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Schmackhaft angerichtet kann auch vegetarisches zu Weihnachten überzeugen, ist die Tierschützerin Gundula Ort überzeugt. Sie verzichtet seit den 80er Jahren auf Fleisch, obwohl der Gänsebraten auch in ihrer Familie einst zum Fest gehörte.

Interview

Tierschützerin: "Ich verstehe nicht, dass zum Fest der Liebe massenweise Tiere abgeschlachtet werden"

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Gundula Ort engagiert sich für den Tierschutz. Deshalb verzichtet sie schon jahrzehntelang darauf, Fleisch zu essen. Auch zu den nahenden Festtagen macht sie dabei keine Ausnahme. Im Interview erzählt die Bad Vilbelerin, warum vegetarische Weihnacht ethisch das einzig Richtige für sie ist.

Frau Ort, Sie sind Vegetarierin. So weit, so gut. Aber mal ehrlich, überkommt Sie in der Vorweihnachtszeit nicht manchmal die Lust auf einen leckeren Gänsebraten?

GUNDULA ORT: Nein. Die Lust auf Fleisch habe ich mir schon vor 30 Jahren abgewöhnt. Obwohl ich aus einer Fleisch essenden Familie stamme. Damals war die Umstellung hart. Wenn ich durch die Wurstabteilung im Laden lief und es roch nach italienischer Salami, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Aber heute habe ich überhaupt keine Fleischgelüste mehr.

Wie kam Ihr Vegetarismus Ende der 80er Jahre an?

ORT: Ich wurde überall gefragt, ob ich krank bin. Auch meine Familie dachte, ich spinne. Als Vegetarier galt man damals als Außenseiter. Deswegen wollte mein Mann, der auch heute gelegentlich noch Fleisch isst, das anfangs auch nicht. Aber irgendwann habe ich es dann doch durchgesetzt. Radikal.

Warum?

ORT: Wir hatten damals ein kleines Kaninchen. Irgendwann erlitt es eine Querschnittslähmung. Wir konnten uns nicht erklären, warum. Auch der Arzt war ratlos und konnte nichts tun. Eines nachts saß ich bei dem Kaninchen und musste ihm alle halbe Stunde Wasser einflössen. Da habe ich mir gesagt: Wenn es das übersteht, esse ich kein Fleisch mehr, denn es ist unlogisch, sich einerseits so um ein Tier zu mühen und andererseits Tiere zu essen. Ich wollte diesen Schwur eigentlich nur durchhalten, so lange das Kaninchen noch lebte, aber dann bin ich dabei geblieben.

Erinnern Sie sich denn an Ihr erstes vegetarisches Weihnachtsfest?

ORT: Nicht wirklich. Aber ich bin damals schon auf Alternativen ausgewichen, die gab es ja schon, wenn auch wenige. Tofu etwa. Und selbstverständlich Rotkohl und Klöße.

Gar nicht so einfach. Denn traditionell kommt ja an so gut wie jedem deutschen Feiertag ein großes Fleischgericht auf den Tisch.

ORT: Das finde ich schlimm. Eigentlich bin ich es ja gewohnt, dass überall und viel Fleisch gegessen wird. Aber es ist an sich gegen die christliche Ethik, obwohl in der christlichen Tradition das Fleischessen selbstverständlich ist. Die Martinsgans oder Osterlämmer beispielsweise. Speziell an Weihnachten verstehe ich das nicht. Es ist das Fest der Liebe und dann werden dafür massenweise Tiere abgeschlachtet.

Wir pflegen da also eine tierfeindliche Tradition?

ORT: Wissen Sie wie lange eine Gans normalerweise leben könnte? In Freilandhaltung dauert die Aufzucht etwa ein Dreivierteljahr. In der Schnellmast werden die Gänse nur in wenigen Wochen hochgezüchtet und dann getötet. Abgesehen davon, dass es auch für den Menschen nicht gesund sein kann, das zu essen: Eine Gans kann natürlicherweise bis zu 20 Jahre alt werden. Machen Sie sich das klar: Für den Genuss eines Festtagsbratens, der meistens nicht länger als eine, zwei Stunden dauert, beenden wir das Leben eines intelligenten, gefühlvollen Tiers, das normalerweise zwei Jahrzehnte leben könnte. Das ist hart.

Das verdirbt einem vor allem irgendwie die Weihnachtslust. Finden Sie, dass man gerade deshalb jetzt über Vegetarismus und Tierrechte sprechen sollte?

ORT: An sich ja. Jetzt ist das Thema Festessen ja präsent. Und eigentlich weiß ja jeder über übermäßigen Fleischkonsum und Massentierhaltung Bescheid. Auch weil die Medien sehr tierfreundlich eingestellt sind. Aber man will sich den Spaß nicht verderben. Als Vegetarier sollte man da auch nicht zu belehrend sein. Und man muss auch nicht die Festttage damit verbringen, das zu diskutieren. Aber irgendwo an einer Ecke kann man es schon mal anbringen.

Was sind denn Ihre die Alternativen für den Weihnachtsschmaus?

ORT: Wie gesagt: Als Beilage Rotkohl und Klöße. Außerdem koche ich gern mit vegetarischen Fertigprodukten, weil ich ein fauler Mensch bin. Dieses Jahr gibt es bei uns beispielsweise vegetarische Gans, die besteht aus einem Fleischersatzprodukt, Seitan oder Weizenprotein, das schmeckt auch meinem Mann. Man kann aber beispielsweise auch vegetarischen Nussbraten oder vegetarische Bratlinge servieren.

Stehen bei Ihnen zum Fest immer zwei Töpfe auf dem Herd: Fleischlos und mit?

ORT: Nein, mein Mann isst zu Hause ohnehin vegetarisch. Und sonst kommt es darauf an, mit wem wir feiern. Wenn wir mit der Familie essen – bei der einige deutlich jünger sind – gibt es meist sowieso ein vegetarisches Gericht. Und sind wir mit Freunden unterwegs, kann man es ja gezielt auswählen. Das ist eigentlich kein Problem.

Ist das so? Wenn ich an Weihnachtskarten im Restaurant denke, sehe ich meist Braten, Haxe und Schnitzel vor mir. Bleibt da was für Vegetarier?

ORT: Vielleicht mal ein Gemüsegratin (lacht). Man muss sich die Lokale eben gezielt aussuchen. In der Alten Mühle gibt es beispielsweise ein vegetarisches Menü. Beim Italiener bekommt man in der Weihnachtszeit auch immer Nudeln mit Trüffeln. Und in der asiatischen Küche findet man auch immer fleischlose Gerichte. Das ist dann eben im Zweifel nicht mehr so weihnachtlich.

Insgesamt ist Weihnachten also keine gute Zeit, um die Ernährung auf Fleischverzicht umzustellen, oder?

ORT: Empfehlen würde ich es nicht. Es ist eine harte Überwindung. Aber vielleicht kann man sich ja überzeugen lassen, dass es dieses Jahr nicht der Riesenbraten sein muss, sondern nur die halbe Portion.

Muss man am Ende nicht konsequent sein und sagen: Ich esse jetzt ganz vegan?

ORT: Eigentlich schon. Als ich in den 80er Jahren angefangen habe, vegetarisch zu leben, war mir noch gar nicht bewusst, dass auch die Milchproduktion den Tieren Leid zufügt. Heute lasse ich weg, worauf ich verzichten kann. Butter mochte ich eh nicht, die habe ich mit veganer Margarine ersetzt. Hüttenkäse musste ich mir mühsam abgewöhnen. Handkäs kann ich bis heute nicht widerstehen. Aber es ist doch genau wie beim Vegetarismus: Man muss nicht immer gleich das Extrem suchen. Wenn man sich erst mal ein wenig einschränkt, ist das für die Tiere ja auch schon eine Verbesserung.

Kostenlose Beratung

Über Tierschutz und Vegetarismus an Weihnachten informiert Gundula Ort am morgigen Donnerstag, 29. November, bei einer kostenlosen Tierschutzberatung von 16 bis 18 Uhr im Haus der Begegnung, Marktplatz 2.

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