Stephanie Becker-Bösch im Interview

SPD-Landratskandidatin: „Brauchen mehr Geld für Integration“

Auch wenn es insgesamt vier Kandidaten sind, dürfte sich der Kampf um den Chefsessel im Wetterauer Kreishaus auf Jan Weckler (CDU) und Stephanie Becker-Bösch (SPD) konzentrieren wird. Heute im Interview mit Redakteur Thomas Kopp: Stephanie Becker-Bösch.

Wie sehen Sie Ihre Chancen bei der anstehenden Landratswahl? Immerhin gilt es, eine über 30 Jahre andauernde SPD-Tradition fortzusetzen. Sie wären auch die erste Frau im Chefsessel des Wetteraukreises.

STEPHANIE BECKER-BÖSCH: Ich komme aus einer durch und durch sozialdemokratischen Familie und stehe zu diesen Traditionen. Natürlich würde ich gerne die erste Landrätin werden. Ich war auch die erste weibliche Kreistagsvorsitzende. Es war sicherlich in den ersten ein, zwei Sitzungen nicht einfach. Das ist ein Schicksal, das viele Frauen in gehobenen Positionen teilen. Das gibt sich aber mit der Zeit, weil die Menschen akzeptieren, dass Frauen etwas können.

Die B 3 ist eine wichtige Verkehrsverbindung, die noch ein paar Lücken aufweist. Was können Sie tun, um diese Lücken zu schließen?

BECKER-BÖSCH: Der B 3-Ausbau ist nicht unumstritten. Es wird sich zeigen, ob die Menschen in Karben bereit sind, die Pläne zu akzeptieren. In Butzbach formiert sich seit einigen Monaten großer Widerstand. In Karben ist mir noch nicht gespiegelt worden, dass die Menschen diese Umgehung nicht wollen. Aber die Straße befindet sich im vordringlichen Bedarf. Das würde bedeuten, dass wir es in den nächsten vier Jahren durchaus schaffen könnten, zum Spatenstich zu gelangen. Ich setze mich auf jeden Fall weiterhin dafür ein. Aber den Menschen etwas überzustülpen, was sie nicht wollen, das kann die Politik nicht tun.

Wann fährt die S6 bis nach Bad Nauheim?

BECKER-BÖSCH: Ich bin seit 18 Jahren beim Wetteraukreis und kenne die Diskussion um den S 6-Ausbau. Der erste Erweiterungs-Bauabschnitt bis Bad Vilbel soll 2023, spätestens 2024 fertig sein, danach folgt der Ausbau bis nach Friedberg. Ich wäre sehr zufrieden, wenn wir diesen Bauabschnitt bis 2027/2028 hätten. Bis nach Bad Nauheim oder idealerweise bis nach Butzbach, meine Heimatstadt, das ist bis 2030 nicht abzusehen. Es verzögert sich zu Recht, wenn Bürger ihre Rechte wahrnehmen und Klageverfahren einleiten. Aber das verzögert auch den Gesamtablauf und verteuert die Kosten erheblich.

Landfraß versus die Ansiedlung von Unternehmen: Welche Seite vertreten Sie?

BECKER-BÖSCH: Wir müssen auch zukünftig Wirtschaft fördern und Arbeitsplätze schaffen. Die Debatte um Landfraß kann ich aber auf jeden Fall nachvollziehen. Deswegen müssen wir Unternehmen auch in die Ortskerne hineinbekommen. Der große Raumbedarf ist nicht mehr erforderlich, weil wir über das Internet Heimarbeitsplätze anbieten können. Aber wir werden nicht umhinkommen, dass wir in der Nähe zu Frankfurt einen gewissen Logistikbedarf haben.

Wie lockt man mehr Touristen in die Region?

BECKER-BÖSCH: Wichtig ist, dass sich die Städte und Gemeinden bewusst werden, was für ein Pfund sie in der Hand halten. Das Potenzial in den Rathäusern ist oft nicht vorhanden. Auch der Kreis muss hier als Motor fungieren. Ich selbst bin Individualreisende. Wenn ich mit meinem Wohnmobil in die Wetterau kommen würde, könnte ich hier sicherlich zehn Tage verbringen, ohne dass mir langweilig wird.

Flüchtlinge: Was läuft noch nicht gut? Wie gelingt eine bessere Integration?

BECKER-BÖSCH: Besser geht immer! Das, was wir an finanziellen Möglichkeiten haben, geben wir rein. Aber wir bräuchten viel, viel mehr. Das Jobcenter bekommt dieses Jahr 800 000 Euro weniger Mittelzuweisung vom Bund, obwohl wir wissen, dass der Bedarf dauerhaft steigen wird. Diese Menschen brauchen richtige Sprachförderung. Sie werden minimal fit gemacht, dann erwartet man, dass sie auf dem Arbeitsmarkt integrierbar sind. Das funktioniert nicht.

Was kann der Kreis tun, um den Bau von Sozialwohnungen und Wohnungen für Mittelverdiener anzukurbeln?

BECKER-BÖSCH: Seit Mitte der 2000er ist der Wohnungsmarkt leer. Das ist ein hausgemachtes Problem der großen Politik. Wir haben die Möglichkeit bekommen, als erster Landkreis Hessens einen Zweckverband zu gründen. Der Verband hätte die Möglichkeit, neue Wohnungen zu bauen und auch alte Wohnungen umzubauen und umzuwidmen. Der Zweckverband soll keine Gewinne erwirtschaften, sondern alles investieren in verschiedene Wohnformen, das volle Programm. Butzbach ist da sehr offen, auch Büdingen denkt darüber nach. Es wird darauf ankommen, ob auch Bad Vilbel und Karben mitspielen.

Ob Bad Vilbel mitmacht, bleibt die Frage. Denn die Stadt will ja selbst in diesem Segment bauen.

BECKER-BÖSCH: Ich habe vor kurzem ein Gespräch mit Klaus Minkel von den Stadtwerken geführt. Bauvorhaben erschöpfen sich dann, wenn die außenliegenden Flächen weg sind. Nach dem Quellenpark ist irgendwann Schluss. Sich dann weiter in Richtung Karben zu vergrößern, geht aufgrund der vorhandenen Grenzen nicht mehr. Ich kann immer im Verhältnis billig bauen, wenn ich neu baue. Wenn ich aber in Altsubstanz investiere, kostet das mehr. Auch Bad Vilbel hat da Potenzial.

Gesundheit: Erst kürzlich gab es Misstöne im Gesundheitszentrum Wetterau, weil der Kreis die Stadt Bad Nauheim hinausdrängt.

BECKER-BÖSCH: Am Ende muss beiden Beteiligten klar sein, dass die zwingenden Sanierungen und Erweiterungen in Bad Nauheim mit 60 Millionen Euro Aufwand und einer Deckungslücke von rund 16 Millionen Euro von den Gesellschaftern zur Hälfte getragen werden müssen. Es sind Wege aufgezeigt worden, die Bad Nauheim die Möglichkeit eröffnen, Mitgesellschafter in Höhe von 50 Prozent zu bleiben, aber diesen Anteil über Jahre verteilt zu bringen.

Wie halten Sie nicht nur Spitzenmedizin, sondern auch die regionale Versorgung auf hohem Niveau?

BECKER-BÖSCH: Wir werden wieder stärker in die Region gehen müssen. Dabei denke ich auch an das klassische Prinzip der Gemeindeschwestern, die wir in den 80ern noch hatten. Wir haben auch ein Potenzial an jungen Ärzten mit Familienwunsch, das ist in einer Klinik nicht so gut möglich. Die könnten in einem rotierenden System des Gesundheitszentrums mit überschaubaren Wochenend-Diensten in der Region mitarbeiten. Das wird politisch nicht ganz einfach. Aber so bleiben die Krankenhäuser den wirklich ernsten Erkrankungen vorbehalten.

Eltern brauchen verlässliche Betreuungs- und Unterrichtszeiten in Kindergärten und Schulen: Was kann eine Landrätin tun, um dabei zu helfen?

BECKER-BÖSCH: Wir müssen Senioren stärker in die Nachmittagsbetreuung einbinden, hier muss der Kreis eine Leitstelle bilden und die Koordinierung übernehmen. Das haben wir noch nicht. Die Betreuung von Kindergartenkindern ist ein ganz übles Thema. Wir müssen hier als kommunale Familie eng zusammenarbeiten, weil man versucht, uns seitens der großen Politik auseinanderzudividieren. Der Vorstoß der Gebührenbefreiung für sechs Stunden Betreuung war löblich aus Sicht der Eltern, aber für die kommunale Familie ein Todesstoß. Bislang gehen 20 Prozent der Kinder gar nicht in einen Kindergarten. Das werden sie nun, zumindest für die sechs Stunden. Und es wird ein viel stärkeres Potenzial von Kindern geben, die in den Nachmittagsbereich hineinstoßen. Was über den Förderbetrag X des Landes hinausgeht, müssen die Kommunen dann tragen. Und sie können gar nicht so schnell bauen, wie sie müssten.

Aber noch viel schwieriger ist das mit dem Personal. Wir werden den Kommunen ein Stück weit entgegengehen. Sicherlich zeitlich befristet und mit vielen Magenschmerzen behaftet. Aber wir werden keine Betriebserlaubnis entziehen, weil das Personal nicht da ist.

Ehrenamtliche in Vereinen werden immer weniger. Welche Anreize kann man hier schaffen?

BECKER-BÖSCH: Wir als Kreis können Wertschätzung geben. Ob das mit einer Ehrenamtscard klappt, weiß ich nicht. Damit schaffe ich möglicherweise sogar Unfrieden in den Vereinen. Wichtiger ist, dass Vereine auch die kreiseigene Sporthallen nutzen können oder einen Anbau als Vereinsheim erhalten. Für Bauten können wir Geld zur Verfügung stellen.

Als Butzbacherin haben Sie den Hessentag 2007 in Ihrer Heimatstadt hautnah miterlebt. Was können Sie den Bad Vilbelern für 2020 mit auf den Weg geben?

BECKER-BÖSCH: Nicht die Ruhe zu verlieren. Gegen Ende wurden in Butzbach alle wahnsinnig nervös und haben geglaubt, es wird nicht alles fertig. Doch, es wird alles fertig und perfekt sein! Wenn es die Bad Vilbeler schaffen, ihre Vereine dauerhaft zu stärken, wäre das wünschenswert. Noch heute organisieren die Butzbacher Vereine zusammen mit der Stadt ein Weinfest, das entstand aus dem Hessentag. Ein Hessentag kostet Geld, aber er kann ein Zusammengehörigkeitsgefühl auslösen, das lange anhält.

Welche Schlagzeile möchten Sie in sechs Jahren über die Wetterau lesen?

BECKER-BÖSCH: Dass die Landrätin Stephanie Becker-Bösch die Wetterau vorangebracht hat.

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