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Als Leichtathletik-Talent will Saskia Lindner voll durchstarten. Über 100 Meter nimmt sie die 12-Sekunden-Marke in Angriff

Ein voller Terminkalender

Mit Vollgas zum Ziel: Bad Vilbelerin ist eine der besten Leichtathletinnen Deutschlands

Saskia Lindner aus Bad Vilbel gehört im Sprint und im Weitsprung zur nationalen Nachwuchselite. Der Aufwand für die 16-Jährige ist enorm, der Alltag eine Herausforderung für die ganze Familie. Ein Leben zwischen Training, Autofahrten und ganz normalem Teenager-Dasein

Bad Vilbel - In der Leichtathletik-Halle in Frankfurt-Kalbach den Überblick zu behalten, ist nicht so ganz einfach. Überall springen Kinder und Jugendliche herum, manche sitzen auch an Tischen und erledigen schon ihre Hausaufgaben. 

Schule - Mittagessen - Training

Dafür hatte Saskia Lindner bislang noch keine Zeit. Die 16-jährige Leichtathletin aus Bad Vilbel, die für die LG Eintracht Frankfurt startet, isst nach der Schule noch schnell zu Mittag, bevor sie von Mama Katja zum Training gefahren wird. Ihr Lieblingsgericht: "Hauptsache Fleisch", sagt Saskia mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht.

Im weitläufigen Eingangsbereich der Halle wirkt sie fast schon ein wenig schüchtern, im Gespräch aber sehr reif. Sie weiß, was sie kann, ist aber kein Lautsprecher. Dabei gehört sie im Sprint und im Weitsprung zur nationalen Spitze ihrer Altersklasse – obwohl sie als 16-Jährige teilweise gegen 20-jährige Konkurrentinnen startet.

Mit 10 Jahren zu Eintracht Frankfurt

Mit Kinderturnen im Alter von vier Jahren fing alles an. "Dort wollte ich aber die ganze Zeit laufen, deswegen haben sie mich zur Leichtathletik geschickt", erzählt Saskia. Statt auf den Schwebebalken ging es auf die Tartanbahn zum TV Bad Vilbel. Als Zehnjährige wechselte sie zur Frankfurter Eintracht. Schnell war klar, dass sie mit ihren Leistungen zur Spitze im Land gehört.

Mit 13 Jahren musste sie dann eine Entscheidung treffen, denn parallel spielte Saskia noch Fußball bei der MSG Bad Vilbel. "Es ist mir nicht leicht gefallen, aber in der Leichtathletik bin ich einfach besser", sagt sie, obwohl sie auch als Fußballerin in der Regionalauswahl stand. "Es ging aber auch zeitlich nicht mehr", sagt Saskia und schaut zu ihrer Mutter auf der anderen Seite des Tisches. Katja Lindner ist Manager, Betreuer und Chauffeur in einer Person.

"Ohne Physio geht nichts"

Der Aufwand mit bis zu vier Trainingseinheiten unter der Woche und Wettkämpfen am Wochenende ist immens. Am vorvergangenen Mittwoch fuhren beide nach Schulschluss um 13 Uhr nach Alzenau zum Physiotherapeuten, anschließend nach Frankfurt zum Training.

"Ohne Physio geht nichts", erzählt Katja Lindner. Sie nimmt sich die Zeit aber gerne, auch sie war Leichtathletin. "Ich weiß, wie das ist, meine Eltern hatten eben nicht so viel Zeit", sagt Lindner.

Die Bedingungen sind professionell, fordern deshalb aber nicht nur zeitliche, sondern auch finanzielle Opfer. Kleidung, Physio, Sprit- teilweise auch Hotelkosten zahlen die Lindners aus eigener Tasche. Ein Sponsor wäre ein Segen für die Familie. Zwar gab es hier und da lose Gespräche, aber noch keinen Vollzug. Das soll sich möglichst bald ändern. "Wir sind ständig auf der Suche", sagt Katja Lindner.

Saskia Linder: Nach dem Training noch Physik

Der Wechsel auf eine Sportschule stand nie wirklich zur Debatte. Saskia geht auf das Georg-Büchner-Gymnasium (GBG) in Bad Vilbel, ihre Leistungskurse sind Physik und Politikwissenschaft. "Ich lerne abends besser", sagt sie, deswegen mache ihr die Arbeit nach dem Training nichts aus. Trotz der eng getakteten Tage bleibt noch Zeit für die üblichen Teenager-Dinge.

Ihre Freunde haben Verständnis für die knapp bemessene Zeit von Saskia. Mit Bruder Sören, Fußballer in der C-Jugend beim SC Dortelweil, treibt sie gerne zusammen Sport. Bei Wettkämpfen ist auch Papa Jens dabei, gerade bei Endläufen und vollen Hallen ist das Saskia wichtig.

Bei den "Süddeutschen" vor drei Wochen in heimischer Halle waren auch Freunde aus der Schule dabei. Unter deren Augen siegte sie über 60 Meter in persönlicher Bestzeit von 7,52 Sekunden, über 200 Meter (24,61 Sekunden) sowie im Weitsprung (6,04 Meter).

Auch hier hat sie in diesem Jahr ihre Bestmarken geknackt (24,43 Sekunden und 6,24 Meter). Mit ihren Leistungen bei den süddeutschen Meisterschaften hätte sie auch im Seniorenbereich Medaillen gewonnen. Wie nimmt die künftige Konkurrenz das auf? "Die meisten gratulieren mir, freuen sich für mich", sagt Saskia.

Gibt immer Verbesserungspotential

Mit dem Eintracht-Adler auf der Brust: Die Bad Vilbelerin Saskia Lindner

Ihre größten Erfolge hatte sie 2016 und 2017 mit dem Gewinn der deutschen Blockmeisterschaft, ein Mehrkampf bestehend aus Kugelstoßen, Diskuswurf, 80 Meter Hürden, 100 Meter und Weitsprung. Die nächsten sollen folgen. Auf der 100-Meter-Distanz will sie gerne unter 12 Sekunden kommen und im Weitsprung auch unter freiem Himmel die Sechs-Meter-Marke knacken. Verbessern will sie sich unbedingt auch in der Startphase des Sprints, "da kann ich noch viel rausholen".

Der Start gegen internationale Konkurrenz 

Auch mental sieht Saskia noch viel Bedarf. Am 27. Januar durfte sie per Einladung beim Dortmunder Indoor-Meeting gegen internationale Frauen-Konkurrenz starten. "Da habe ich mich schon verloren gefühlt. Persönlich kannte ich kaum jemanden, mit dem man vor dem Rennen ein bisschen hätte quatschen können", sagt Saskia. "Das war eine Nummer zu groß, aber daran wächst du auch", wirft Mama Katja ein, Saskia nickt, sagt aber auch: "Ich bin selbstbewusst, zeige es nur nicht so sehr nach außen."

Rituale vor dem Wettbewerb

Am Wochenende steht die Hallen-DM der U20 an. Am Abend vorher wird sie sich mit lauter Musik einstimmen, direkt vor dem Wettkampf aber zurückziehen und ihr Aufwärmprogramm abspulen. Ein kurzer Small-Talk mit der Konkurrenz, dann geht’s los. Ihre Zielsetzung ist typisch Saskia: "Eine Medaille wäre schön, aber mal gucken."

Warum der SSV Heilsberg aus Bad Vilbel eine neue Tartanbahn fordert, können Sie hier nachlesen

von Erik Scharf

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