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Er geht dem hessischen Idiom an die Wurzel: Walter Renneisen rezitiert den Bad Vilbeler Literaten Herbert Heckmann.

Launige Hommage an den Bad Vilbeler Literaten Herbert Heckmann

Walter Renneisen: Im Babbeln wie im Betrabbeln

Mit Walter Renneisen betritt am Mittwochabend im Foyer des Rathauses ein Rezitator und Schauspieler die Bühne, der unter dem Motto „Hessische Dichterflora“ die Veranstaltungsreihe zu Ehren des Literaten Herbert Heckmann mit einer Lesung fortsetzt. Für das Publikum nicht nur ein literarischer Genuss, sondern ein Vergnügen des Heckmannschen Sprachwitzes zugleich.

Walter Renneisen ist dem Bad Vilbeler Publikum kein Unbekannter. Sein komödiantisches Spiel und entlarvender Sprachwitz auf der Kleinkunstbühne ist legendär, erst recht, wenn er sich als Rezitator der Vielfalt hessischer Dialekte annimmt. Doch nicht alles in Hessen ist „Hessisch“ und das Gebabbel hat viele Zungenschläge und literarische Fallstricke – besonders dann, wenn die Wortklauberei aus der Feder von Herbert Heckmann stammt.

Es hätte kein besserer Interpret sein können als Renneisen, der sich in einem literarischen Herbert-Heckmann-Potpourri im Rathaus der vielschichtigen Erzählungen, Essays und Romane Heckmanns annimmt. Der eher schmächtige Renneisen stemmt hierbei den hünenhaften Heckmann gestenreich ins „Grobe“ und ziseliert gleichzeitig mit einem Fingerschnipser das „Feine“ aus Heckmann heraus. Ein gänzlich ungleiches Paar, könnte man meinen, so doch kein Bühnenspagat, denn eher zwei artverwandte Seelen in einer Brust.

Da ist der Milchmann, der selbst noch nie Milch getrunken hat, oder der Mord in der Amselgasse mit seinen fantasierten Geständnissen eines seelisch verirrten Liebhabers, die Renneisen als literarische Figuren und Metapher zusammenfügt. „Sich nur in Gedanken Gedanken zu machen“, rezitiert doppelbödig Renneisen, genüge bei Heckmann nicht. Auch nicht bei seinem 1962 erschienen Roman „Benjamin und seine Väter“, in dem Heckmann die Kindheit eines vaterlosen Jungen in den 1930er-Jahren nachzeichnet.

Denn nicht immer ist es der humorige Heckmann, der Genussmensch und feinnervige Literat, an den sich viele in diesen „Ehrentagen“ erinnern, sondern Renneisen zeigt auch die Schattenseiten in Heckmanns Werk zwischen saurem Wein und seifigem Handkäs auf – bis zum Verdruss auf eine Gelbwurst. Schlitzohrige Tragödien zuweilen zwischen tschilpenden Spatzen und angegrauten Siedlungshäuser einer Heckmannschen Kindheit mit den unverwechselbaren Stimmen des Frankfurter Idioms im „Babbeln wie im Betrabbeln“.

Lautmalerisch zieht Renneisen hier seine „Brutsch“ und lässt die hessischen Dialekte Revue passieren, deren Gemeinsamkeit in der Vielfalt der Deutungen liege. Etwa beim Wörtchen „Oos“ – dem verwesenden Aas nachempfunden. Je nach situativem Kontext werde das scheinbar harmlose Wörtchen auf den Kopf gestellt, mal als abfälliges Schimpfwort mit „Schinnoos“ (Schind-Aas vom Schindacker des Abdeckers), mal als zärtliches Liebeswort für die erotischen Raffinessen einer Geliebten.

In etwa 20 Varianten spiele das „Oos“ seine universelle Rolle im Alltagsgeschwätz, erläutert Renneisen süffisant, wobei das Umstandswort „Ei“ in weiten Teilen Hessens gleichermaßen in seiner Karriere dem „Oos“ nicht nachsteht. „Es gibt kaum einen Satz, den ein Frankfurter Hesse nicht mit „ei“ beginnt“, erläutert Renneisen, der mit Heckmanns „Hessisch auf Deutsch“ noch einmal amüsant in die Sprachgeschichte einsteigt.

Die nahezu anderthalbstündige Lesung mit Renneisen öffnet ein kleines Parterre-Fensterchen des Literaten Heckmann auf sein Frankfurter Geviert, das erneut zu durchwandern nicht nur eine Frage „guter Fieß“ (guter Füße) ist. Renneisen schafft zugleich ein lautmalerisches Bild eines Dichters, der seine Herkunft nie verleugnet hat und als Frankfurter Weltbürger die bundesdeutsche Literaturgeschichte nachhaltig beeinflusst hat.

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