Dem Trauma entreißen

  • VonChristine Fauerbach
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Sie wurden von ihren Eltern verlassen oder misshandelt, sollten zwangsverheiratet werden, sind Waisen oder vor Krieg, Terror und Gewalt geflohen. Sie leben von Geburt an in Deutschland oder kommen aus einem der vielen weltweiten Krisengebiete. Allen gemeinsam ist, dass sie jung oder minderjährig sind und dringend Hilfe benötigen. In Bad Vilbel bekommen sie die von den Mitarbeitern des Vereins „Möwe Jonathan“.

Die Mitarbeiter des Vereins Möwe Jonathan betreuen die Jugendlichen permanent in einer Wohngruppe und ambulant in einer Verselbstständigungsgruppe. Alle Bewohner tragen ein schweres emotionales Gepäck mit sich herum. Alle benötigen dringend Hilfe, um ihren Weg in ein selbstbestimmtes Leben gehen zu können. Das Schicksal dieser Jugendlichen war Thema bei einer 4000-Euro-Scheckübergabe des gemeinnützigen Vereins „Wundertaler“, den Mitarbeiter der Düsseldorfer Targobank 2008 gründeten, um gemeinnützige Projekte zu unterstützen.

„Dank Ihrer Spende haben wir endlich das Geld für unsere zweite Gemeinschaftsküche zusammenbekommen“, bedankte sich Burkhard Fiebig, kaufmännischer Vorstand der Möwe, bei Spendenüberbringerin Marina Jantz. Die Mitarbeiterin aus der Unternehmenskommunikation der Targobank sagte: „Es ist für mich eine große Freude, hierherzukommen. Ich finde wie alle Mitglieder des Wundertaler-Vereins das Möwe-Projekt zur Betreuung von in Not geratenen Jugendlicher sehr interessant und unterstützenswert. In unserer Spendengruppe sind Flüchtlinge ein großes Thema.“

Gefährdete Familien

Jeder der 3000 Targobank-Mitarbeiter verzichtet auf die Cent-Stellen seines Monatslohnes und spendet den Betrag an Wundertaler. Die Targobank unterstützt das soziale Engagement ihrer Mitarbeiter, indem sie die gleiche Summe noch einmal dazu gibt. So seien bisher bereits 200 000 Euro für Spenden bereitgestellt worden.

Zusätzlich zum Spendenscheck überreichte Jantz ans Möwe-Team zwei Kochbücher und ein Sparschwein. „Von den 4000 Euro fließen 1500 Euro in die neue Küche für unsere Verselbstständigungsgruppe im Pommernweg. Die restlichen 2500 Euro verwenden wir für Bildungsprojekte und Ausflüge“, kündigten Burkhard Fiebig und Diplom-Pädagogin Inga Gläser an.

Gläser gehört zum Betreuerteam der acht Jugendlichen der Wohngruppe in der Kurt-Moosdorf-Straße. Dort begrüßten die beiden Möwe-Mitarbeiter, verstärkt durch PR-Frau und Projektleiterin Anette Vrijaldenhoven, die Spendenüberbringerin.

In der Wohngruppe leben derzeit sieben Jungen und ein Mädchen. Zu den zwischen 16 bis 19 Jahre alten Jugendlichen, die meist aus Kindeswohl gefährdeten Familien kommen, gehören auch unbegleitete Flüchtlinge aus Indien und Gambia. In der Wohngruppe lernen sie, früh selbstständig zu werden, informierte die Betreuerin.

Sprechen über Folter

Die Bewohner besuchen Sprachkurse und Schulen, Schwimm- und Sportkurse, werden im schulischen Bereich gefördert und von sechs Betreuern begleitet. Geschult werden die jungen Leute in Hygienefragen, den Körper oder die Wohnung betreffend. „Einer kannte beispielsweise weder eine Badewanne noch ein Schwimmbad. Es ist etwas anderes, ob man im Schwimmbecken oder einer Badewanne badet oder in einem See oder Fluss.“ Fiebig: „In unserer Wohngruppe lernen die Jugendliche zu fliegen, das heißt ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen.“

In der Verselbstständigungsgruppe leben junge Erwachsene von 19 bis 21 Jahren. Sie werden zwei Mal wöchentlich ambulant von den Möwe-Mitarbeitern betreut. „Viele tragen Traumata und eine große Angst mit sich herum. Ein Junge ist völlig entwurzelt, hat bei seiner Ankunft einen Kulturschock erlitten. Ein 16-Jähriger aus Gambia wurde inhaftiert und gefoltert, weil er im Internet eine regimekritische Seite besuchte. Er fiel auf und wurde bestraft.“ Was der Jugendliche alles und wie lange erlitten hat, wissen die Möwe-Betreuer noch nicht. Er beginnt erst jetzt, langsam über seine Angst und Folter zu sprechen.

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