Als der Krieg nach Vilbel kam

Eckhardt Riescher erklärt mit Minutenprotokoll den Verlauf der blutigen Karfreitagsschlacht vor 620 Jahren

Vor 260 Jahren erlitt die Stadt Vilbel Schlimmes. Die Franzosen wollten das kürzlich eroberte Frankfurt gegen die Engländer verteidigen und empfingen diese an der Berger Warte. Als der "blutige Karfreitag" ging die Schlacht am 13. April 1759 in die Geschichte ein. Der Tag forderte mehrere Tausend Tote. Mit Historiker Eckhardt Riescher haben wir ein Kurzprotokoll der Ereignisse erstellt.

Noch heute klingt die Schlacht zwischen Bergen und Vilbel nach. Wenn auch nur in unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Doch ist jedem Bad Vilbeler die Totenwiese am Stadtwald bekannt. Heute liegt sie ruhig da, völlig unangetastet. Seit Jahrhunderten hält sich aber hartnäckig das Gerücht, das viele Tote der Gefechte notdürftig auf dieser Fläche bestattet worden sind. Doch was genau geschah eigentlich an diesem verhängnisvollen "blutigen Karfreitag" im Jahr 1759?

Das weiß Eckhardt Riescher, der an jedem Karfreitag Besucher über die Vilbeler Höhe führt. "Die Schlacht gehörte zum Siebenjährigen Krieg. Die Engländer und die Franzosen haben sich in Kanada und mitten in Europa bekämpft", erklärt er.

Frankfurt ist damals von entscheidender strategischer Bedeutung, als Hauptstadt des Wissens und zudem im Herzen von Europa liegend. Auch beherbergt sie die Thurn-und-Taxis-Post, ist also zentral für die Logistik des Krieges. "Den Franzosen gelang es mit einer Hinterlist, Frankfurt schnell einzunehmen. Von Norden näherten sich dann allerdings drei englische Divisionen. Diese trafen sich am Vorabend der Schlacht rund um Windecken", erläutert Riescher. Und damit beginnt der schicksalhafte 13. April 1759:

Gefechte dauern Stunden

W 3 Uhr: Im Lager der britischen Alliierten bei Windecken ertönt der Weckruf. Die Divisionen des Erbprinzen von Braunschweig, des Prinzen von Ysenburg und des Prinzen von Holstein-Gottorp, allesamt Verbündete der Engländer, bereiten sich vor. Ihnen gegenüber steht der französische Generalleutnant Victor-Francois Duc de Broglie, der sich mit seiner Armee vor den Toren Frankfurts an der Berger Warte postiert hat und die englischen Aliierten erwartet.

W 5.30 Uhr: Das alliierte Jägerkorps Freytag rückt aus in Richtung des Vilbeler Waldes.

W 5.36 Uhr: Über dem Schlachtfeld geht die Sonne auf.

W 7 Uhr Im Vilbeler Wald trifft das Jägerkorps Freytag auf Truppen der Franzosen. Den gesamten Tag über, bis in die Nacht hinein, werden in dem Wald Gefechte zwischen den Vorhutstruppen geführt.

W 10 Uhr: Ferdinand von Ysenburg befiehlt den beschleunigten Anmarsch und Sturm auf Bergen. Das Dorf soll in Brand gesetzt werden, doch das gelingt nicht.

W 10.45 Uhr: Aus dem beschleunigten Anmarsch heraus greift Ferdinand von Ysenburg sofort an. Doch seine Truppen geraten in ein mörderisches Abwehrfeuer. Sein Verband löst sich auf, er selbst wird in den Oberkörper getroffen und stirbt an Ort und Stelle.

W 12 Uhr: Herzog Ferdinand von Braunschweig erkundet selbst die Stadt Vilbel. Er überlegt, einige seiner Truppen durch die Ansiedlung zu führen, um die Franzosen so an der Berger Warte von hinten angreifen zu können. Doch diese haben die große Vilbeler Brücke, die über die Nidda führt, bereits zerstört. Der Herzog muss von seinem Plan abrücken.

W 14.45 Uhr: Bis hierhin herrscht eine Kampfpause. Mittagspause, wenn man so will. Doch dann bricht ein Artillerieduell an der Hauptfront und bei Vilbel aus. Beide Seiten beschießen sich mit schweren Geschützen. Die der Engländer sind allerdings aufgrund der Entfernung zu Windecken noch nicht ganz vollzählig.

W 17.45 Uhr: Erst am Abend treffen die letzten schweren Geschütze der Engländer ein, erst jetzt sind die Truppen vollzählig. Eine gewissen Unorganisiertheit, die die Alliierten möglicherweise den Sieg gekostet hat. Doch steigert sich nun das Artillerieduell der beiden Mächte zu seinem Höhepunkt mit hohen Verlusten.

W 19.15 Uhr: Die Sonne geht unter. Insgesamt 1000 Tote liegen im Vilbeler Wald und auf dem Feld zwischen dem Wald und der Stadt Bergen. Ferdinand, der Erbprinz von Braunschweig erkennt, dass er die Verteidigung der Franzosen nicht durchbrechen kann und bläst zum Rückzug. Er lässt die Verwundeten auf Karren laden und ins Lager zurückbringen. Weitere 5000 Menschen werden später an ihren Verletzungen sterben. Schuld daran sind auch fehlendes medizinisches Wissen und die mangelnde Hygiene im Lager.

W 19.50 Uhr: Die Dämmerung ist vorüber, es ist dunkel über dem Schlachtfeld. Mehr als viertausend Kanonenkugeln und Kartätschen sowie 300 000 Gewehrkugeln sind an diesem Tag verschossen worden. Broglie hat am Abend vom Rückzug der Alliierten noch nichts mitbekommen, er verlässt die Stellungen nicht. Und doch bricht nach den Schrecken der Schlacht Chaos unter seinen Soldaten aus. Es kostet mehrere Tage, bis die französischen Anführer ihre Männer wieder unter Kontrolle haben.

Nächstes Ziel: Bad Nauheim

Und was bleibt nach der Schlacht? Der englische Angriff ist aufgehalten, die Franzosen bleiben vorerst in Frankfurt. Die Bewohner Vilbels, Bergens und der umliegenden Dörfer haben schwer unter Plünderungen und Gewalt zu leiden. "Die nächste Schlacht weiter im Norden, die Schlacht am Johannisberg in Bad Nauheim, haben schließlich die Alliierten gewonnen. So ging das noch eine Weile hin und her", resümiert Eckhardt Riescher.

 1763, vier Jahre nach der Schlacht, verhandeln Engländer und Franzosen schließlich einen Frieden. Doch nicht, weil eine Seite bezwungen ist, sondern wegen Zermürbung. Die Franzosen verlassen daraufhin die Wetterau und auch Frankfurt wieder. Die Erinnerung an den "blutigen Karfreitag" bleibt bis heute.

Und nicht nur in der heutigen Quellenstadt. Sogar der Dichter Johann Wolfgang von Goethe beschreibt in seinen Memoiren "Dichtung und Wahrheit" den Donner der Kanonen, der bis nach Frankfurt zu seinem Haus zu hören gewesen sein soll.

Von Niklas Mag

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