Stolpersteine erinnern an ermordete Juden

Zum Stolpern eingeladen

,,Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ So lautet der Grundsatz, nach dem Gunter Demnig bei seinem Gedenkstein-Projekt handelt. Dabei geht es um eine besondere Art von Menschen, die in der Nazi-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Auch in Bad Vilbel werden die Menschen zum Stolpern aufgefordert.

Von ANNA LENA GERLACH

,,Ihre Einrichtung wurde ebenfalls demoliert, und aus dem angsterfüllten Schreien der Frau schlossen wir Zuschauer, dass sie auch tätlich angegriffen worden war. Diese Schreie haben uns sehr erschreckt, und mir sind sie lange wie ein Alptraum im Gedächtnis geblieben.“ Das berichtet Erich Jost in seiner ,,Erinnerung an die Reichskristallnacht“ über Elise Strauß im Buch ,,Geschichten der Vilbeler Juden“ von Berta Ritschler. 1942 wurde die Vilbelerin Elise Strauß, damals 28 Jahre alt, nach Theresienstadt deportiert und ein Jahr später ermordet.

,,Im Jahr 1933 umfasste die jüdische Gemeinde in Vilbel 75 Personen“, weiß Yannick Schwander, Pressesprecher der Stadt Bad Vilbel. Elise war eine von mindestens 22 Vilbeler Juden, die während der NS-Zeit ermordet wurden. Heute erinnert ein Stolperstein vor dem Haus im Wasserweg 2, in dem sie einst wohnte, an ihr Schicksal.

Todesangst unter dem Bett

,,Die ersten Steine verlegte Gunter Demnig 2006 in Bad Vilbel. Mit weiteren Verlegungen bis zum Jahr 2009 sind es nun insgesamt 25 Stolpersteine in Bad Vilbel“, so Schwander. Die Steine wurden vor den Häusern, in denen einst Juden lebten, in den Boden gelegt und befestigt. Jedoch gibt es sie nicht nur in Deutschland: Auch in 19 weiteren europäischen Ländern existieren bereits die goldfarbenen Pflastersteine. ,,Die Idee zur Verlegung der Stolpersteine kommt ursprünglich vom Kölner Künstler Gunter Demnig, der mit diesen Steinen an die Juden erinnern möchte, die einst in den Häusern lebten, vor denen die Steine verlegt werden“, erklärt Schwander. ,,Für Bad Vilbel entstand die Idee auf Initiative unter anderem von unserem Kulturamtsleiter Claus-Günther Kunzmann und dem im vergangenen Jahr verstorbenen damaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Rafael Zur.“

Auch vor dem Haus in der Frankfurter Straße 41 ist ein Stolperstein zum Andenken verlegt – an Karoline Schiff. „Die kleine alte Frau soll sich in Todesangst unter dem Bett versteckt haben. Die Horde HJ- oder SA-Männer, die in ihre Wohnung drang, fand sie und zerrte sie unter dem Bett hervor. Sie soll gesagt haben: ,Was wollt Ihr denn alles mein Zeug kaputt machen, ist alles von meiner Mutter selig’“, schreibt Berta Ritschler.

Karoline Schiff wurde 1874 in Vilbel geboren und im September 1942 deportiert. Etwa ein halbes Jahr später wurde auch sie in Theresienstadt ermordet. Diese Informationen kann man nicht nur auf den Stolpersteinen nachlesen. „Die zentrale Stelle mit Informationen über die verstorbenen Juden ist Yad Vashem, eine Gedenkstätte in Jerusalem“, erklärt Stadtsprecher Schwander. Die Informationen sind übers Internet unter abrufbar.

Ganz kostenlos sind die Stolpersteine jedoch nicht. Schwander: ,,Inklusive Vorbereitungsarbeiten kostet das Verlegen der Stolpersteine pro Stück 120 Euro.“ Jedoch werden die entstehenden Kosten ausschließlich durch Patenschaften und Spenden finanziert.

Matt und verdreckt

„Patenschaften können von Privatpersonen, Institutionen, Ausbildungsstätten, Firmen und Vereinen oder Parteien übernommen werden.“ Ob weitere Stolpersteine geplant sind, steht laut Schwander noch nicht fest. ,,Eine Fortsetzung kann sich die Stadt Bad Vilbel durchaus vorstellen. Zurzeit gibt es jedoch keine konkreten Planungen dazu.“

Eigentlich sind die Stolpersteine trotz ihrer geringen Größe von rund zehn mal zehn Zentimetern gut sichtbar – sie blinken golden. Doch derzeit wirken viele nur matt, verdreckt und kaum leserlich. „Das liegt wahrscheinlich an der Jahreszeit“, vermutet Schwander. Grundsätzlich sei die Stadt für die Reinigung jener Stolpersteine zuständig, die im öffentlichen Raum liegen. Für die direkt vor den Häusern befindlichen Erinnerungssteine sind die jeweiligen Immobilien-Eigentümer zuständig.

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