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Freya Klier (links) berichtet GBG-Schülern als Zeitzeugin über das Leben in der DDR. Begrüßt wird sie von Schulleiterin Claudia Kamm.

Sensibilisieren

Schüler hören über das Leben in der Diktatur der DDR

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Gegen das Vergessen: Freya Klier will mit der Geschichte ihres bewegten Lebens Schüler für die Gefahren der Demokratie sensi-bilisieren. Am Georg-Büchner-Gymnasium spricht sie über Leben und Widerstand in einer Diktatur.

Gebannt hören Schüler der Oberstufe des Georg-Büchner-Gymnasiums (GBG) am Projekttag „Leben und Flucht aus der DDR“ Freya Klier zu. Die Regisseurin, Autorin, Künstlerin und ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin spricht mit den Schülern über deutsch-deutsche Geschichte, über ihr Leben in der DDR.

„Wie leben Jugendliche in einer Diktatur?“, will sie von den Oberstufenschülern wissen. Das ist immerhin für Gleichaltrige in mehr als 70 Staaten noch heute Realität. Sie berichtet den Teenagern wie es ist, wenn man als Bürger keine Rechte hat. Sie schildert an vielen Beispielen wie es ist, im „sozialistischen Bruderstaat“ der Sowjetunion groß zu werden.

In einem Land, in dem die nationalsozialistische Diktatur 1945 mit dem Vorrücken der Roten Armee gen Westen durch eine sozialistische ersetzt wird. In einem Land, wo die Bürger hilflos den drei Staatsgewalten, Justizwesen, Polizeiapparat und Staatssicherheit ausgeliefert sind. Einem Land, in dem die jungen Erzieherinnen in einem Dresdner Kinderheim, in das die dreijährige Klier mit ihrem Bruder Steffen 1953 nach der Verhaftung des Vaters kommt, zuvor glühende Anhängerinnen der NSDAP waren.

Und die Eltern dieser Kinder als Feinde des Friedens abgestempelt werden. In Heimen, in denen Schläge, Appelle und Selbstverpflichtungen zur Erziehung gehören. Freya Klier berichtet den Schülern, dass aufgrund des Staatsverleumdungs-Paragrafen in der Diktatur von „Väterchen Stalin“ 25 Millionen Menschen ermordet wurden. Vom 16. bis 19. Juni 1953 steht das Volk in der DDR aufgrund leerer Regale in den Geschäften, fehlender Meinungsfreiheit, Ausreiseverboten, staatlicher Willkür, Inhaftierungen und vielen weiteren Gründen gegen seine Unterdrücker auf. Der Volksaufstand wird vom Staat brutal niedergeschlagen.

„Über 50 Demonstranten, der jüngste war ein 15-jähriger Schüler, wurden ermordet.“ Rund 2,5 Millionen Bürger fliehen in den Westen. Die 1400 Kilometer lange innerdeutsche Grenze wird zur Todesfalle, die Mauer gebaut.

Klier zeigt den Schülern ihren Dokumentarfilm „Die Vergessenen – Tod, wo andere Urlaub machen“, mit dem sie vier Fluchtversuche von DDR-Bürgern über die bulgarische Grenze schildert. Ein Geschwisterpaar aus Dresden überlebt die Flucht 1983 schwer traumatisiert. Einem jungen Leipziger wird 1981 ein Bein zerschossen und zwei junge Erwachsenen werden im Grenzgebiet erschossen, obwohl sie sich bereits ergeben hatten. „Ein Fluchtversuch glückt, zwei sind ge-scheitert, der vierte endete nicht mit der erhofften Freiheit, sondern mit dem Tod“, bilanziert Klier.

In Bulgarien habe die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur kaum begonnen. Und sie räumt mit der seit 1989 kolportierten Mär auf, dass die Gleichberechtigung der Frau in der DDR nicht nur auf dem Papier stand. „Eine Frauenbewegung fand in der DDR nicht statt. Sache der Frauen war es, Beruf, Familie und Kinder zu organisieren so wie überall täglich auf der Welt.“ Die Folge waren viele Abtreibungen.

Auch Schüler litten unter der Übergriffigkeit des Staates in Form von Taschenkontrollen und Bespitzelung durch Mitschüler. Wie beklemmend diese Situation für Betroffene ist, zeigt sie in einem Rollenspiel mit GBG-Schülern, das diese in die Zeit der Diktatur versetzt.

Klier wird nach dem Abi inhaftiert, später bespitzelt, bedrängt, bedroht und verfolgt, später in den Westen abgeschoben wie sie in ihrem Buch „Abreiß-Kalender. Versuch eines Tagebuchs“ schildert. Ihr Bruder Steffen Klier wird nach Protesten vor dem Staatssicherheitsgelände in Dresden in eine geschlossene Anstalt gesteckt. Er begeht als 30-Jähriger 1979 Selbstmord.

Freya Klier lernte alle Facetten des Stasi-Staats kennen, weil sie sich immer wieder gegen das Unrecht zur Wehr setzte. Nach der Wende erfährt sie aus den Stasi-Akten, dass viele Freunde für die Staatssicherheit arbeiteten. Eine Verfolgung und Verurteilung der Verantwortlichen fand praktisch nicht statt, stattdessen versuchten viele von ihnen „die Deutungshoheit in einflussreichen Ämtern wiederzuerlangen“.

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