Grammophon-Lesung

Zwischen Komik und Tragik

  • schließen

Hans Falladas Roman „Kleiner Mann, was nun?“ verbindet eine einfühlsame Liebesgeschichte mit der authentischen Schilderung der sozialen Verhältnisse in den letzten Jahren der Weimarer Republik. Jo van Nelsen unterstrich dies eindringlich in der Bad Vilbeler Stadtbibliothek, als er den Stoff in Form einer Grammophon-Lesung vorstellte.

Jo van Nelsen animierte am Donnerstagabend mit seinem Auftritt zur Wieder- beziehungsweise Erstentdeckung von Hans Falladas Erfolgsroman – zumal der erst vor zwei Jahren in der nie zuvor veröffentlichten Originalfassung erschienen ist. Die Neugierde beim Publikum war entfacht, so dass in der Pause und nach dem Schlussbeifall die Bücherstapel am Verkaufstisch gut geräumt wurden.

„Kleiner Mann, was nun?“ erschien 1932 – nur wenige Monate vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und, wie man heute weiß, bereits mit einigen Streichungen aufgrund der zu erwartenden politischen Entwicklungen. So wurde zum Beispiel aus einem Schläger der SA ein lediglich rauflustiger Fußballanhänger. Auch die nach 1945 erschienen Auflagen behielten die Änderungen bei. Erst nun wurde das im Literaturzentrum Neubrandenburg befindliche Originalmanuskript berücksichtigt.

Die nun rückgängig gemachten Streichungen verändern die Handlung zwar nicht grundsätzlich, zeigen aber, dass Fallada vieles nuancierter abzuwägen und zu schildern vermochte. Die Beschreibungen des Großstadtlebens und der Berliner Amüsierbetriebe werden ausführlicher und authentischer dargestellt wie auch die Situation der Arbeitslosen, der Juden und der kriminellen Milieus.

Zudem wird das Innenleben der Figuren eindrücklicher geschildert – wie zum Beispiel in dem „Robinson-Tagtraum“ des Protagonisten Johannes Pinneberg. Als Jo van Nelsen diese Passage las, in der es um die Ängste Pinnebergs vor einem weiteren sozialen Abstieg geht, war es mucksmäuschenstill im Publikum. Zuvor war die Stimmung unbeschwerter und heiterer.

Van Nelsen entführte an die Nordsee, wo sich der Buchhalter Pinneberg und Emma, später nur noch „Lämmchen“ genannt, kennen und sofort lieben lernten. Komisch-grotesk dann die Schilderung, wie Pinnebergs erster Arbeitgeber Kleinholz bei einem nächtlichen Ausflug von seiner empörten Frau aus dem Tanzpalast abgeholt wird. In der Folge spitzt sich aber aufgrund der Arbeitslosigkeit Pinnebergs die Situation zu und die junge Familie muss am Ende in einer Gartenhütte leben.

Die auf dem Koffergrammophon abgespielten Lieder und Orchesterstücke verhelfen der Handlung zu einer zusätzlichen Authentizität wie auch die auf eine kleine Leinwand projizierten historischen Fotos von den Tanzsälen Berlins. All das wäre jedoch zu wenig für ein Gelingen des Formats – es würde unweigerlich van Nelsens Vorlesekunst fehlen. Die von Fallada geschilderten Stimmungen und Nuancen kann er mit Stimme und sparsamer Gestik präzise verdeutlichen.

Dass Jo van Nelsen ein beeindruckender Sänger ist, beweist er seit mehr als 25 Jahren mit vielen Programmen. Mit den Grammophon-Lesungen hat er sich auch als exzellenter Vorleser einen Namen gemacht und erinnert dabei an den 2002 verstorbenen Gert Westphal, der als „König der Vorleser“ gewürdigt wurde.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare