Attraktion in Bad Vilbel

Ruhig auf der Nidda staken

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Ein besonderes Freizeitvergnügen möchten Mitglieder des Lions Clubs nach Bad Vilbel holen. Auf Stocherkähnen, kleinen Holzbooten, könnte die Nidda auf entschleunigte Weise neu erlebt werden.

Was schwimmt denn da? Die Gäste des Brückencafés staunen, als unter ihnen auf dem Fluss still und sachte ein Holzboot vorübergleitet. Am Heck steht der Fährmann mit einer langen Stange, die er auf den Flussboden stößt, um das Boot in langsamem Rhythmus voran zu schieben.

In Tübingen sind diese Stocherkähne eine Touristenattraktion. Von dort kennt sie auch Hansgeorg Jehner, der Initiator der Neuen Mitte. Ein solcher Bootsbetrieb könne die Innenstadt attraktiver machen. Deswegen hat der Bad Vilbeler den Bootsbauer Rudolf Raidt zu Testfahrten bestellt.

„Heute bieten die Stocherkähne ein herrliches Freizeitvergnügen. Denn sie sind lang und breit und kentern höchst selten. Ich will sehen, ob wir diese Tradition in Bad Vilbel wieder beleben können“, sagt Raidt. „Zunächst ist jedoch zu testen, ob die Nidda in Bad Vilbel zum Befahren mit derartigen Kähnen noch geeignet ist. Die Flussbegradigung und die Renaturierung schränken möglicherweise das Fahren mit Stocherkähnen ein.“

Raidt ist in Tübingen kein Unbekannter. 135 Stocherkähne gibt es dort, „die Hälfte davon habe ich gebaut“. Die Holzbauweise sei eigentlich nichts Neues, schon die Römer hätten so gebaut. Später wurden sie weltweit als Arbeitsboote verwendet, berichtet Raidt. Als Fähre, für Transporte etwa von Lohe, von Flussfischern.

In Bad Vilbel übte der Dortelweiler Fischer Gilbert bis in die 1940er-Jahre die Berufsfischerei aus. Heute sind die Stocherkähne ein Freizeitvergnügen, etwa im Spreewald und dem französischen Naturschutzgebiet La Brière.

Doch auch auf der Nidda sollen die Boote bald im gemütlichen Schritttempo verkehren. Bei der ersten Testfahrt brauchten Raidt und Jehner eine knappe Stunde von der Büchereibrücke bis zum Beginn der renaturierten Nidda in Dortelweil und zurück. „Man braucht dazu schon gewisse Fähigkeiten“, sagt Jehner. „Auf der Nidda ist die Strömung stark, aber man kommt damit zurecht“, erläutert Raidt. Sein Stocherkahn ist acht Meter lang und wiegt 700 Kilogramm. Wenn er darauf steht, sieht er wie ein Gondoliere aus, aber der Eindruck täuscht. Bei den Gondeln tauche die Stange nur ins Wasser, beim Stocherkahn wird im Wasser gestochert, gestakt, um sich vom Flussbett her abzustoßen.

Auf der Nidda kommt aber noch etwas anderes hinzu, die Renaturierung. Bei der zweiten Testfahrt mit einigen Lions-Mitgliedern an Bord blieb der Stocherkahn gleich unterhalb der Bücherei auf aufgeschütteten Steinen stecken – und musste erst wieder frei gesetzt werden.

Für künftige Flussfahrten braucht es indes noch mehr. Es muss ein Betreiber gefunden werden, zudem sind Einstiegsstellen nötig, eine Holzplattform am Ufer. Jehner ist zuversichtlich, dass das bald möglich sein wird, aber nicht vor dem kommenden Jahr. In Tübingen ist das Stocherkahnfahren ein günstiges Vergnügen. Sechs Euro koste die Stunde pro Person, sagt Raidt. Der ganze Kahn mit Platz für bis zu zehn Personen kann in der Zeit für 60 Euro geliehen werden. Dabei können sogar Grillfahrten unternommen werden.

Im vergangenen Jahrhundert verschwanden die traditionellen Holzkähne in kurzer Zeit von vielen Gewässern. Was jahrhundertelang ein wichtiges landwirtschaftliches Transportmittel war, wurde plötzlich überflüssig, da man neue Brücken oder Straßen gebaut hatte. Der Bezug von gutem Bauholz wurde immer schwieriger, Krummholz kaum noch auffindbar. So bedingte Qualitätseinbußen verschlechterten den Ruf von Holzkähnen und ließen ihnen in Konkurrenz zu aus modernen Stoffen gefertigten Booten kaum noch Chancen.

Wo Kähne überhaupt noch nötig waren, wurden sie meist mit glasfaserverstärkten Kunststoffen oder aus Aluminium gebaut. Trotzdem haben sich in manchen Gegenden die traditionellen Holzkähne bis heute erhalten. Bekannte Beispiele sind die Weidlinge bei Stein am Rhein, die Spreewaldkähne und die Tübinger Stocherkähne.

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