Ausreise aus der DDR

Ein Weg ins Ungewisse

Kathrin Müller erinnert sich noch gut an den Tag, an dem die Mauer fiel. Bilder von Autos, die mitten auf der ehemals todbringenden Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland parkten, flimmerten über den Fernseher. Menschen kletterten auf die Mauer und über sie hinüber – passierten die Grenze, so oft sie wollten. Als Kathrin Müller die Bilder sieht, ist sie in Gedanken bei ihrem Freund, der wegen Republikflucht im Gefängnis sitzt. Können sie nun gemeinsam ausreisen?

Von VERA SZMONIEWSKI

Einen einzigen Brief konnte Kathrin Müller zu ihrem Freund in die Untersuchungshaft schmuggeln – davon abgesehen hatten sie keinen Kontakt. Im August 1989 versucht er, über Ungarn nach Westdeutschland zu fliehen, seitdem sitzt er wegen Republikflucht im Gefängnis. Als wenige Wochen später die Mauer fällt, sind seine Tage im Gefängnis gezählt. Mitte November kommt er frei.

Auch Kathrin Müller hat seit längerem den Gedanken, auszureisen. Bereits als Jugendliche fühlt sie sich in der DDR eingeengt. In der Schule darf sie ihre Jacke mit der Deutschlandflagge nicht tragen. Die Plastiktüten aus dem Westen werden ihr abgenommen.

Später arbeitet sie in einer Boutique in Dresden, verkauft dort hochpreisige Importware aus dem Westen. Der Druck, in die Partei einzutreten, erhöht sich. Mehrmals durchsucht die Stasi ihre Wohnung. „Für jede Strumpfhose aus dem Westen musste ich mich rechtfertigen“, erinnert sich Kathrin Müller noch genau.

Geordnete Ausreise

Wäre ihr Freund bis nach Westdeutschland durchgekommen, hätte er versucht, sie nachzuholen – auf legalem Weg. Denn aus Angst, ihre fünfjährige Tochter weggenommen zu bekommen, steht für Müller von Anfang an fest, dass ihre Ausreise geordnet ablaufen muss. Mit dem Fall der Mauer ist dies nun möglich.

Als Ende Dezember eine Freundin aus Nürnberg zu Besuch ist, beantragt sie ein Ausreise-Visum. 24 Stunden haben sie und ihr frisch angetrauter Ehemann nun Zeit, Ostdeutschland zu verlassen. Zusammen mit der Freundin brechen sie auf in die Reise ins Ungewisse. Um ihrer Tochter diese Strapazen zu ersparen, bringen sie sie vorübergehend zu den Großeltern nach Berlin.

Das neue Jahr läuten Kathrin und Frank Müller in einer Kaserne im bayerischen Hof ein. „Die Unterbringung war etwas trist, das hat aber keine Rolle gespielt“, erinnert sich Kathrin Müller. Für das Ehepaar ist es der Start in ein neues Leben, pünktlich zur Jahreswende. Schon am nächsten Tag ziehen sie nach Rheinland-Pfalz weiter, wo es in einem ländlichen Ort eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung für das Paar gibt. „Alle sind uns sehr offen und hilfsbereit begegnet“, berichtet Kathrin Müller. Nach kurzer Zeit findet ihr Mann Arbeit als Schornsteinfeger, sie hilft auf einer Kegelbahn aus. „Wir hatten keine Illusionen und wussten, dass wir auch im Westen arbeiten müssen, wenn wir Geld verdienen wollen.“

Durch den Chef ihres Mannes findet das Paar bald eine größere Wohnung. Endlich kann auch die Tochter geholt werden, und die Familie ist wieder komplett. Zusammen verbringen sie ein paar schöne Jahre in Rheinland-Pfalz. Dann verunglückt Frank Müller tödlich.

Ruinen aufgebaut

Für Kathrin Müller läutet dieser herbe Schicksalsschlag einen abermaligen Neubeginn ein. Für sie steht fest: Sie muss weg vom Land, rein in die Stadt. Als sie in Bad Vilbel Freunde findet, zieht sie in die Wetterau. „Ich bin ein Großstadtkind. Die Nähe von Bad Vilbel zu Frankfurt gefällt mir sehr“, sagt sie über ihre neue Heimat. Zusammen mit Hund Primo wohnt sie in einer gemütlichen Wohnung in der südlichen Kernstadt.

An Dresden denkt sie heute mit Wohlwollen zurück: „Ich bin sehr stolz auf meine Heimatstadt. Dort hat sich viel getan, frühere Ruinen sind inzwischen aufgebaut. Dresden ist für mich eine der schönsten Städte, die es gibt.“ Doch einen Unterschied in der Mentalität der Bewohner gibt es dann doch: Die Dresdner seien etwas aufgeschlossener und hilfsbereiter als es die Wetterauer sind. „Aber möglicherweise ist das auch keine Frage von Ost und West – vielleicht liegt das auch einfach an der Zeit gerade.“

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