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Geht es nach dem Fachdienst für Parkanlagen, haben diese Bäume in der Frankfurter Straße nichts verloren. Einige wurden bereits gefällt.

Vom Schreien der Bäume

Umweltausschuss diskutiert über Bäume am Straßenrand – ungewöhnliche Argumente erhitzen die Stimmung

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Eigentlich wollte Jens Völker (CDU) die Debatte ein für allemal beenden. Der Vorsitzende des Planungs- Bau- und Umweltausschusses ist es Leid Sitzung für Sitzung über neue Bäume und deren Fällungen zu diskutieren.

Selten hat eine Ausschusssitzung einen solchen Andrang erlebt. Knapp 30 Besucher sind in den kleinen Versammlungsraum im Rathaus gekommen – unter ihnen zahlreiche Mitglieder der Bürgerinitiative "Gelbwespen". Das Thema Bäume bewegt die Stadt. Mitdiskutieren, dürfen die Besucher jedoch nicht, ein Mitspracherecht besteht nur im Ortsbeirat, macht der Vorsitzende Jens Völker (CDU) zu Beginn unmissverständlich klar.

Zu diesem Zeitpunkt hoffen die Besucher noch, dass der angekündigte Vortrag des Fachdienstleiters Agel mit dem Titel "Bepflanzungen an Straßen – Bäume ja oder nein?" den Straßenbäumen der Stadt eine Chance einräumt, doch schon in seinem ausführlichen Vorwort, macht Stadtrat Klaus Minkel (CDU) deutlich, dass der Vortrag eine ganz andere Richtung einschlagen wird. So hören die Anwesenden im Folgenden eine ausführliche Absage an Bäume an Straßenrändern.

Schlechter als Hühner

"Es wird viel ohne sachliche Grundlage diskutiert, heute können wir die Debatte endlich versachlichen", freut sich Minkel auf den Vortrag und fährt fort: "In manchen Fällen geht es den Straßenbäumen schlechter, als Hühnern in Käfighaltung."

Fachdienstleiter Agel zeichnet schließlich ein chancenloses Bild: "Wir haben am Straßenrand häufig nicht den Wurzelraum, den die Bäume für ein gesundes Wachstum brauchen." So stünden Bäumen am Straßenrand nur kleine Flächen zur Verfügung, deren Erdreich meist nicht sehr tief ginge, von etlichen Leitungen durchzogen und verdichtet sei. Hinzu komme der Kostenfaktor: "Es wird viel in die Unterhaltung von nicht nachhaltig stehenden Bäumen investiert, da man diese um jeden Preis erhalten will, obwohl sie keine Zukunft haben", beklagt er sich.

Durch die Nähe zu Häusern und um den Verkehr nicht zu verhindern, müssten die Bäume zudem immer wieder zurück geschnitten werden. Ein Akt des Grauens für Agel: "Ich möchte auch nicht einen Finger amputiert bekommen und dann mit offener Wunde rumlaufen", betont er.

Durch die Nähe zu Häusern und um den Verkehr nicht zu verhindern, müssten die Bäume zudem immer wieder zurück geschnitten werden. Ein Akt des Grauens für Agel: "Ich möchte auch nicht einen Finger amputiert bekommen und dann mit offener Wunde rumlaufen", betont er.

Das Wachstum der Wurzeln auf engstem Raum habe noch weitere Nachteile. Vieler Orts sei etwa die Barrierefreiheit nicht mehr gegeben. In der Ritterstraße hätten die Straßenbäume bereits Bodenplatten angehoben: "Das ist gefährlich, wir müssten eigentlich überlegen, ob wie den Weg für Fußgänger sperren", so Agel.

Für ihn ist klar, Bäume in schmalen Grünstreifen, ohne ausreichendes Erdreich und mit der Gefahr von Autos angefahren zu werden, führen ein schmerzvolles und unwürdiges Leben. Geduldig erklärt er Straße für Straße die Situation und kommt nicht nur in der Frrankfurter Straße zum Fazit: "Das kann nur eine Maßnahme für die Optik sein, nicht für ein langes Leben der Bäume. Dort gehören einfach keine Bäume hin!"

60 bis 70 Jahre

Die Konklusion, die Bäume daher zu Fällen, lässt die Grünen im Ausschuss jedoch Sturm laufen. "Die Bäume haben dort bis zu 60 Jahre gestanden, wenn wir die in verbesserter Form neu pflanzen, stehen die mindestens wieder 60 Jahre und das ist doch gar nicht so schlecht", betont etwa Peter Paul. Das sieht auch Clemens Breest so: "60 bis 70 Jahre – Mit der Perspektive würde ich wieder einen Baum pflanzen. In einem kurzen Vortrag stellt Breest einzelne Orte vor, an denen in der Stadt Bäume gefällt wurden, und bittet um Aufklärung. Geduldig wiederholt Agel Baum für Baum seine Argumente. "Wir sollten nicht unterschätzen, welches Anpassungsvermögen ein Baum hat", hält ihm Breest jedoch entgegen und präsentiert als Beispiel einen eng eingebauten aber dennoch prächtigen Baum in der Konrad-Adenauer-Allee. Doch wie auch bei vielen weiteren Beispielen bleibt Agel bei seiner Maxime, die baulichen Umstände sorgten dafür, dass ein Baum dort nicht hingehöre.

Die Aufforderung der Grünen für jeden gefällten Baum an gleicher Stelle einen neuen zu pflanzen ist für Minkel allerdings ein Affront: "Ich habe nichts gegen Bäume in der Stadt, aber wie müssen die Realität sehen. Diese Bäume würden ununterbrochen schreien, wenn sie es könnten", betont er aufgebracht.

Spätestens an diesem Punkt ist die erhoffte Versachlichung passé. "Wenn Ihnen 60 Jahre nicht ausreichen, um einen Baum anzuerkennen", beginnt der Grüne Clemens Breest einen Satz, als ihm Minkel nicht zum ersten Mal energisch ins Wort fällt: "60 Jahre Krüppelleben!". Breest erbost: "Auch Krüppel haben ein Recht zu leben." Mehrmals muss Jens Völker das Publikum zur Ruhe ermahnen.

Sozialdemokrat Klaus Arabin vermag es schließlich die Gemüter zu beruhigen: "Was ist denn nun die Alternative? Was können wir fürs Stadtklime tun?" will er vom Fachdienstleiter wissen. Dieser schlägt Pflanzkübel mit kleineren Bäumen, die nach 20 bis 25 Jahren ersetzt werden, vor. Auch Koniferen befürwortet er: "Lieber ein immergrün als gar keins." Nach energischen zwei Stunden beendet Jens Völker schließlich die Diskussion. Das Thema - soviel ist sicher - wird die Bürger und somit auch den Ausschuss in Zukunft weiter beschäftigen.

Kommentar: Minkels grünes Versprechen

Bäume fällen aus Liebe zu Bäumen? Was Klaus Minkel und Ronald Agel dem Umweltausschuss zu vermitteln versuchten, wirkte wenig glaubhaft. Einen Baum zu fällen, weil er angeblich vor Leid schreien würde, ist in jedem Fall eine beachtliche Argumentation. Auch der Vergleich zwischen Bäumen in Grünstreifen und Hühnern in Käfighaltung schoss massiv über das Ziel hinaus. So trug diese nahzu esotherische Debatte, rund um die Frage ob Bäume Schmerz fühlen können, weder zur erhofften Versachlichung bei, noch war sie der Sache dienlich. Denn in der Diskussion wurde eine wichtige Prämisse außer acht gelassen: Was ist die Stadt bereit zu tun, damit Bäume das Innenstadtklima verbessern können?

Denn Fakt ist: In den aufgeheizten Städten der Zukunft wird es auf Straßen und Plätzen, ohne die kühlende Wirkung von Bäumen, im Sommer kaum mehr auszuhalten sein. Da kann Ronald Agel noch so viele Kübel mit Immergrün aufstellen.

Dass der CDU-Politiker Minkel einmal mehr Empathie für Bäume ausdrücken würde, als alle Grünen-Politiker zusammen, war eine enorme Überraschung.

Doch geschenkt: Selbst die Grünen erfreuten sich ja schließlich daran, dass Bäumen im Umweltausschuss eine solche fühlende Seele zugesprochen wird. Zudem betonte Minkel mehrmals, wie wichtig ihm Bäume seien. Fehlt nur noch die Erkenntnis, dass falsch eingepflanzte Bäume nicht Gott gegeben sind. Denn wie es gehen kann, zeigt der Plan zur neuen Smart-City. Dort werden für etliche Bäume geräumige und daher geeignete Plätze eingeplant. Darauf bei allen zukünftigen städtebaulichen Projekten zu achten und die Sorge zu tragen, dass nie wieder ein Baum falsch platziert wird, dieses Versprechen gab Baumliebhaber Minkel nun ab.

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