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Viele Schüler - zu wenig Lehrer. An deutschen Schulen unterrichten auch viele Quereinsteiger. Das ist nicht unumstritten. 

Quereinsteiger

Vom Labor ins Bad Vilbeler Klassenzimmer - Quereinsteigerin findet Traumjob

Volle Klassen, hohe Anforderungen und schlecht qualifizierte Seiteneinsteiger als Lehrkräfte - so lautet ein gängiges Vorurteil. Doch ist das wirklich so? Kirstin Werner ist aus der Forschung in den Schuldienst nach Bad Vilbel gewechselt.

Es ist Wochenende, der Schulhof des Georg-Büchner-Gymnasiums in Bad Vilbel liegt ruhig da. Keine tobenden Schüler, kein Schulgong. Nur Studienrätin Kirstin Werner ist da. Anlass für den Treffpunkt ist ein Gespräch mit dieser Zeitung über das Thema Quereinsteiger, die aufgrund des Lehrermangels immer öfter an deutschen Schulen unterrichten: Eine Praxis, die immer mal wieder in der Kritik steht. So soll der Präsident des deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meisinger, neulich geäußert haben: "Es ist ein Verbrechen an Kindern, Quereinsteiger als Lehrer an Schulen einzusetzen." Kirstin Werner sieht das klar anders. Sie ist ebenfalls Quereinsteigerin, fing mit Mitte 30 im Schuldienst an und qualifizierte sich im Gleichstellungsverfahren des Hessischen Kultusministeriums.

Die 49-Jährige erzählt von ihrem Diplom-Studium in Marburg und der Promotion in Kassel. Ihr Hauptstudienfach war Chemie, aber auch Physik und Mathematik gehörten dazu. "Schon nach dem Vordiplom habe ich an der Uni unterrichtet, ich habe Praktika betreut und Seminare gegeben", erzählt sie. Nebenbei jobbte sie auch im Café, denn sie finanzierte ihr Studium selbst.

"Als Schülerin hatte ich das Ziel, eines Tages in die Forschung zu gehen", schildert Werner. Ihr Tutor hatte ihr zwar vorgeschlagen, Lehrerin zu werden, aber damals wollte sie einen anderen Weg gehen. Als es schließlich so weit war und sie im Forschungslabor stand, fühlte sie sich nicht erfüllt. Sie merkte, ihr fehlte etwas, sagt sie heute. "Durch das Unterrichten an der Uni konnte ich mir mittlerweile aber vorstellen, eine Lehrtätigkeit aufzunehmen", schildert sie.

Pädagogik an der Uni nachgeholt

Obwohl sie zwei sichere Jobangebote an der Uni und in der Wirtschaft hatte, schaute sie sich weiter um. "Eines Tages fand ich ein Angebot von CampuService: Es war ein Wochenendseminar für Quereinsteiger in den Lehrerberuf." CampuService ist eine Tochtergesellschaft der Frankfurter Goethe-Universität, die unter anderem einen Karriereservice für Studierende und Absolventen offeriert. Werner rief an, musste sich einer Art Bewerbungsgespräch am Telefon unterziehen und bekam eine Einladung zu dem Seminar.

Kirstin Werner hat ihren Traumberuf gefunden - als Studienrätin am Georg-Büchner-Gymnasium in Bad Vilbel.

 

Als sie in Frankfurt eintraf, empfing sie der Leiter von CampuService direkt am Hauptbahnhof, erinnert sie sich. "Ich möchte Ihnen eine Schule zeigen", sagte er. Er brachte sie zum Georg-Büchner-Gymnasium, wo sie sich beim damaligen Direktor vorstellte, der ihr eine Stelle anbot. "Das anschließende Wochenend-Seminar hat mir gefallen", erzählt sie. Da ihr damaliger Lebensgefährte und heutiger Ehemann in Frankfurt wohnte, passte es. In finanzieller Hinsicht stellte der Lehrerjob allerdings eine Einbuße dar, beispielsweise da sie kurzzeitig auch mit befristeten Verträgen vorlieb nehmen musste, die vor den Sommerferien endeten. Hätte sie den Partner nicht gehabt, zu dem sie seinerzeit zog, wäre es aus ihrer Sicht nicht machbar gewesen,

Im Rahmen des Gleichstellungsverfahrens holte Werner das zweite Staatsexamen nach, was insgesamt vier Jahre dauerte. Unterrichtsbesuche der Ausbilder gehörten dazu. Parallel ging sie erneut an die Uni, um die Module in Pädagogik, Didaktik und ihren Fächern Chemie und Physik nachzuholen. Teilweise nahm sie die Vorlesungen an den Wochenenden wahr.

Vorteil: Erfahrung im Beruf

Seit sieben Jahren ist Werner nun Studienrätin, sie unterrichtet Kinder und Jugendliche ab der fünften Klasse bis zum Abitur. Zur Lehrerin umgesattelt zu haben, bereue sie nicht. Ihr Beruf macht ihr Spaß, mit den vielen sozialen Kontakten, dem Trubel und dem Gefühl, gefordert zu sein. "Wenn ich die Schule mittags verlasse, habe ich ständig ein Feedback: Was habe ich gut gemacht - was nicht? Diese Rückmeldung geben die Schüler."

Das Klima in der Bildungseinrichtung sei angenehm, wie sie betont. Klarstellen möchte sie, dass auch Quereinsteiger einen guten Job machen. "Ich finde es manchmal nicht fair, was geschrieben wird. Die pauschale Aussage, dass Quereinsteiger in Didaktik und Pädagogik nichts draufhaben, stimmt nicht." Ihre beruflichen Vorerfahrungen hätten ihr vielmehr genutzt. "Es ist meist eine persönliche Sache, ob ein Mensch als Lehrer geeignet ist oder nicht."

Quereinsteiger in die Berufsschule

"An unserer Schule kennen wir Quereinstiege im sozialpädagogischen und Gesundheitsbereich", sagt Andreas Stolz (Berufliche Schulen am Gradierbau, Bad Nauheim). Denn auf diesem Gebiet gebe es keinen passgenauen Studiengang eines entsprechenden Berufsschullehramts. "Diplompädagogen, Ärztinnen und Absolventen im Bereich der Gesundheitspädagogik - das ist das Grundprinzip, das gute Voraussetzungen bietet und für uns infrage kommt." Die Bedingungen änderten sich und im Laufe der letzten zwölf Jahre habe er unterschiedliche Varianten erlebt, sagt Stolz. "Viele Kollegen haben wir so gewonnen: Sie machen eine Ausbildung und eine zweite Staatsprüfung. Dann gehen sie ganz normal den üblichen Weg als Studienrat an Schulen im Höheren Dienst." Die Anzahl der befristeten Vertretungsverträge indes sei wegen gesetzlicher Änderungen auf ein geringes Maß zurückgegangen. Mitarbeiter mit Vertretungsvertrag würden sich oft auf einen Quereinstieg bewerben, beim Auswahlverfahren sei aber nur ein Teil erfolgreich. Eine wichtige Rolle spiele dabei die persönliche Eignung. Ziel für Schulen sei, möglichst gut ausgebildete Leute zu haben, wie Stolz betont. "Hessen hat dafür auch einiges getan."

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