+
Rund um die Uhr fahren die LKWs die "Maus" an, um mit Zuckerrüben beladen zu werden.

Erntezeit

Wenn die Maschine Rüben rupft

Direkt am Dortelweiler Ortsrand erhebt er sich: Ein drei Meter hoher Haufen Rüben. Unscheinbar sehen sie aus, mit Unkenntnis könnte man sie für ganz normales Gemüse halten. Doch der Schein trügt: Sie enthalten weißes Gold. Nämlich Zucker.

Direkt am Dortelweiler Ortsrand erhebt er sich: Ein drei Meter hoher Haufen Rüben. Unscheinbar sehen sie aus, mit Unkenntnis könnte man sie für ganz normales Gemüse halten. Doch der Schein trügt: Sie enthalten weißes Gold. Nämlich Zucker.

Direkt neben dem Rüben-Berg steht ein seltsames Gefährt. 32 Tonnen schwer und eine halbe Million Euro teuer – das bei Landwirten als "Maus" bekannte Fahrzeug ist beim Abtransport unverzichtbar. "Bis die Zuckerrüben in die Fabrik kommen, muss einiges passieren", weiß Christian Kliem, Geschäftsführer der Lade- und Transportgemeinschaft (LTG) Wetterau West, einem Zusammenschluss von 160 Bauern zum Transport von landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

"Es beginnt mit dem sogenannten Rübenroder", erklärt Kliem. "Der fährt über das Feld und holt die Rüben aus der Erde. Durch Walzen werden sie direkt vom gröbsten Dreck und Grün befreit. Ist das Fahrzeug voll, lädt er es auf die charakteristischen länglichen Haufen ab, die derzeit überall in der Wetterau zu finden sind."

Mittlerweile sind die meisten Abläufe in der Zuckerrübenernte mechanisiert. Im Prinzip muss der Landwirt kaum noch selbst Hand anlegen. Spezialfahrzeuge säen, spritzen und ernten die Pflanzen. Und selbst der Abtransport läuft fast automatisch. Computer berechnen genau, wann welches Fahrzeug die Maus ansteuert und wie viele Rüben mit welchem Zuckergehalt von welchem Landwirt in der Fabrik ankommen, damit der Erzeuger entsprechend bezahlt wird. Die mit modernster Technologie ausgestatteten Erntefahrzeuge erleichtern den Landwirten die Arbeit deutlich.

"Ich steuere das Feld an und durch einen Sensor weiß das Fahrzeug genau, welchen Weg es fahren muss", erklärt Alexander von Griesheim, während er mit seinem Rübenroder am Ortsrand von Groß-Karben entlangfährt. "Nachdem der Sensor die Rübenreihe erkannt hat, brauche ich eigentlich nur noch einen Knopf zu drücken und das Fahrzeug lenkt sich von allein", sagt der Agrartechniker

Bis zu einem Hektar mit Zuckerrüben bepflanzter Ackerfläche schafft das Fahrzeug dank der Technik pro Stunde, noch vor 30 Jahren war das kaum vorstellbar. Doch das schnellere Tempo ist nötig: "Durch die Öffnung des EU-Marktes sind wir in Deutschland unter starker Konkurrenz", weiß von Griesheim. "Dadurch hat sich der Druck erhöht die Arbeitsprozesse noch weiter zu optimieren. Doch dadurch dass die Fahrzeuge so teuer werden, können die Landwirte es nur noch gemeinsam schaffen."

Um das zu erreichen und genug Rüben in die Zuckerfabrik nach Offstein bei Worms zu fahren, sind die 125 Lastwagenfahrer mit ihren 40 Brummis rund um die Uhr im Einsatz. Lediglich am Sonntag ist Ruhetag. "Eine Zuckerfabrik braucht 17 000 Tonnen Rüben pro Tag und darf niemals stillstehen, weil sonst die Kosten hochgehen", weiß Kliem. "Also wird Tag und Nacht die ›Maus‹ angefahren, um die Lastwagen zu beladen."

Beim Verladen kommt dann die "Maus" ins Spiel. "Durch Rollen werden die Rüben noch einmal gereinigt, dann werden sie per Förderband in den Laster geladen", erklärt Kliem. 27,5 Tonnen Zuckerrüben passen in einen Laster, über einen Arm gelangen sie auf die Ladefläche. In diesem Jahr werden es insgesamt zwischen 350 000 und 400 000 Tonnen Rüben werden.

Denn auch hier sind die Spuren des Rekordsommers 2018 zu spüren. "Es sind merklich weniger Rüben", sagt Kliem. "Bis März war es sehr nass, ab April regnete es kaum noch. Gerade in dieser Zeit werden die Zuckerrüben gesät. Durch Hitze und Trockenheit sind es kleinere und weniger Rüben, dadurch verlieren wir pro Hektar ungefähr eine Lastwagenladung."

Doch es gibt auch ein kleines Trostpflaster. "Durch die Hitze sind die Zuckerrüben in diesem Jahr sehr süß, sie haben bis zu 22 Prozent Zuckergehalt", erklärt Kliem. "In normalen Jahren haben wir etwa 16 bis 17. So erhalten wir in diesem Jahr pro Rübe etwa 400 bis 500 Gramm Zucker. Die Verluste werden dadurch aber wenig ausgeglichen."

Damit keiner der Landwirte benachteiligt wird, sind alle Flächen in Abfuhrgruppen eingeteilt. "Holt man die Zuckerrüben zu früh aus der Erde, haben sie einen niedrigeren Zuckergehalt", sagt Kliem. "Für den Bauern ist das schlecht, da er so weniger Geld bekommt. Die Fabrik braucht jedoch Nachschub. Also holen wir erst nur die Hälfte aus der Erde und kommen später wieder, um den Rest mitzunehmen. So machen wir es allen Bauern recht."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare