Privatmuseum mit ostdeutschen Erinnerungen

Willkommen in der DDR!

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Die untergegangene DDR hat der Bad Vilbeler Sammler Burkhard Fiebig auf 40 Quadratmetern wieder zum Leben erweckt. Im Kellergeschoss seines Reinheimer Mietshauses findet sich alles vom Todesstreifen bis hin zur Wohnzimmer-Gemütlichkeit mit Hellerau-Schrank und Lausitz-Radio. Als nüchterner Sammler mit ostdeutschen Familienwurzeln geht es Fiebig um die Erinnerung an eine andere Lebenswelt.

Es ist eine geradezu klandestine, klammheimliche und deshalb sehr authentische Annäherung an das System DDR. In einem Mehrfamilienhaus mit 13 Parteien im südhessischen Reinheim schließt Burkhard Fiebig einen Keller auf – plötzlich geht das Licht an. Der Blick fällt auf den Original-Drahtzaun des Todesstreifens, ein Schild warnt „Halt – Staatsgrenze! Passieren verboten!“ Im Hintergrund wacht eine Grenzsoldaten-Schaufensterpuppe. Vor der Modellbau-Nachbildung des Todesstreifens steht in Ausgehuniform ein Offizier der Grenztruppen mit der Attrappe einer Makarov-Pistole. Die Kalaschnikov liegt in einer Vitrine als Replika.

In Bad Vilbel ist Burkhard Fiebig eigentlich als Vorstand des Jugendhilfevereins Möwe Jonathan bekannt, der Wohngemeinschaften für gestrauchelte deutsche Jugendliche betreut – und derzeit 40 minderjährige Flüchtlinge in einem Hotel in Frankfurt-Höchst. Fiebig ist auch ein leidenschaftlicher Sammler. In seinem Haus auf dem Niederberg steht seit 2004 ein drei Tonnen schweres Teilstück der Berliner Mauer vom Potsdamer Platz.

Es gibt noch einen zweiten Sammel-Strang, der seiner Faszination für die Luftfahrt entspringt. Schon Anfang der 1990er hat er eine russische MIG21 ersteigert. Mauer, Kampfjet – für Fiebig passt das gut zusammen: „Ich habe Stücke von Symbolen der Macht übernommen“, erzählt er auf der knapp dreiviertelstündigen Fahrt von Bad Vilbel nach Reinheim. Die Zeit braucht er für die miteinander verwobenen Fäden von Familiengeschichte, Sammelleidenschaft, deutsch-deutscher Zeitgeschichte und Erfahrungen.

Fiebigs Eltern zogen 1951 aus Berlin auf den Heilsberg. Tanten, Großeltern und Cousins leben im Osten. Dresden, Leipzig, Erzgebirge, aber auch Berlin waren Reiseziele in den Ferien. Als Junge habe er die DDR mit dem Gefühl der Angst verbunden. Uniformierte, der barsche Ton, Kontrollen, Wachhunde. Und „diese Totenstille“, die kleinlaut gewordenen Eltern.

An Weihnachten wurden Päckchen gepackt. „bestimmt 30 Stück“. Fiebig hielt Kontakt zu Cousins in Dresden und Berlin. „Ich hab’ mit der DDR nix am Hut gehabt“, erinnert er sich – „aber in unserem Haus gab es so viele Dinge“. Wodka, Räuchermännchen aus dem Erzgebirge, die berühmte Glashütten-Uhr. Reisen in die DDR hätten ihn traurig gestimmt, „alles so marode“, dann kam dieser Impuls: „Der Westen ist schon so fertig, so perfekt, der Osten ein Abenteuer.“

So fing die Sammelei an, die sich steigerte, als Fiebigs Plan für ein Fliegerei-Museum auf dem Griesheimer August-Euler-Flugplatz stagnierte. 2010 erlitt Fiebig einen Herzinfarkt, musste nach Bad Kissingen zur Reha. Dort, nahe der ehemaligen Grenze, entstand die Idee, gezielt DDR-Zeitgeschichte zu sammeln. Er nahm eine Auszeit, startete im April 2012 an der tschechischen Grenze zu einer 49-tägigen Grenzwanderung. Im Museum fließen diese Motive und Fundstücke zusammen. Zwar ist die Kellerwohnung nicht für den öffentlichen Museumsbetrieb zugelassen, doch Fiebig bietet private Führungen an. Sie sei fast so groß wie die Zweiraum-Wohnung seines Onkels in einer Dresdener Plattenbausiedlung.

Alles ist akkurat und original, ein Mikrokosmos der DDR. Der Spind der Grenzsoldaten mit original Bettzeug, das Hausbuch, in dem ein Plattenbau-Wart alle Besucher mit Uhrzeit vermerkt, der Wimpel aus Bad Vilbels Thüringer Partnerstadt Brotterode, die detailreiche Modelllandschaft der Grenze. High Tech wie die Überwachungskamera RFT TFK 500, anderes, das auch im Westen bei Quelle verkauft wurde, wie das Rührgerät RG 28 und die „Luftdusche“, wie Föhne bezeichnet wurden. Eine Küche ist zu sehen, ein mit grüner DDR-Raufaser tapeziertes Wohnzimmer, doch es dominieren die Eindrücke von der Grenze. Für Fiebig der Schlüssel des Kollapses: „Der Einschließungswahn hat die DDR in den Ruin geführt.“ Was bleibt, ist die Erinnerung – an das fortschrittliche DDR-Design, das DDR-Sandmännchen und das Talent, in einer Mangelwirtschaft zu überleben. Er wolle nicht über die Menschen urteilen, sondern das System zeigen, in dem sie leben mussten, betont Fiebig.

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