Stadt-Homepage

Schluss mit Bürokratendeutsch

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In Sachen Barrierefreiheit hinkt Deutschland vielen anderen Ländern der Welt hinterher. In Bad Vilbel gibt es nun zumindest Ansätze, die Homepage der Stadtverwaltung für mehr Menschen verständlich zu gestalten. Doch für den kommunalen Beauftragten für Menschen mit Behinderungen, Hajo Prassel, ist dies nur ein Anfang.

Leichte Sprache zu schreiben ist alles andere als leicht. Das ist schnell zu erkennen, wenn man sich den ersten Text in leichter Sprache auf der Homepage der Stadt Bad Vilbel ansieht. Es handelt sich um die Satzung zum kommunalen Behindertenbeauftragten Hajo Prassel.

Auf Behördendeutsch lautet ein Satz: „Der Behindertenbeauftragte sollte direkt oder indirekt von der Situation behinderter Menschen betroffen und sachkundig sein.“ In leichter Sprache sieht diese Passage so aus: „Der Behinderten-Beauftragte ist eine Person, die selbst eine Behinderung hat. Oder eine Person, die sich mit der Lebens-Situation von Menschen mit Behinderung sehr gut auskennt.“ Auf sieben Seiten erklärt der Text nun auch für Menschen mit Behinderung oder anderen Einschränkungen, was Prassel für die Bürger Bad Vilbels tun kann. Drei Monate hat das Frankfurter Unternehmen „Capito“ benötigt, um den Text in diese Fassung zu bringen. Beim Testlauf sollte schließlich auch alles sitzen. „Drei Personen zwischen 30 und 50 Jahren haben überprüft, ob alles verständlich ist“, schildert Sebastian Loos, der bei der Stadtverwaltung für die Homepage zuständig ist. Und auch die Arbeitsgemeinschaft Barrierefreiheit der Stadt hat den Text noch einmal auf Herz und Nieren geprüft.

Hajo Prassel und Loos stellen klar, dass dies erst einmal ein Testballon war. Doch bald sollen weitere Texte folgen, so dass möglichst viele Bürger verstehen können, welche Leistungen sie von ihrer Stadtverwaltung erwarten dürfen. „Es geht nicht nur um Menschen mit Behinderungen“, stellt Prassel klar. So verfügten Hörgeschädigte oft über einen kleineren Wortschatz als andere Bürger. Doch auch ältere Menschen und Migranten hätten oft Probleme, die meist komplexen Texte zu verstehen. „Wir müssen das Bewusstsein für diese Notwendigkeit schärfen“, ist für Prassel klar.

Bis allerdings etwa aktuelle Bebauungspläne übersetzt sind, muss noch viel geschehen, das ist auch Prassel klar. „Die Texte müssen auch in leichter Sprache korrekt sein“, sie dürfen juristisch nicht anfechtbar ausfallen. Und es gibt weitere Probleme. So ist Barrierefreiheit bei Bundesbehörden inzwischen angekommen, doch auf Landesebene wurde das Gleichstellungsgesetz bereits nur in abgeänderter Form übernommen. Und bei den Kommunen gebe es überhaupt kein einheitliches Vorgehen. Dabei ist die leichte Sprache für Prassel noch längst nicht das Ende der Fahnenstange. Er und Loos denken an Vorlesefunktionen und Videos mit Gebärdensprache. Doch leichte Sprache hat den Vorzug erhalten, auch der taubstumme Sascha Nuhn hat als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Barrierefreiheit dafür gestimmt, weil er von einer größeren Zielgruppe ausgeht, für die leichte Sprache von Nutzen sein kann.

Nun will das Gremium eine Prioritätenliste erstellen, nach der einzelne Bereiche der städtischen Homepage Übersetzungen in leichter Sprache erhalten sollen. „Ziel ist es, unsere Präsentation zum Hessentag in Bad Vilbel komplett auch in leichter Sprache darzustellen“, sagt Prassel.

Dafür allerdings wird Geld benötigt. Prassel wirbt dafür, entsprechende Mittel in den städtischen Haushalt einzustellen. Da käme schon ein ordentlicher Betrag zusammen, schätzt Prassel. Zumindest solange ein externes Unternehmen die Texte übersetzt. Über Schulungen könnte später auch ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung Texte vereinfachen. Doch wäre dies nach Schätzung von Prassel mit einer zusätzlichen Vollzeitstelle verbunden. „Da ist noch ein dickes Brett zu bohren“, ist sich Prassel sicher.

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