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Ein Feuerwerk an Geistesblitzen

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Von: Christine Fauerbach

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Mit erhobenem Finger und geschliffenen Worten: Schauspieler Walter Sittler lässt seine persönliche Sicht auf Dieter Hildebrandts Texte einfließen. © Christine Fauerbach

Bad Vilbel (cf). Schauspieler Walter Sittler war am Sonntag zu Gast auf der Vilbeler Burgbühne. Dort präsentierte er sein 2014 aus Notizen, Texten und Kommentaren des Kabarettisten, Schauspielers und Autors Dieter Hildebrandt (1927-2013) zusammengestelltes Programm »Ich bin immer noch da - Walter Sittler liest Dieter Hildebrandt«.

Sittler ist von der Bühne oder aus dem Fernsehen recht bekannt. In Serien spielt er oft den »Helden mit Herz«. Er war außerdem der Ermittler in »Der Kommissar und das Meer«.

Trotz hoher Temperaturen waren zahlreiche Gäste zur Matinee gekommen, um die Lesung zu erleben. Sie wurden mit einem Feuerwerk an Geistesblitzen, politischen Einsichten und humorvollen Einlagen belohnt. Sittler gelang es, mit Temperament, Spielfreude und Einfühlungsvermögen die verblüffend zeitlosen Kommentare und Reden Hildebrandts mit viel Authentizität zu Gehör zu bringen.

Der Träger des Adolf-Grimme-Preises, des Baden-Württembergischen Filmpreises und des Deutschen Fernsehpreises ließ dabei immer wieder seine persönliche Sicht auf das Werk Hildebrandts einfließen. Schnell zeigte sich, dass die Texte und Einschätzungen des scharfzüngigen Kabarettisten verblüffend weitsichtig und zeitlos sind. So wie auch der längere Monolog aus einer Rede von Herbert Wehner (1906-1990) zur Aufgabe der Opposition. Wer Sittler zuhörte, dem wurde schnell klar, dass sich auch nach über sechs Jahrzehnten erschreckend wenig in Politik und Gesellschaft verändert hat und alles seinen kapitalistischen Gang geht. »Der Staat muss sein Geld eintreiben, bei denen die keinen Anwalt oder Fonds haben.« Bei Hartz-IV-Empfängern gehe das leichter als bei Milliardären. So werde in Talkshows das Argument geliefert, es wäre falsch zu behaupten, »dass die Reichen immer reicher würden, denn sie würden zum großen Teilen herangezogen werden und den Löwenanteil des Steueraufkommens bezahlen. Würden sie das nicht mehr können, würden die Reichen ärmer werden und die Armen kein bisschen reicher. Außerdem, so heißt es treuherzig, mache die Globalisierung auch vor der Armut nicht halt.

Staunend registriere man, dass, je ohnmächtiger die Politiker werden, die Macht der Weltkonzerne gewaltig zunehme. Angesichts dieser Argumentation »fasst man sich an den Kopf und greift ins Leere.« Oder um es mit der ersten Strophe aus dem Gedicht »Weltlauf« von Heinrich Heine zu sagen, die Sittler rezitierte: »Hat man viel, so wird man bald, noch viel mehr dazubekommen. Wer nur wenig hat, dem wird auch das wenige genommen.« Der zentrale Konflikt unserer Zeit sei der Krieg reich gegen arm, was angesichts der Verdopplung der Zahl der Milliardäre und der Armen nicht verwundere.

Mit geschliffenen Worten wetterte Hildebrandt gegen Asylkritiker, den »Homo Politicus« im Allgemeinen und Rechtskonservative im Besonderen, Päpste, Kardinäle, den Streit zwischen Falken und Tauben in der katholischen Kirche, über die Pille danach, die Rolle der Medien, Sportberichte, von Managern und »Richter Feistmantel«. Dieser verkünde immer wieder, dass in Deutschland die Gefahr seit Bismarck immer von links komme. Hans Filbinger, Karl-Theodor zu Guttenberg und Christian Lindner, »der immer liefern will - dabei haben wir gar nichts bestellt«, nimmt er aufs Korn. »Lindner und Gutti ist Modern Talking in Berlin.«

Dies sind nur einige Beispiele aus dem unterhaltsamen Programm mit unbequemen Gedanken von Dieter Hildebrandt.

Das Burgfestspielpublikum war begeistert von Hildebrandts Humor, seinem scharfem politischen Verstand und wünschte sich die Kabarettsendung »Scheibenwischer« zurück auf die Bildschirme.

Mit der Zugabe des »Jahreszeiten«-Gedichtes endete das Fest für Freunde des intelligenten, politischen Kabaretts in der Wasserburg.

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