Kurpark-Gans

Stadtbekannter Wasservogel ist nicht mehr an der Burg zu finden – Offenbar in Massenheim ausgesetzt

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Die Gans ist weg. Das bemerkten zuletzt viele regelmäßige Besucher des Burgparks. Vor allem Maryan M. ist verzweifelt, weil sie nicht weiß, wo das Tier, das sie "Bubi" getauft hat, steckt. Seit der inzwischen stadtbekannte Vogel 2016 nach Bad Vilbel gekommen ist, kümmert sie sich um ihn. Nicht zu jedermanns Freude.

Bad Vilbel - Zweieinhalb Jahre ist es nun her, dass sie plötzlich im Gras an der Bad Vilbeler Wasserburg saß: Die braune Kanadagans mit dem kaputten rechten Flügel. Weil er aufgrund seiner Verletzung nicht mehr fliegen konnte, machte der behinderte Zugvogel den Kurpark zu seiner Heimat – auch mit der Hilfe von Maryan M., die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Die Bad Vilbelerin fütterte die Gans fast täglich, vor allem im Winter, und ging mit ihr "spazieren", wie sie es nennt. Seit März ist es damit aber vorbei: Die Kanadagans ist weg und Maryan M. verzweifelt. Sie will wissen, ob es dem Tier gut geht und hat sich deshalb auf die Suche gemacht nach dem Ganter, den sie "Bubi" getauft hat.

An einem kalten Aprilmorgen sitzt die Frührentnerin im Kurpark und kramt in einer Tasche, in der sie Fotos und Notizen zum Fall des Vermissten verstaut hat. "Er war wirklich eine goldene Gans", sagt Maryan M. dann. Die Parkbank, auf der sie auch heute vergeblich wartet, sei ihr Treffpunkt gewesen. Über die Jahre habe das Tier Vertrauen gefasst, sei ihr durch den Park nachgelaufen und habe sie "gerufen", erzählt sie, und macht das Geschnatter nach: "Gatt, gatt, gatt." Das Geräusch würde sie gern nocheinmal hören.

Eine lokale Berühmtheit

Mit ihrer Sorge um den Wasservogel ist Maryan M. nicht allein. Die Gans war in Bad Vilbel eine lokale Berühmtheit. Auf Facebook geht dieser Tage die Frage um: Was ist mit "Bubi" passiert? Dabei hat die Quasi-Gänsemutter die Antwort längst herausgefunden: Der Wasservogel wurde offenbar in Massenheim an der Nidda ausgesetzt. Dort hat sie ihn jedoch nach mehrmaliger Suche nicht wiederfinden können. "Mir geht es total schlecht, weil Bubi weg ist", sagt Maryan M. Einen Schuldigen an der Misere hat sie auch ausgemacht: Den Pfarrer der Sankt-Nikolaus-Gemeinde, Herbert Jung. In der verglasten Tür der Nikolauskirche, die gegenüber der Wasserburg steht, hatte der einsame Vogel gern sein Spiegelbild betrachtet – sehr zum Ärger des Geistlichen.

Schon vor Monaten war Jung kritisiert worden, weil er die Gans immer wieder verscheuchte und dabei mutmaßlich rabiat vorging. "Es war immer alles voller Kot. Das war unhygienisch und gefährlich, schließlich spielen dort Kinder", erklärt Jung nun. Er habe deshalb den Tierarzt und Jäger Johannes Tekotte gebeten, sich um das Tier zu kümmern. "Was er mit der Gans genau macht, habe ich ihm überlassen. Ich weiß auch nicht, wo das Tier jetzt ist", sagt Jung und ergänzt: "Geschossen werden sollte es jedoch nie. Das Gerücht ist Quatsch."

Tekotte bestätigt, er habe die Gans gefangen und in seiner Praxis untersucht. "Ihr Flügel ist aufgrund des alten Bruchs deformiert, aber sie kann gut damit leben." An einer ruhigen Stelle des Erlenbachs bei der Huizener Straße habe er das Tier freigelassen. Tekotte: "Dort ist sie besser aufgehoben als im Park, findet Nahrung und hat andere Gänse für den Sozialkontakt."

Maryan M. sieht das ganz anders: "Dass Bubi ausgesetzt wurde, ist sein Todesurteil", glaubt sie. In freier Wildbahn sei der Vogel leichte Beute für Raubtiere. An der Nidda entlang bis nach Eschersheim ist sie deshalb gewandert und hat nach "Bubi" Ausschau gehalten. Ohne Erfolg. "Ich hätte mich gern von Bubi verabschiedet", klagt die Vilbelerin.

Vom Leid erlösen?

Von Jung und Tekotte ist sie enttäuscht und behauptet, sie hätten gegen das Tierwohl verstoßen. Eigentlich, so erzählt sie, habe sie nämlich schon eingefädelt, dass die Gans von den Tierschützern des Wetteraukreises in ein Heim gebracht werde. Das Veterinäramt bestätigt diese Darstellung auf Nachfrage. Aber: "Wir haben angeboten, die Gans in einer Tierklinik untersuchen zu lassen und sie, je nach Ergebnis, in ein Heim zu bringen oder sie von ihrem Leid zu erlösen", sagt Kreissprecher Michael Elsaß. Das hätte die Bittstellerin abgelehnt. An der nun durchgeführten Umsiedlung der Gans gebe es nichts zu bemängeln.

Dass Marya M. ihm vorwirft, "herzlos" zu sein, will auch Pfarrer Jung nicht auf sich sitzen lassen. "Die Gans ist ein Wildtier. Wir sollten sie nicht domestizieren", sagt er. Selbiges wolle auch die Stadt verhindern.

Tatsächlich besteht ein Fütterungsverbot für Gänse und Enten, wie Stadtsprecher Yannick Schwander bestätigt. Es solle vermeiden, dass die Tiere heimisch werden. Auf Nachfrage räumt Maryan M. ein, sie sei hin und wieder von Spaziergängern auf das Fütterungsverbot aufmerksam gemacht worden. Dass sie die Hinweise bis heute ignoriert und weiter die herumlaufenden Tiere füttert, sieht sie nicht als Problem. Die verletzte Gans habe Hilfe gebraucht und brauche sie weiterhin, glaubt sie. Sie will nicht aufgeben. Tierarzt Tekotte warnt jedoch vor weiteren Suchaktionen. "Die Vögel brüten im Moment, wir dürfen sie nicht stören", erklärt er.

Die Burgpark-Gans wiederzufinden scheint darüber hinaus genauso unwahrscheinlich wie ihre Rückkehr. Tekotte: "Die Gans kann schon 50 Kilometer in Richtung Rhein geschwommen sein."

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