"Menschliche Tragödie"

Vorbildlich integrierter Pakistaner aus Bad Vilbel abgeschoben

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Aus rechtlicher Sicht ist gegen die Abschiebung des Pakistaner Tariq Khan, der als Flüchtling der Stadt Bad Vilbel zugewiesen worden war, nichts auszusetzen. Doch zeigt genau dieser Fall auch auf, wie sehr in manchen Fällen ein gutes Augenmaß gefragt ist. Der Flüchtlingshilfeverein Bad Vilbel sieht in der Geschichte Khans mindestens eine verpasste Chance, aber auch eine menschliche Tragödie.

Clemens Breest vom Flüchtlingshilfeverein „Willkommen in Bad Vilbel“ wirkt demotiviert, als er vor dem Container des Vereins vor dem alten Bad Vilbeler Rathaus in der Parkstraße sitzt. Viele Flüchtlinge gehen hier ein und aus, um sich von Sozialarbeiterin Natascha Reinhold beraten zu lassen. „Die derzeitige Diskussion wird zu sehr auf die Asylfrage verengt“, findet Breest.

Er kann nicht verstehen, warum man im Fall Tariq Khan nicht genauer hingeschaut hat. Khan wurde am 8. Mai an seiner Arbeitsstätte von Polizeibeamten abgeholt und in einen Flieger in seine Heimat Pakistan gesetzt. Mit Wiedereinreiseverbot.

Rechtlich kann Breest an dieser Vorgehensweise des Regierungspräsidiums Darmstadt nichts aussetzen, er selbst bezeichnet Khan mit dem verbrämten Wort „Wirtschaftsflüchtling“. Pakistan ist vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht als sicheres Herkunftsland eingestuft. Doch gibt es laut Medienberichten oft Probleme zwischen deutschen und pakistanischen Behörden, wenn es darum geht, Ersatzpapiere für einen Flüchtling auszustellen. Eine Abschiebung erschwert sich dadurch.

Im Falle Khan hat das Zusammenspiel der Behörden funktioniert. Dass es so gekommen ist, bedauert aber nicht nur Birgit Lapillo, eine Arbeitskollegin von Khan. Der Pakistaner war 2014 von der Stadt Bad Vilbel aufgenommen worden, wohnte aber im östlichen Wetteraukreis in einer Flüchtlingseinrichtung. Nachdem er zunächst in einem Frankfurter Hotel Arbeit gefunden hatte, kam er zur Behindertenhilfe Wetterau, arbeitete in einer der Werkstätten. Für Khan, auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, eine deutlich bessere Alternative.

Dort arbeitete er mit Menschen zusammen, die körperlich behindert sind. Wie es aus dem Kollegenkreis heißt, ermutigte sein freundliches Wesen die dort tätigen behinderten Menschen. Auch seine Kollegen schätzten seine Arbeit. Er hatte den Gabelstaplerschein gemacht und wurde seitdem umfangreicher eingesetzt.

Auch im privaten Kreis hatte er sich einen Freundeskreis aufgebaut, berichtet Breest. Auch ohne Anspruch auf einen Integrationskurs, Khan hatte nur eine Duldung mit jederzeit möglichem Widerruf erhalten, lernte er gut Deutsch. Sich davon überzeugen kann man in einem kurzen Video, das der Flüchtlingshilfeverein über den Fall gedreht hat. Zu sehen ist dies auf Youtube unter dem Stichwort „Flüchtlingshilfeverein“. Die Behindertenhilfe Wetterau wollte ihm einen Deutsch-Abendkurs finanzieren.

Doch dann kam die Abschiebung, trotz eines laufenden Petitionsverfahrens. Das Regierungspräsidium Darmstadt hatte die Sache zu einem Eilverfahren gemacht, der Petitionsausschuss des Hessischen Landtags hatte sich für die Abschiebung entschieden. Abgeschlossen ist das Verfahren nicht, doch das Wiedereinreiseverbot macht eine Rückkehr so gut wie unmöglich.

„Mit einem Schlag wurden alle Integrationsbemühungen zunichte gemacht. Das ist nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern für ein Land, das dringend auf Zuwanderung angewiesen ist, sehr töricht“, schildert Clemens Breest.

Denn Menschen wie Khan füllten Lücken in Deutschland. Lücken, die immer größer werden. Breest nennt Krankenhäuser, Pflegeheime, aber auch Speditionen als Arbeitgeber, die dringen Kräfte suchen. Personal, das für vergleichsweise wenig Geld zu haben ist. „Diese Menschen kommen für sich selbst auf, leisten ihren Beitrag für die Gesellschaft“, sagt Breest und fordert von der Bundespolitik ein Umdenken.

Bereits seit Jahren wird Personal etwa aus Spanien und Polen angeworben. „Doch auch diesen Ländern geht es langsam wieder besser, die Menschen kehren zurück“, sagt Breest. Personal werde aber weiterhin gesucht. Dringend benötigt werde ein Einwanderungsgesetz mit einem Punktesystem, wie es etwa Kanada oder Neuseeland haben.

Myriam Gellner, zweite Vorsitzende des Flüchtlinghilfevereins, mahnt: „Angesichts der aktuellen Debatte um Abschiebungen sollten die fatalen Signale gegenüber all denjenigen, die sich um Integration bemühen, nicht übersehen werden.“ Wenn langjährig gut integrierte Personen aus ihrem geregelten Leben plötzlich in eine völlig per-spektivlose Zukunft abgeschoben würden, wirke das demotivierend sowohl für Einwander als auch für Flüchtlingshelfer.

„Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass geleistete Integrationsbemühungen nicht zunichte gemacht werden, sondern honoriert werden. Stimmungsmache gegen dieses Engagement ist Gift für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, sagt Gellner.

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