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Bad Vilbeler Burgfestspiele: »Ewig jung« - In kürzester Zeit um 50 Jahre älter

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Von: Annette Hausmanns

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Maskenbildnerin Nina König (l.) und Bühnen-und Kostümbildner Claus Stump begutachten die Gipsabdrücke und sprechen über die Kostümentwürfe. Sie sorgen für die perfekte Illusion: Darsteller werden so 50 Jahre älter. © Annette Hausmanns

Für die perfekte Illusion schlüpfen bei den Bad Vilbeler Burgfestspielen für »Ewig jung« mehrere Dutzend Darsteller in der Maske buchstäblich mit Haut und Haaren in ihre - älteren - Rollen.

Ewig jung?! Das funktioniert. Jedenfalls auf der Bühne der Bad Vilbeler Burgfestspiele. Und nicht nur in der gleichnamigen musikalischen Komödie. Obwohl: Sieben Menschen (Fünf Schauspieler und Schauspielerinnen und einen Pianisten) im Schnitt 50 Jahre älter aussehen zu lassen, ist schon eine Herausforderung.

Das finden auch Maskenbildnerin Nina König und ihr Kollege Claus Stump, der bereits im zehnten Jahr bei den Burgfestspielen für Bühnenbilder und Kostüme verantwortlich zeichnet. Selbst die etwas aufwendigere Verwandlung der »ewig jungen« Musicaldarsteller sehen die beiden Profis gleichwohl als ganz normalen Vorgang. Hinter den Kulissen begreift man bald, warum.

»Ewig jung« bei den Burgfestspielen: Das ist die erste Wahl beim Rollenwechsel

Über eine steile Treppe geht es hoch in die Maske. Farbtiegel, Pinsel und Okuliereisen geben sich ein illustres Stelldichein mit Styropor- und Holzköpfen in den Regalen. Nach Theaterstücken sortiert stehen Perücken, Haarteile und Bärte in Reih und Glied. König streicht sanft durch eine Haarmähne: »Haarfarbe, Haaransatz und Frisuren verändern unglaublich, sie sind die erste Wahl beim Rollenwechsel«. Rund 40 Stunden arbeitet die Maskenbildnerin an einer von Hand geknüpften Perücke.

In einer Kardätsche liegt ein Haarbündel in der Warteschleife. Um die Haare einzeln in die Montur aus feiner Gaze zu knüpfen, braucht es Fingerspitzengefühl und Geduld. Ebenso die maßgeschneiderten Brauen, Bärte, Koteletten oder schütteres Haar für »Die Comedian Harmonists«, für Hercule Poirot im »Orient-Express« oder Curtis in »Sister Act«.

»Ewig jung« bei den Burgfestspielen: Riesiger Fundus hinter den Kulissen

Je nach Rolle eigneten sich auch fertige Perücken. Sind die Modelle einmal fertig, werden sie vor jeder Aufführung frisiert oder auch während des Stücks zurechtgemacht - je nach Wetter und Temperatur gerade im Hochsommer mit überraschenden Regengüssen. »Wir haben einen riesigen Fundus«, erzählt König in ihrem dritten Festivaljahr in Bad Vilbel, »vieles wird wieder verwendet«. Sorgfältig aufgereiht liegen die Gipsabdrücke der »Ewig Jungen« auf dem Schminktisch. Je eine halbe Stunde mussten sie stillsitzen, als König ihnen vorsichtig die eingeweichten Gipsbinden auf die eingefetteten Gesichter legte, auch über die abgedeckten Augen. Nur die Nasenlöcher blieben frei.

Für passgenaue Gesichtsmasken oder Teilmasken wird Silikon in den Negativdruck gegeben und in Bildhauermanier zu einem plastischen Gesichtsteil modelliert, das im Idealfall derart flexibel ist, dass es von seinem Träger kaum noch wahrgenommen wird. »Das hilft, um sich auch innerlich zu verwandeln«, haben die Maskenbildnerin und der Ausstatter schon oft erleben dürfen.

»Ewig jung« bei den Burgfestspielen: Arbeit im laufenden Stück an zwei Maskenstationen

Vor jedem Stück schauen sie auf die zu besetzenden Rollen und die Darsteller, um gemeinsam zu entscheiden: »Was wollen wir verändern?«. Hier ein kürzerer Hals, dort ein Buckel, ein Bäuchlein oder ein steifer Rücken seien Körperveränderungen, die Gelegenheit geben, buchstäblich mit Haut und Haaren in die Rollen zu schlüpfen - eine Prozedur, die Stump gerne als Model selbst durchläuft. »Ich will wissen, wie sich das anfühlt, was wir tun«, bevor er Kostüme entwirft, Bühnenbilder, Beleuchtung, Requisiten.

Lange vor der Premiere steht der grobe Plan, Details werden im Team abgestimmt. Dazu gehört auch die Arbeit im laufenden Stück. Zwei Maskenstationen hinter der Bühne sind Pflicht, und je nach Anzahl der Kostüm-Umzüge eine wahre Herausforderung. »Alles über 30 Sekunden pro Umzug ist langweilig. Ab da fängt Theater an, Spaß zu machen«, grinsen Stump und König. Kreativität und Stressresistenz gehören zu ihren Berufen dazu. König erinnert sich an Oslo: Für den »Engel in Amerika« hatten sie acht Schauspieler in 70 Rollen umzuwandeln. Wenn wie in der skurrilen Revue »Ewig jung« jeder nur eine Rolle spiele, falle die Arbeit während des Stücks vergleichsweise entspannt aus. Gleichwohl: Drei Maskenbildner für sieben Mimen ist die große Ausnahme. Das Ergebnis: Täuschend echt und filmreif!

Etliche flotte Umzüge wird es indes bei »Sister Act« geben - und mit den äußeren auch komplette charakterliche Veränderungen, plaudern Stump und König aus dem Nähkästchen: »Selbst die Kollegen wussten auf Anhieb nicht, wer sich hinter der Maske verbarg.«

Info: Schauspielensemble im Altersheim

»Ewig jung« ist eine musikalische Komödie von Erik Gedeon. Eine skurril-komische Revue über ein Schauspielensemble im Altersheim. Die früheren Rollen werden noch einmal durchgespielt und weder Krückstock noch Prothese hindert die innerlich Junggebliebenen zu »Born to be wild« oder »Sex Bomb« abzurocken. Zu sehen ist das Stück ab Montag, 5. September, jeden Abend in der Wasserburg jeweils um 20.15 Uhr. Am Sonntag, 11. September, beginnt die Vorführung um 18.15 Uhr.

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Hier wird an der Perücke für »Herrn Schröpfer« für »Ewig jung« gearbeitet. © Annette Hausmanns

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