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Bei schlechtem Wetter und wenig Fußgängern lässt sich die Bibliotheksbrücke ganz entspannt kreuzen, doch wie das noch gut gehen soll, wenn der Radweg ausgebaut ist, ist für Jochen Waiblinger (links) und Christian Euler (rechts) ein Rätsel.

Kurios und gefährlich

Teil zwei des großen Radwegetests: Von Gronau über die Innenstadt nach Massenheim

Gleiches Wetter, neue Route: Auch im zweiten Teil des Radwegetests zeigt der ADFC, was verändert werden müsste, damit die Quellenstadt beim nächsten Fahrradklimatest nicht erneut im hinteren Mittelfeld landet. Die Tour beginnt irritierend, aber gemütlich in und um Gronau. In Massenheim wird es hingegen richtig gefährlich.

Christian Euler vom Allgemeinen deutschen Fahrrad-Club (ADFC) will einen ganz besonderen Wald präsentieren: Den Schilderwald. "Radweg Ende" steht auf einem Schild am Radweg zwischen L 3008 und den Gronauer Bahnschranken. Euler zeigt auf das Schild, dann auf den offensichtlichen Radweg, der dahinter entlangführt: "Also für mich ist das ja der Anfang", lacht er und schwingt sich aufs Rad.

Schon dort fallen die weißen und roten Markierungen auf, die hin und wieder auf dem Radweg oder der Straße aufgebracht sind. Nach etwas Grübeln kann Euler diese der Regionalpark-Rundroute zuordnen, doch: "Etwas irritierend ist das schon."

In keiner Weise irritierend, dafür sogar lobenswert, sei die Fahrradabstellanlage am Gronauer Bahnhof, ebenso wie die Züge, die dort halten: "In einem Waggon sind 32 Stellplätze", lobt Euler. Das könne viele Pendler animieren, das Fahrrad gleich mitzunehmen.

Zickzack in der Innenstadt

Über den prächtigen Fuß- und Radweg entlang der Nidda geht es zurück zur Kernstadt. Im Kurpark heißt es dabei Zickzack fahren: Rege spazieren dort auch Fußgänger auf dem markierten Radweg: "Ich sage dazu jetzt nichts", raunt Euler vielsagend. An der Bibliotheksbrücke angekommen, lässt er schließlich Taten sprechen und steigt ab – so, wie es sich gehört.

Auf der anderen Seite angekommen, wartet schon Kollege Jochen Waiblinger, und sofort haben beide nur ein Thema: Wie soll hier ein Radweg entlangführen? Denn wird der Radweg auf dieser Seite der Nidda ausgebaut, führt er direkt an der Eingangstür der Bibliothek vorbei und kreuzt die beliebte Flaniermeile über die Brücke – Kollisionen sind da programmiert.

An Rad fahren ist ab hier ohnehin nicht zu denken. Alle paar Meter heißt es, auf dem symbolischen Fahrradstreifen in der Frankfurter Straße ausweichen. Kurz vor dem Biwer-Kreisel endet der Weg plötzlich mit einer scharfen Kurve hinein in den Zebrastreifen – wo der Weg nun entlangführt, ist eines jeden Fantasie überlassen. "Das hier ist übrigens der offizielle Schulweg", betont Elternbeiratsmitglied Waiblinger. "Vieles müsste man gar nicht baulich verändern", erklärt er, "es würde schon reichen, wenn man bis zum Kreisel eine entsprechende Markierungen auf die Straße zeichnet."

In der Bad Vilbeler Innenstadt gehen gefährlich und kurios häufig Hand in Hand. Da der Fuß- und Radweg über die Niddabrücke der Kasseler Straße momentan gesperrt ist – was rege ignoriert wird – müssen Radfahrer vor der Brücke die steile Abzweigung in die Wiesengasse nehmen. Bergab ist dies gefordert, bergauf jedoch verboten: "Ist das überhaupt zulässig?", fragt Euler erstaunt.

Die beiden Radler wollen den üblichen Schulweg weiter abfahren und treffen an der Brücke zum Sportfeld auf einen alten Bekannten: Das Schild "Radfahrer bitte absteigen". Erster Stadtrat Sebastian Wysocki (CDU) hat das Mysterium inzwischen aufgeklärt. So müsste auf bestimmten Brücken das Geländer höher als 1,30 Meter sein, um darüberfahren zu dürfen. Wer also der Gefahr entgehen will, beim Bremsen einen Kopfsprung in die Nidda zu machen, steigt hier besser ab. Waiblinger und Euler fahren auf Brücken jedoch genauso souverän Rad wie daneben und schaffen auch diese Flussüberquerung, ohne baden zu gehen.

Ende Gelände: Ab hier brauchen Radfahrer in der Innenstadt Fantasie.

Entlang der Homburger Straße genießen die beiden die letzten schönen Meter, denn plötzlich heißt es: Ende. Der Radweg führt zwar schön um den Thermen-Kreisel herum – sogar mit beachtlich breiter Bordsteinabsenkung und einer löblichen Radfurt – doch gen Massenheim heißt es "Eingliedern in den Autoverkehr". Ein Abenteuer beginnt. So geht es im Bergsprint bei Regen und abgasgeschwängerter Luft hinauf nach Massenheim. Als dort der Radweg wieder anfängt, bleibt nur ein kurzer Moment der Erleichterung. Denn als die Homburger Straße abbiegt in Richtung "Am Stock", wird selbst der sonst so abgezockte Jochen Waiblinger plötzlich ganz ruhig, denn es wird gefährlich, richtig gefährlich.

Die gefährlichste Kurve

Langsam tastet er sich nach vorne und versucht, einen Blick nach rechts zu erhaschen. Erst als er komplett auf der Straße steht, kann er die Kurve einsehen. Wenn jetzt jemand zu schnell in das Gewerbegebiet einbiegen würde, gäbe es wohl einen Jochen Waiblinger weniger auf der Welt: "Hier muss dringend etwas getan werden", macht er daher unmissverständlich klar.

Auf diesen Adrenalin-Kick kann Jochen Waiblinger verzichten: Erst jetzt kann er die Kurve ins Gewerbegebiet einsehen. "Viel zu gefährlich", betont er.

Bergab – auf dem Rückweg – wird der Berufsverkehr nicht weniger gefährlich. Über eine der Bad-Vilbel-typischen roten Mittelspuren geht es abschließend zum Rewe, jedoch nicht zum Einkehren. Jochen Waiblinger hat noch ein Unding auf Lager: Erneut ist es der Schulweg. Dieser führt hier, am Rande des Quellenparks, nämlich im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein. "Das ist einfach nur gefährlich", betont er und ruckelt den Berg hinab.

Das ist keine Dirt-Bike-Strecke, sondern tatsächlich ein Schulweg.

Zum Ende der Testrunde bleibt nur noch eine Frage: Was ist eigentlich mit dem Heilsberg? Euler und Waiblinger verdrehen die Augen: "Das haben wir schon so häufig angesprochen." Gemeint ist die viel befahrene Frankfurter Straße, die bergab keinen Radweg bietet. Mehr als ständig mahnen und warnen könnten sie nicht, erklären sie. Ob sich irgendwann was ändert, bleibe abzuwarten. Radfahrer müssen geduldig sein.

von Dominik Rinkart

Info: Die neusten Pläne der Stadt 

In diesem und dem kommenden Jahr investiert Bad Vilbel 4,2 Millionen Euro für Radfahrer. Der Radweg durch den Quellenpark wird auf einer Länge von 1018 Metern in einer Breite von 5,50 Meter für eine getrennte Nutzung von Fußgängern und Radfahrern ausgebaut. Innerhalb der bebauten Ortslage wird der Weg beleuchtet. Auf dem Heilsberg wird der Plattenweg für rund 400 000 Euro ausgebaut, der Dortelweiler Weg in Massenheim wird für rund 430 000 Euro ausgebaut. In Dortelweil entsteht neben der Lückenschließung des Niddaradwegs eine Radfahrbrücke, die den Bodirsky-Steg ersetzen wird. Kostenpunkt: über eine Millionen Euro. Außerdem wird der Pappelweg zwischen Dortelweil und Karben neu gemacht. In Gronau plant Hessen Mobil einen straßenbegleitenden Radweg entlang der L 3008 nach Niederdorfelden. Im Sommer 2020 sollen an der Treppenanlage am Bahnhof weitere 33 überdachte Abstellanlagen und fünf abschließbare Fahrradboxen hinzukommen.

red

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