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Vered Zur

80. Jahrestag der Pogromnacht

Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu neuen Gefahren: Erinnerungskultur ist wichtig

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Deutschland befindet sich in einem politischen Wandel. Wie gefährlich dieser sein kann und wie man heute mit der Vergangenheit umgehen sollte, dazu befragte Thomas Kopp die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bad Vilbel, Vered Zur.

Frau Zur, leistet die Stadt Bad Vilbel genug, um das Andenken an die Pogromnacht und das Schicksal der jüdischen Bevölkerung zu bewahren?

VERED ZUR: In Bad Vilbel wurden auf Initiative meines Vaters Rafael Zur im Jahre 1999 zwei Gedenksteine errichtet. Vor dem Alten Rathaus findet jährlich eine Gedenkveranstaltung statt. Es kommen Vertreter aller Parteien. Leider beteiligen sich zu wenige Schulen. Von kirchlichen und Vereinsvertretern wünsche ich mir ebenfalls mehr Präsenz. Unsere Initiative ist bei der Umbenennung der Stadtschule in Dr.-Albert-Chambré-Stadtschule gescheitert, obwohl uns die Stadt Unterstützung zugesichert hatte. Auch ist der Zentralparkplatz nicht in Dr.-Albert-Chambré-Platz, sondern in Nidda-Platz benannt worden. In dem Buch von Willi Giegerich über die Geschichte, Landschaft und Kultur Vilbels finden die hier lebenden Juden vor dem Zweiten Weltkrieg keine Erwähnung – was irgendwie typisch für Vilbel ist, viel unter den Tisch zu kehren. Eine Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge in der Frankfurter Straße 95 – das Gebäude ist heute in Privatbesitz – vermisse ich. Positiv ist zu erwähnen, dass es nach über sieben Jahren Fortschritte bei der Erstellung der Gedenktafel zur Erinnerung an das Ghettohaus im Wasserweg gibt.

Die jüngsten Wahlen in Hessen und Bayern haben das erwartet hohe Ergebnis für rechte Parteien wie die AfD geliefert. Welche Konsequenzen für religiöse und ethnische Minderheiten in Deutschland befürchten Sie daraus?

ZUR: Aus den Medien ist bekannt, dass AfD-Politiker auf Neonaziveranstaltungen gesehen werden, wo judenfeindliche Liedtexte und Hetzparolen an der Tagesordnung sind. Solange das der Fall ist, traue ich auch den Spitzenfunktionären, die sich gemäßigt geben, nicht über den Weg. Wenn man da von Listen hört, die über AfD-kritische Lehrer geführt werden, frage ich mich, ob diese "für später" verwendet werden sollen und ob bereits jetzt solche Listen auch über Juden geführt werden. Wenn ich über so was nachdenke, bekomme ich Angst. Im politischen Diskurs ist der Umgangston trennender, spaltender geworden. Der hasserfüllte Umgangston führt dazu, dass einige meinen – wenn es Politiker aus der Mitte der Gesellschaft sagen – Abgrenzungen wohl salonfähig seien. Und einige meinen, das wäre ein Freibrief, gewalttätig zu werden.

Was rufen Sie Menschen zu, die sich mit dem Thema Nationalsozialismus/Antisemitismus nicht mehr beschäftigen wollen?

ZUR: Wichtig ist, dass es eine Erinnerungskultur gibt, weil diese Entwicklungen nicht neu sind und sich immer wiederholen können. Die Kontrollinstanz sind unsere Justiz und die Verfassung – aber vor allem das öffentliche Bewusstsein. Das wird stark durch Medien beeinflusst, damit haben sie auch Verantwortung. Weder moralische Keule noch folkloristische NS-Erinnerungskultur sind der richtige Ansatz. Was hilft, ist die Einordnung in den historischen Kontext und was wir daraus lernen. Es reicht nicht, dass nur wir als Jüdische Gemeinde oder ich als Person etwas tun. Junge Menschen haben in ihrer Familie niemanden mehr, der den Nationalsozialismus erlebt hat. Schule und Medien sind daher wichtige Orte, wo die Erinnerungskultur aufrecht erhalten wird. Wenn man das Thema den Extremisten überlässt, dann werden extreme Ansichten salonfähig. Erscheinen sogar wie eine Mehrheitsmeinung. Gefährlich. Deswegen ist es wichtig, dass die schweigende Mehrheit sich zu Wort meldet. Wir können einige Populisten vielleicht nicht überzeugen, aber das Feld dürfen wir ihnen nicht überlassen. Ich finde es richtig dass der Verfassungsschutz die AfD beobachtet. Wenn sich herausstellt, dass sie letztlich gegen die Verfassung sind, dann sollten sie verboten werden. Es gibt da eine Grenze, innerhalb derer Politiker agieren dürfen. In dieser kann und muss gestritten werden. Die Grenzen sind Menschenrechte und Grundgesetz.

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