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Die ersten Etikette sind gedruckt, bald wird ausgeschenkt: Die Craft-Brauschmiede bringt zum Bad Vilbeler Straßenfest im Juni ein neues Saison-Bier auf den Markt. Dafür musste das Zwei-Mitarbeiter-Mini-Unternehmen von Susanne Lorenzini hart kämpfen. Denn die Rezeptur weicht vom deutschen Reinheitsgebot ab.

Brauerin in der Wetterau

Craft-Brauschmiede  "Vilbel Saison" darf sich nun offiziell Bier nennen

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Susanne Lorenzini will mit ihrer kleinen Bier-Manufaktur eine Alternative zu den Industriebieren der Konzerne bieten. Die neuste Kreation der Bad Vilbelerin, ein Saison-Bier, zeigt, wie schwer das sein kann. Weil der Gerstensaft mit Honig, Koriander und Pfeffer gebraut wurde, drohte die Lebensmittelaufsicht, die Produktion auszubremsen.

Bad Vilbel - Bier und Bürokratie gehen in Deutschland oft Hand in Hand. Das weiß kaum jemand so gut wie Susanne Lorenzini. Seit sie im angelsächsischen Ausland festgestellt hat, welch ungeahnte Vielfalt im vorher so gewohnten kühlen Blonden stecken kann, braut die Ex-Bankerin aus Bad Vilbel selbst. Was als Hobby in der heimischen Küche begann, wurde vor drei Jahren zum Beruf. Zwangsweise.

Denn wer hierzulande zu viel braut – mehr als 200 Liter pro Jahr –, muss ein Gewerbe anmelden. Wer jedoch das Falsche braut, kommt mit der neuen Firma erst gar nicht weit. "Die Lebensmittelbehörden sind beim Bier sehr streng", sagt Lorenzini. Das merkte sie nun wieder bei ihrer jüngsten Kreation, dem "Vilbel Saison".

Vor knapp einer Woche hat die Lebensmittelüberwachung des Wetteraukreises in Friedberg es als sogenanntes "besonderes Bier" zugelassen – nach mehr als sechsmonatiger Diskussion. Lorenzini darf das Saison-Bier nun tatsächlich "Bier" nennen und als solches verkaufen. Obwohl es nicht nach dem deutschen Reinheitsgebot, sondern nach einem traditionellen belgischen Bierstil gebraut ist. Eine kreisweit bislang einmalige Ausnahme.

Fruchtig und spritzig

Honig, Koriandersamen und Pfefferkörner gehören zu den Zutaten des "Vilbel Saison". Fruchtig und spritzig soll es sein und entfernt an Weißwein erinnern. Vor eineinhalb Jahren hatte die Quereinsteigerin Lorenzini erstmals mit der Rezeptur experimentiert, vorerst auf 20-Liter-Basis. Ihre großen Maschinen anzuwerfen, wäre ohne behördliche Zulassung zu riskant gewesen. Produzieren ohne verkaufen, das kann sich die Craft-Brauschmiede nicht leisten.

Seit 2016 gibt es die kleine Bier-Manufaktur. In einer ehemaligen Autowerkstatt in der Gießener Straße entstehen jährlich bis zu 12 000 Liter, ein winziger Bruchteil dessen, was die großen Brauereikonzerne herstellen. Einen einzigen Teilzeitmitarbeiter beschäftigt Lorenzini. Neun Biersorten haben sie im Sortiment, von Pale Ale bis Doppelbock. "Bei unserem Saison-Bier kam schnell das Signal, dass wir eine Ausnahmeregelung brauchen", erzählt Lorenzini. Sie musste eine Probe nach Wiesbaden schicken, wo das belgische Traditionsbier im Landeslabor von den offiziellen hessischen Biersachverständigen untersucht wurde. Sie kamen zu dem Schluss: Die Bad Vilbelerin muss ihre Rezeptur anpassen.

An Rezept gefeilt

Das deutsche Reinheitsgebot besagt, dass Bier nur mit Hopfen, Malz, Hefe und Wasser hergestellt werden darf. Es gilt weltweit als Qualitätssiegel. Das ist einer der Gründe, weshalb per Gesetz festgelegt ist, dass alle Brauer, die von dieser Grundformel abweichen, ihre Produkte nicht Bier nennen dürfen – sondern maximal Brauspezialität oder Brauerzeugnis.

Das Landeslabor habe in ihrem Fall wohl gefürchtet, dass der Koriander beim Brauen den Hopfen ersetze, sagt Lorenzini. Sie feilte also an der Mixtur. Wenn auch widerwillig. Denn die strikte Auslegung des Reinheitsgebots hält sie längst für überholt. Und außerdem: "Das Reinheitsgebot ist sowieso längst verwässert", sagt die Vilbelerin. Das ärgert sie gleich doppelt, denn sie findet: Der Staat zeigt an der falschen Stelle Nachsicht.

Es dürften sich etwa auch solche Getränke Bier nennen, in denen künstliche Stoffe, beispielsweise zur Haltbarmachung, verarbeitet seien, kritisiert Lorenzini. Manch deutscher Konzern umgehe das Reinheitsgebot auch, indem er Bier mit Farb- und anderen Zusatzstoffen im Ausland produzieren lasse. Überhaupt stünden durch den Import außerhalb von Deutschland produzierter Marken "Biere" in den Supermarktregalen, die nach Reinheitsgebot streng genommen eigentlich nicht so heißen dürften. Ein Nachteil für lokale Kleinbrauereien. Für ihre Bier-Innovationen kann das Reinheitsgebot im Zweifel wie eine Marktschranke funktionieren.

Ähnlich argumentiert letztlich auch die Wetterauer Lebensmittelaufsicht. Auf Anfrage teilt die Behörde mit, sie habe die Ausnahmeregelung für das "Vilbel Saison" auch erteilt, weil "ähnliche Biere europäischer Anbieter" hierzulande frei verkauft werden dürften. Das Saison-Bier nicht zuzulassen, habe man als "Wettbewerbsverzerrung zulasten der Bad Vilbeler Brauerei" erachtet. Außerdem weise das Getränk trotz seiner Zusätze den grundsätzlichen Biercharakter in Farbe, Schaumbildung, Geruch und Geschmack auf.

Wo ist die Natürlichkeit?

Die Entscheidung der Friedberger erleichtert Brauerin Lorenzini. Auch wenn sie weiter findet, dass es ihr nicht leicht gemacht wurde. "Die Behörde hat uns zwar keine Steine in den Weg gelegt. Aber eine großzügige Auslegung der Ausnahmenregelung, wie vom Gesetz vorgesehen, haben wir nicht gemerkt", sagt Lorenzini. Sie hat trotzdem Verständnis für die Vorsicht der Lebensmittelaufsicht, für die es der erste Ausnahmeantrag dieser Art gewesen war.

"Ich will auch nicht, dass jeder ins Bier reinmachen kann, was er will", sagt Lorenzini. "Aber Bier ist ein Naturprodukt. Warum also sind natürliche Zutaten wie Gewürze und Kräuter tabu, aber künstliche Stoffe nicht?" Das Reinheitsgebot sei letztlich ein "Marketing-Gimmick" der großen Brauereien, das dem deutschen Biermarkt letztlich Chancen verbaue. Lorenzini: "Wir haben in Deutschland ein Einheitsbier. Alles schmeckt irgendwie ähnlich." Sie fordert, statt eines Reinheitsgebotes ein Natürlichkeitsgebot einzuführen.

400 Liter Saison-Bier hat die Craftbrau-Schmiede nun gebraut. Der Honig kommt vom Vilbeler Imkerverein. Gerade läuft die Hauptgärung. In vier bis sechs Wochen darf dann verkostet werden. Zum Straßenfest im Juni können dann alle testen, ob sich der behördliche Aufwand gelohnt hat.

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