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Beate Thieswald-Schechter

Szenen einer Wende-Jugend

Beate Thieswald-Schechter, eine Autorin der Wende-Zeit in der DDR, las in der Buchhandlung Lesezeit im Brunnencenter aus ihren 2014 im Tredition Verlag erschienenen „Ostdeutschen Geschichten“. Und die sind spannend.

Von KURT SÄNGER

Die Autorin wurde 1969 in Eisenach geboren. Aufgewachsen in einem Pfarrhaus in Sachsen-Anhalt war sie nicht im straff organisierten stalinistischem Obrigkeitssystem integriert. Ihre fehlende Zugehörigkeit zu den DDR-Jugendorganisationen machte sie zur politischen Außenseiterin, der Zugang zur Oberschule wurde ihr verwehrt. Während eines Urlaubs in Ungarn floh sie 1989 nach der Grenzöffnung mit ihrem Freund in die Bundesrepublik.

Ihre komplizierte Lebensgeschichte zwischen Stasi-Spitzeln, politischer Ausgrenzung, gesellschaftlichem Druck und Aufbegehren, aber auch kleine Freiheiten zeichnen ihre Geschichten aus. Sie schildern in der Retrospektive das geduckte Leben im realsozialistischen Bauern- und Arbeiterstaat, der mit dem Mauerfall aufhörte zu existieren.

Mit drei Familiengeschichten aus unterschiedlichen Zeitabläufen der DDR spiegelt Thieswald-Schechter in kleinen Psychogrammen die

Seelenlandschaften

ihrer Figuren. Teils sind es Erzählungen, die sie als Kind aus ihrer unmittelbaren Verwandtschaft übernommen und literarisch verdichtet hat, teils fließen autobiografische Dokumente in die Geschichten hinein, nicht zuletzt ihre Flucht über Ungarn.

Die Autorin liest mit leiser Stimme, als müsse sie sich heute noch ihres Umfeldes vergewissern, wo die duftende Minze aufhört zu wachsen und wo das Reich der schmerzenden Brennnesseln beginnt. Etwa beim Ferienausflug nach Heiligendamm unmittelbar nach Kriegsende. Der Vater in russischer Gefangenschaft erscheint dort plötzlich in Albträumen der Mutter. Oder es sind dies die realsozialistischen Albträume eines Jugendlichen, der zur Musterung in der Volksarmee einbestellt wird, aber den Militärdienst verweigern will, Albträume, die das das dogmatisch-stalinistische System durcheinander purzeln lassen.

Abenteuerlich dann ihre Geschichte der Flucht selbst. Das „Rübermachen“ wird zur Verdichtung, reift der Fluchtplan während des Urlaubs mit Motorrad und Beiwagen in Ungarn „wie eine herauf kriechende Schlange.“

Die Autorin steht mit präziser und bildreicher Sprache für eine Wende-Literatur, die das große gesellschaftliche Dilemma der DDR-Jugendlichen kurz vor dem Mauerfall aufgreift. Protagonisten wie Wolf Biermann oder Ulrich Plenzdorf gehören bei ihr schon zur Literaturgeschichte. Ihre Texte sind literarische Kleinode aus einer Zwischenzeit, die bis heute andauert.

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