Endlich eine eigene Kirche

Trotz Drohung weiht Oberhaupt das Gotteshaus der syrisch-orthodoxen Gemeinde in Massenheim ein

Mehrere Jahre baute die Syrisch-Orthodoxe Gemeinde „Maria Mutter Gottes“ an ihrer Kirche in Bad Vilbel. Endlich ist diese nun fertig. Am Sonntag gab es die feierliche Einweihung. Zu der kamen Gäste und Gläubige aus ganz Europa – und auch der Patriarch war vor Ort im Stadtteil Massenheim. Wegen einer anonymen Drohung gegen das geistliche Oberhaupt zeigte die Polizei besondere Präsenz.

Am Ende atmen vor allem die Sicherheitskräfte auf: Die Drohung gegen Patriarch Mor Ignatius Aphrem II. Karim bleibt folgenlos. „Vielleicht hat unsere Präsenz für die nötige Abschreckung gesorgt“, sagt ein Polizist. Unklar bleibt, woher die Drohung gekommen ist und welchen konkreten Inhalt sie hat. Sie wurde auf jeden Fall ernst genommen, da der Patriarch im vergangenen Juni nur knapp einem Anschlag in Syrien entgangen sein soll. Ein Selbstmordattentäter soll sich als Priester verkleidet haben, um während eines Gottesdienstes Mor Ignatius Aphrem II. Karim zu töten.

Von dieser Anspannung wissen die mehreren hundert Gäste vor Ort aber nichts. Bei ihnen herrscht vor allem Vorfreude. Sowohl Mitglieder der Bad Vilbeler Gemeinde, Würdenträger des syrisch-orthodoxen Glaubens in Deutschland, Ehrengäste der Stadt und anderer Gemeinden in Bad Vilbel sowie Gläubige aus anderen syrisch-orthodoxen Gemeinden in Deutschland. Musiker der Wiesbadener Gemeinde stimmen auf die bevorstehende Ankunft des Patriarchen ein.

„Das ist wirklich sehr besonders für uns. Es ist der höchste Anlass“, erklärt Gewargis Gorbo. Er ist aus Wiesbaden angereist, um den obersten Mann der syrisch-orthodoxen Kirche zu sehen und mit der Bad Vilbeler Gemeinde die Kirchweihe zu feiern. Der Besuch sei für die Gläubigen ein ähnlich großes Ereignis wie ein Auftritt des Papstes für die Katholiken.

Und dann kommt er an: Freudenrufe hallen in Massenheim wider, mit einem seelenruhigen Lächeln blickt der Patriarch auf die Menschenmasse, die ihn erwartet. Kameraleute, Fotografen – alle drängen zu ihm. Die feierliche Prozession begibt sich in die neue Kirche, allen voran die Musiker, dahinter die Messdiener und der Patriarch sowie die Gäste, die der Heiligen Eucharistie im Gotteshaus beiwohnen dürfen. Das goldene Buch der Stadt hat Bad Vilbels Bürgermeister Thomas Stöhr (CDU) dabei. Seine Heiligkeit sei eingeladen sich darin einzutragen, erklärt er.

Wechselnde Unterkünfte

Der mehrstündige, in aramäischer Sprache gehaltene Gottesdienst am Nachmittag wird auf eine Leinwand im Festzelt übertragen und simultan auf deutsch übersetzt. Davor wird derweil gegessen, man trifft sich und feiert. „Aktuell gehören zu unserer Gemeinde in Bad Vilbel 115 Familien, also etwa 450 Mitglieder insgesamt“, weiß Doreen Lahdow, eine Sprecherin der Gemeinde. 1967 seien die ersten Angehörigen ihres Volkes nach Deutschland gekommen. Der syrisch-orthodoxe Glaube sei im früheren Mesopotamien beheimatet. Die Lage in den Gebieten habe sich für die Gläubigen zum schlechteren gewendet, immer wieder seien die orthodoxen Christen ins Kreuzfeuer geraten. Viele Gastarbeiter hätten so ihre Familien nachgeholt, berichtet sie weiter.

1980 gründete sich die Bad Vilbeler Gemeinde. „Wir haben damals die Auferstehungskirche zur Verfügung gestellt bekommen, 1992 haben wir unser Gebetshaus in der Dieselstraße bezogen“, so Lahdow. „Es ist eine ganz große Ehre für uns, dass der Patriarch angereist ist“, sagt sie glücklich. „Dass die Kirche nun fertig ist, ist ein tolles Gefühl. Wir sind angekommen. Angekommen in unserer neuen Heimat.“ Sie könne sich nicht mehr vorstellen, woanders zu leben und wisse, dass das vielen der Gemeindemitglieder genauso gehe. „Unsere Wurzeln sind uns dennoch sehr wichtig“, ergänzt sie.

Taufen und Hochzeiten

Die Liturgie der Gottesdienste werde auf aramäisch, aber auch auf deutsch gehalten. „Wir sind eine kleine Gemeinde, die sich das eigentlich nicht leisten kann“, meint sie mit Blick auf die neue Kirche. „Man hat viel eingebracht, sowohl materiell als auch ideell“, sagt sie dankbar. Viele Spenden kämen von Gemeinden aller Konfessionen, aber auch Privatleute hätten ihren Beitrag geleistet. Zukünftig wolle man sich in der Bad Vilbeler Ökumene stark einbringen.

Die Gemeinde präsentiert sich sehr herzlich und offen, es gibt allerlei Speisen aus der nahöstlichen Küche. Die Stimmung ist ausgelassen. Wo man hinschaut, sind nur strahlende Gesichter zu sehen. „Es ist ein super schöner Tag“, findet Gemeindemitglied Juliana Pircek.

Aframya Pircek ergänzt: „Es ist wunderschön, denn in Syrien und im nahen Osten ist es so schwierig. In Deutschland können wir unsere Religion leben.“ Nun können endlich Hochzeiten, Taufen und Gottesdienste in der eigenen Kirche stattfinden.

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