den Rettungsdienst in Empfang zu nehmen.“

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