Musical „Ein Käfig voller Narren“

Wie schwule Liebe wirklich ist

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Noch immer haben homosexuelle Paare tagtäglich mit Diskriminierung zu kämpfen. Und genau darum dreht sich auch die Burgfestspiel-Inszenierung „Ein Käfig voller Narren“, ein Musical nach Jean Poiret. Die Hauptdarsteller Norbert Wendel und Andrea Matthias Pagani sehen eine besondere Herausforderung darin, ungerechtes Verhalten aufzuzeigen – und gleichzeitig zu unterhalten.

Schauspieler Norbert Wendel ist alles andere als ein Burgfestspiel-Neuling: Er stand etwa 2016 für die Inszenierung „Im Namen der Rose“ auf der Bühne – und ist vielen als der „nackte“ Mönch alias Remigius von Varagine bekannt. In dem Musical „Ein Käfig voller Narren“ spielt er nun die Rolle des schwulen George, Vater von Jean-Michel, der aus einer kurzen Liaison mit einer Frau stammt. Die leibliche Mutter ist nach der Geburt verschwunden.

George ist Besitzer eines Travestieclubs in Saint-Tropez, wo sein Lebensgefährte Albin als Travestie-Star „Zaza“ Erfolge feiert. Er wird von Andrea Matthias Pagani dargestellt und ist die „eigentliche“ Mutter von Jean-Michel. Das Verhältnis ist innig, doch als Jean-Michel heiraten möchte, kommt es zu teilweise verletzenden, teilweise amüsierenden Turbulenzen.

Viele Bad Vilbeler und Stammgäste der Burgfestspiele kennen auch Andrea Matthias Pagani bereits aus früheren Musicals: als Che in „Evita“, als Jesus in „Jesus Christ Superstar“ oder von seiner eigenen Show „Jetzt singt Pagani“ im vergangenen August.

Wenn Pagani alias Albin auf die Bühne tritt und „I am what I am“ singt, weil sein Ziehsohn ihn nicht bei der Zusammenkunft mit den erzkonservativen Schwiegereltern dabeihaben möchte – spätestens dann ist jeder im Publikum auf der Seite des schwulen Paares. Und es erklingen noch mehr emotionale Stücke, etwa der „Song am Strand“, ein Liebeslied, das Norbert Wendel alias George singt: eine Liebeserklärung von Mann zu Mann. Wendel, der überwiegend im Schauspiel unterwegs ist, ist sehr stolz darauf, mit einem Song dieser Art in einem Musical zu performen. Interessant auch, dass die beiden Hauptdarsteller sich von früher kennen: Beide waren auf der Schauspielschule in Mainz und trafen sich nun per Zufall in der Quellenstadt wieder.

Doch wie bereiten sich die Profis nun auf ein solches Stück vor? Sechs Wochen Probezeit müssen genügen, um mit neuen oder altbekannten Kollegen und mit Regisseur Benedikt Borrmann ein erfolgreiches Musical auf die Beine zu stellen.

Beide Künstler sind sich einig, dass das Stück ein ernstes Thema vor komödiantischem Hintergrund darstellt. „Deshalb haben wir uns dahingehend sensibilisiert, dass wir nicht in Klischees verfallen“, sagen Wendel und Pagani.

Die beiden Schauspieler möchten die Emotionen aufs Publikum übertragen, die Verletzungen, die entstehen, wenn die „schwule Mutter“ nicht standesgemäß ist. Ein schwieriges Thema – und sehr aktuell. „Nach wie vor gibt es Länder, in denen die Homosexualität mit der Todesstrafe bestraft wird“, sagt Andrea Matthias Pagani. Nicht nur deshalb wünscht er sich, dass sich das Publikum auf die Reise in die Welt der Homosexuellen einlässt und offen ist. Wendel hat sich zum Ziel gesetzt, das Publikum emotional zu berühren und mitzunehmen.

Und die Reise lohnt sich: Neben mitreißenden Songs springt das Stück zwischen Familienleben und Travestie-Aufführung hin und her und baut etwa dann besonders viel Spannung auf, wenn Albin zehn Sekunden vor seinem Auftritt als „Zaza“ erfährt, dass er bei der Vorstellung von Jean-Michels Verlobten und ihren erzkonservativen Eltern nicht dabei sein darf.

Es ist nicht einfach, Witz und Humor mit verletzen Gefühlen und Diskriminierung zu vereinbaren. „Das ist die sozialkritische Seite des Stücks“, meint Pagani.

Ambivalenz sieht er auch in seiner Rolle: „Ich übernehme den weiblichen Part in der Beziehung zu George, aber dennoch habe ich auch männliche Eigenschaften.“ Albin sei zwar sensibel, aber dennoch zielstrebig. Auch Wendel sieht die Transgender-Diskussion, die seit den 70er-Jahren anhält, als Thema, das den Zuschauer trotz unterhaltsamer Szenen berühren sollte. Denn letztlich ist die Kernbotschaft: „I am what I am“.

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