Turbulenzen überwunden

Bad Vilbeler Pharma-Unternehmen Stada konzentriert sich auf Kerngeschäft

  • VonDieter Deul
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Nachdem ein Großaktionär Turbulenzen um den Aufsichtsrat und die Zukunft des Pharma-Unternehmens Stada ausgelöst hat, ist in Dortelweil inzwischen wieder Ruhe eingekehrt. Der Investor könne nicht die Strategie bestimmen, weder Veränderungen noch ein Stellenabbau seien geplant, heißt es.

Im August tobte um das seit 1956 in Dortelweil ansässige Pharma-Unternehmen Stada ein als „Sommerkrimi der deutschen Wirtschaft“ bezeichneter Kampf. Erstmals hatte ein rebellischer Anleger, der Luxemburger Finanzinvestor Active Ownership Capital (AOC), versucht, die Macht zu erlangen und den Aufsichtsrat neu zu besetzen. Zwar wurden nach einer fünfstündigen Hauptversammlung fünf neue Aufsichtsräte bestellt, auch fiel das geplante Modell für Vorstandsgehälter und Boni durch, doch Vorstandschef Matthias Wiedenfels wurde im Amt bestätigt.

„Generell war in der Belegschaft eine gewisse Verunsicherung zu spüren“, sagt auch Jens Steegers, der Betriebsratsvorsitzende und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende: „Besonders die Ankündigung von AOC, in der Verwaltung von Stada Kosten einzusparen hat bei Teilen der Belegschaft Sorgen über einen möglichen Arbeitsplatzabbau hervorgerufen.“ Derzeit fänden Gespräche über Änderungen der Organisationsstruktur der Stada-Vertriebsgesellschaften statt. „Unser Betriebsrat wird von der Arbeitgeberseite über alle wichtigen Inhalte im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben rechtzeitig und umfassend informiert. Selbstverständlich werden wir die Interessen unserer Belegschaft auch in diesem Zusammenhang mit Nachdruck vertreten“, betont Steegers.

Übernahme befürchtet

Für Stada arbeiteten Ende 2015 in Deutschland 1207 Personen, davon rund 1000 am Standort Bad Vilbel. Für die Beschäftigten in Bad Vilbel gebe es derzeit „keine konkret geplanten Veränderungen“, teilt Stada-Pressesprecher Christian Goertz mit. Es seien somit auch keine Stellenstreichungen geplant. Was die Förderung der Burgfestspiele angehe, „so spricht aktuell nichts dagegen, die Veranstaltung auch zukünftig zu unterstützen.“ „Eine Zerschlagung von Stada würde nur kurzfristig etwas bringen.“ Befürchtet wurde eine „feindliche Übernahme“ der Traditionsfirma. Doch AOC habe „als Einzelaktionär nur fünf Prozent der Anteile“ und könne nicht die Strategie des Unternehmens bestimmen.

Um den Standort Bad Vilbel zu sichern, schlägt Steegers eine Steigerung der Eigenentwicklung von Produkten und die Steigerung der Anzahl von Auszubildenden vor – „insbesondere, um dem sich verschärfenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken“. Ziel sei, den Umsatz und Ertrag von Stada weiter zu steigern, um Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. Auf Vorwürfe von AOC-Gründer Florian Schuhbauer, es habe im früheren Stada-Vorstand „Vetternwirtschaft und Gehaltsexzesse gegeben“, man habe nicht genügend auf Entwicklungspotenziale geachtet, gibt er keinen Kommentar.

Dass der Vorstandsvorsitzende Retzlaff nach 23 Jahren zurückgetreten sei, habe persönliche Gründe, so Pressesprecher Goertz. Der 62-Jährige sei erkrankt. Weil man den Chefposten aber nach dem Aktienrecht nicht ruhen lassen könne, habe Wiedenfels die Position übernommen. Er konnte für 2016 eine positive Halbzeitbilanz ziehen: „Unser bereinigter Betriebsgewinn ist um sieben Prozent gestiegen. Mit unseren Generika und Markenprodukten wie Grippostad erzielen wir gute, zweistellige Renditen. Bei Generika sind es 21 Prozent, bei den Markenprodukten 27 Prozent. Das kann sich auch im internationalen Vergleich sehen lassen.“ Im ersten Halbjahr 2016 legte der Konzernumsatz um vier Prozent auf rund eine Milliarde Euro zu, der Gewinn pro Aktie stieg um elf Prozent. In einer aktuellen Pressemitteilung kündigte das Unternehmen gestern an, seine Profitabilität durch Effizienzmaßnahmen weiter verbessern zu wollen.

Auch weiterhin setze Stada auf seine klassische Pyramide, erläutert Goertz: Der großen Sockel sind die Generika, Nachahmer-Präparate, deren Lizenzzeit abgelaufen ist. Sie haben aktuell einen Anteil von 58 Prozent.

Marketing optimieren

In der Mitte folgen Markenprodukte wie die Ladival-Sonnenschutzmittel, die in 24Ländern verkauft werden. An der Spitze stehen neue Wachstumsmärkte, etwa in Südamerika, oder mit Kosmetika und Biosimilars, Nachahmerprodukten von Arzneimitteln, die in gentechnisch veränderten Organismen hergestellt wurden.

Auch die Kooperation mit den Krankenkassen bei den Rabattverträgen sei „sehr gut“, so Goertz. Dafür habe die Tochterfirma Aliud jüngst weitere Neuverträge gewinnen können. Im Juli verabschiedete der Stada-Aufsichtsrat seine Wachstumsziele für 2019. Unerschlossene Umsatzpotenziale sollen gehoben, Marketingkosten optimiert und Vertriebseffizienz gesteigert werden. Darüber hinaus ist geplant, die Herstellungskosten und die Verwaltungskosten zu reduzieren. Die Umsetzung soll voraussichtlich 2019 abgeschlossen werden. 75 Prozent des Produktionsvolumens von Stada wird in Niedriglohnländern hergestellt, nur 13 Prozent der Produktion passieren in Deutschland. Wirtschaft Seite 4

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