Flüchtlinge

Zeit für Kreativität: Krisenmanager stellt seine Arbeit vor

  • Thomas Kopp
    vonThomas Kopp
    schließen

Das hätte man von einem Wiesbadener „Amtsschimmel“ wohl kaum erwartet: Sehr deutlich und mit direkter Ansprache schildert Stefan Sydow, Leiter der Stabsstelle Asyl der Hessischen Landesregierung,

Das hätte man von einem Wiesbadener „Amtsschimmel“ wohl kaum erwartet: Sehr deutlich und mit direkter Ansprache schildert Stefan Sydow, Leiter der Stabsstelle Asyl der Hessischen Landesregierung, in der Bürgerversammlung in Bad Vilbel, wie das Land Hessen mit der Flut an Flüchtlingen umgeht.

Im September wurde er gefragt, ob er „ein paar Prozesse optimieren“ könne, was die Unterbringung der Flüchtlinge angehe. Genau in dem Monat, in dem die Flüchtlingszahlen steil nach oben schnellten. „Plötzlich hatten wir es mit 300 bis 400 Menschen pro Tag zu tun, Spitzentag war der 15. Dezember mit 771 Menschen an einem Tag.“ Maßgeblich von September bis Jahresende kamen 79 500 Menschen nach Hessen.

Aus dem Prozessoptimierer musste so zunächst ein Feuerwehrmann werden, mit einem längerfristigen Auftrag: „Uns war klar, dass wir Bilder wie in Berlin und Nordrhein-Westfalen vermeiden mussten, wo Flüchtlinge als Obdachlose auf der Straße landen.“

Innerhalb kurzer Zeit wurden aus vier Erstaufnahmeeinrichtungen mit der Zentrale in Gießen 37 Einrichtungen, gemeinsam mit Einrichtungen des Katastrophenschutzes sind es über 80 Standorte geworden. Über 30 000 Menschen könnten dort nun Zuflucht finden, meist für einen Zeitraum von zwei Wochen, bevor sie an die Kreise und Kommunen weitergeleitet werden. Zeitgleich habe man rechtzeitig vor dem Winter 7500 Menschen aus Zelten in feste Unterkünfte gebracht, keiner müsse mehr in Zelten übernachten.

Doch um immer Plätze freihalten zu können, müssen die Ankommenden zügig behandelt werden. Dazu gehören ein Gesundheitscheck inklusive Röntgen und Impfung. „Wir hatten am Anfang in Gießen zwei Röntgengeräte, jetzt sind es sechs Container. Hinzu kam ein Flying Doctor Service“, schildert Sydow. Durch die freiwillige Leistung von Ärzten konnte die Dauer bis zum Abschluss der gesundheitlichen Untersuchungen auf drei Tage gebracht werden. „In Zeiten der Krise ist Kreativität gefragt“, fasst Sydow zusammen.

Trotzdem müsse eine Verwaltung verwalten und bewahren. „Das geht etwas langsamer, schützt aber auch vor Schnellschüssen aus der Politik“, sagt Sydow. Doch in diesem Fall musste alles schneller gehen. So hat die Landesregierung Studenten angestellt, um insgesamt 110 000 Datensätze von Flüchtlingen einzugeben. „Ehrenamtler und Verwalter sind die Helden, sie haben von 7 bis 22 Uhr geschuftet, um das alles zu packen“, schildert er.

Zeitgleich habe das Land – als einziges mit Bayern – einen Aktionsplan ins Leben gerufen, der mit 500 Millionen Euro ausgestattet ist. Davon gibt es etwa 800 neue Stellen an Schulen, aber auch 250 Stellen für die Polizei. Über 20 Millionen Euro fließen an Kindergärten, die Kreise erhalten 45 Prozent mehr Zuschüsse, um eigene Projekte für Spracherwerb, Bildung, Ausbildung und Integration in den Arbeitsmarkt gestalten zu können.

Das habe geschlaucht, aber inzwischen sei vieles in Gang gesetzt. Abschließend rät Sydow: „Lassen Sie Ihre Herzen nicht von Angst überfluten. Dann bleiben Sie handlungsfähig.“ (kop)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare